Reportage

C-Sides statt B-Sides: Das alternative Alternativ-Festival belebt die Stadt Luzern. Und kein Mensch merkt’s

Wegen Corona verlagern die Macher des B-Sides das Festival vom Sonnenberg in die Stadt Luzern. In den Massen von Flanierern geht das Programm unter wie ein leises Weinen in einer Horde Fussballfans. Trotzdem: Wohl selten hatten so viele Menschen Freude an einem Festival, von dem sie gar nicht merkten, dass sie dabei waren.

Text: Kilian Küttel, Bilder: Pius Amrein
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Auftritt von Angie Magaso & Blind Boy de Vita am Falkenplatz in der Stadt Luzern.

Auftritt von Angie Magaso & Blind Boy de Vita am Falkenplatz in der Stadt Luzern.

Dieser Artikel wäre schnell geschrieben. Musik: Hat gespielt. Leute: Hatte es nicht so viele. Wetter: War i.O. Sie könnten das lesen, Ihr Handy weglegen, weiter Netflix schauen und hoffen, dass Texte wie dieser pro Zeichen und nicht pauschal bezahlt werden. Oder aber, Sie lesen die Geschichte einer Gruppe engagierter Leute, die sich den Widrigkeiten von Corona nicht beugen wollten und versuchten, trotz aller Umstände etwas auf die Beine zu stellen. Sie könnten diese Geschichte lesen, die am Samstag, dem 20. Juni 2020, spielt – und die mit einem bubenhaften Gesicht beginnt, auf das eine blaue Dächlikappe ihren Schatten wirft.

«Weisst Du, als sich abzeichnete, dass wir das B-Sides wegen Corona nicht machen konnten, hatten wir das Meiste schon organisiert.» Dominik Unternährer sitzt auf der Terrasse des «Neubads» an der Bireggstrasse in Luzern. Rotes T-Shirt, besagte Dächlikappe, die Haare hinter die Ohren gekämmt. «Wir wollten aber nicht einfach aufgeben und das Festival ein Jahr ersatzlos ausfallen lassen. Also haben wir uns überlegt, was wir sonst machen könnten.» Unternährer, 32 Jahre alt, gehört zur neunköpfigen Leitung des B-Sides-Festivals. Also zu jenen Leuten, die das mittlerweile weit herum bekannte, dreitägige Musikfest auf dem Sonnenberg in Kriens veranstalten. Jedes Jahr im Juni findet es statt. Sollte es zumindest.

In normalen Jahren. Doch 2020 ist alles, aber nicht normal. Wäre das 21. Jahrhundert eine Grossfamilie, 2020 wäre die schrullige Tante im pinken Kunstpelz-Mantel, die über eine bedenkliche Affinität zu Kaffee-Lutz verfügt und Ansichten vertritt, über die man lieber gar nicht so genau aufgeklärt wird: nicht wirklich beliebt, aber wenn man am Familienfest neben sie gesetzt wird, findet man sich mit ihr ab und hofft, die Übung irgendwie unbeschadet hinter sich zu bringen.

Weil 2020 alles, ausser normal ist, gehört Unternährer heuer auch nicht zu den Veranstaltern des B-Sides sondern zu den Machern des C-Sides; dem alternativen Alternativfestival: «Wir wollten eine Veranstaltung auf die Beine stellen, die Musikalisches und Visuelles verbindet.»

Dem Konzept treu

Als Unternährer erzählt, ist es kurz nach 13.30 Uhr. Blasmusiktöne wabern auf die sonnenbeschienene Terrasse. Sie stammen von einem Video, das im Innern gezeigt wird. Vier Personen sitzen auf den blauen Rängen im Pool, essen Popcorn und schauen sich die Vorführung an. Sie ist genauso Teil des Ausweichprogramms wie eine Fotoausstellung oder ein T-Shirt-Druckworkshop ganz in der Nähe. Der Publikumsaufmarsch hält sich in sehr engen Grenzen. Zu schön ist das Wetter, zu zahlreich sind die Alternativen, den Samstag zu gestalten. Für Unternährer kein Problem: Im Zentrum des C-Sides steht ein Konzertabend im «Neubad», der um 18 Uhr beginnt. Angekündigt sind die Genfer Band «L’Eclair» sowie «Prune Carmen Diaz» und «Louis Jucker» aus Neuenburg. Die Veranstaltung ist auf 300 Personen begrenzt, sämtliche Tickets gingen schon im Vorverkauf weg: «Wir wollten tagsüber aber auch etwas bieten. Wenn nicht so viele Leute kommen, ist es halb so schlimm. Wichtig ist, dass alle Freude haben, die zu uns kommen.»

Egal ob B- oder C-Sides – die Veranstaltung vom Samstag passt zur DNA des Festivals und entspricht dem Credo der Organisatoren: weg vom Mainstream, hin zur Originalität. Dem Unbekannten eine Plattform bieten, Freude bereiten, wo es möglich ist. Die grossen Schlagzeilen, breiten Zuschauerströme und Kommerz waren und sind nicht das Ziel.

Angie Magaso & Blind Boy de Vita am Luzerner Falkenplatz

Angie Magaso & Blind Boy de Vita am Luzerner Falkenplatz

Bestens illustriert das die Szenerie, die sich kurz nach 15 Uhr am Falkenplatz abspielt, direkt vor dem Café Heini und dem «Old Town Record Store». Ein bärtiger Mann in blauer Hose mit Blumenmuster schüttelt seine imposante Mähne durch, setzt sich seinen asiatischen Hut auf den Schopf, tritt vor die Leute und schmettert ein: «Hallo zäme» ins Publikum. Mit einer Begeisterung, als hätte man sie im Wartezimmer beim Arzt aufgerufen, heben die Leute ihren Blick von den Café-Crèmes und den Mineralwassern, während «Blind Boy De Vita» die Saiten seiner Gitarre anschlägt und die Stimme hebt. Angie Magaso stimmt in den Gesang ein. Das Singer-Songwriter-Paar ist eine der beiden Formationen, die am C-Sides durch die Stadt Luzern tingeln und Platzkonzerte vor den Luzerner Plattenläden spielen: Also vor dem Old Town Record Store, dem «Co-Mix Remix» und dem September Vin & Vinyl in der Kasimir-Pfyffer-Strasse.

Kurz vor dem Auftritt sagt der Luzerner «Blind Boy» im Gespräch mit unserer Zeitung: «Es war schon eine Enttäuschung, dass das B-Sides abgesagt wurde. Aber jetzt spielen wir hier am C-Sides. Das ist mein erster Gig seit drei Monaten. Ich fühle mich endlich wieder wie mich selbst.» Das C-Sides lässt «Blind Boy» seine Leidenschaft ausleben, und das vor Publikum - auch wenn sich dieses in vornehmer Zurückhaltung übt. Vereinzelt bleiben die Leute stehen, lauschen den sanften Klängen, da und dort filmt jemand oder schiesst ein Bild. Das Gros der Flanierer aber schiebt sich weiter durch die Gassen der Luzerner Altstadt wie Vermicelle, dass durch einen Spritzschlauch gepresst wird.

Ähnlich ist das Bild vor dem Co-Mix-Remix-Plattenladen an der Pfistergasse. Während «Ophelia’s Iron Vest» ihr Repertoire zum Besten geben, verweilen einige Passanten auf der Strasse, klatschen, wippen, nehmen die lüpfige Gitarrenmusik in sich auf. Artigen, verhaltenen Applaus gibt es von den Gästen der angrenzenden Restaurants. Keine Jubelstürme zwar, doch Zufriedenheit allenthalben. Dem Publikum gefällt das Festival, obwohl die meisten kaum wissen dürften, dass sie gerade an einem sind. Ganz gleich ob in der Pfistergasse oder auf dem Falkenplatz, bei «Blind Boy De Vita», Angie Magaso oder «Ophelia’s Iron Vest», in der T-Shirt-Druckerei von Aurel Glatt an der Kleinmattstrasse oder im «Neubad»: Die Musik hat gespielt, Leute waren es nicht so viele, das Wetter war i.O. Von Kaufkraft und Publikum überrannt wurde an diesem Samstagnachmittag einzig die Altstadt, nicht aber das C-Sides. Doch das ist auch ganz gut so. Denn Freude hatte jeder, der gekommen ist und sich dem Gebotenen widmete: Künstler, Konzertbesucher, Einkaufstouristen in der Z’vieri-Pause. Genau das ist der Spirit des alternativen Luzerner Musikfestivals.

Der Auftritt von «Ophelia’s Iron Vest» an der Pfistergasse.

Der Auftritt von «Ophelia’s Iron Vest» an der Pfistergasse.

Gleich verhält es sich im Übrigen mit diesem Artikel, den Sie jetzt zu Ende gelesen haben. Er hat etwas mehr als 6000 Zeichen. Relativ viel, für einen Zeitungstext. Leider wird er pauschal bezahlt. Aber das interessiert Sie ja eh nur am Rande. Sie können jetzt weiter Netflix schauen.