CAMBRIDGE: Sie hirnte vier Jahre lang in England

Die Krienserin Susanne Schweizer (31) hat in Cambridge einen Doktor in Hirn­forschung gemacht. Dank eines Stipendiums von Microsoft-Gründer Bill Gates.

Mirjam Weiss
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Susanne Schweizer vor dem Eingang der Universität Cambridge.

Susanne Schweizer vor dem Eingang der Universität Cambridge.

Kann man durch Gedächtnistraining lernen, seine Gefühle besser zu kontrollieren? Dieser Frage ist Susanne Schweizer aus Kriens in den letzten Jahren nachgegangen. An der renommierten Universität von Cambridge in Grossbritannien hat sie einen vierjährigen Doktor im Bereich der Neurowissenschaften (Hirnforschung) gemacht. Als erste Forscherin hat die 31-Jährige die Verknüpfungen zwischen dem Arbeitsgedächtnis (Kurzzeitgedächtnis) und dem Gefühls-Kontroll-Zentrum im Gehirn untersucht. Über die Ergebnisse ihrer Forschung wurde sogar ein Artikel in der «Los Angeles Times» publiziert.

Hirntraining gegen Depressionen

Am Telefon erklärt uns Susanne Schweizer, wie sie bei ihrer Forschungsarbeit vorgegangen ist. 17 erwachsene Testpersonen haben während 20 Tagen ein halbstündiges Online-Gedächtnistrainingsprogramm absolviert, welches das zehnköpfige Forscherteam unter der Leitung von Susanne Schweizer entwickelt hatte. Das Spezielle daran: Es handelte sich um Gedächtnisübungen, bei denen unter anderem Bilder gezeigt wurden, die bei den Testpersonen negative Gefühle hervorriefen. Eine zweite Testgruppe machte während dieser Zeit ein einfacheres Gedächtnistraining ohne diese Bilder. Am Anfang und am Ende des Programms wurde zudem durch Messen der Hirnströme getestet, wie gut die Testpersonen ihre Emotionen kontrollieren konnten. Das Ergebnis: Die Gruppe mit dem emotionalen Gedächtnistraining hatte ihre Emotionen besser im Griff als die andere Gruppe. «Es sollte demnach möglich sein, mit Gedächtnistraining emotionalen Störungen wie Depressionen vorzubeugen oder diese sogar damit zu behandeln», schliesst Susanne Schweizer aus diesen Erkenntnissen. In den nächsten Monaten werden sie und ihr Team sich mit diesem Thema beschäftigen, indem sie das Gedächtnistrainingsprogramm bei Leuten mit einer Depression anwenden. «Unser Ziel ist es, das Gedächtnistrainingsprogramm künftig im Internet gratis für alle anzubieten», sagt Susanne Schweizer.

Ganze Welt bereist

Erfahrungen mit Neuland hat Susanne Schweizer nicht erst seit ihrer Doktorarbeit. «Mein Vater hat bei Nestlé gearbeitet, und ich verbrachte deshalb die Primarschulzeit erst in Sri Lanka, dann in Genf und schliesslich in Kriens», erzählt sie. Nach der Kanti in Luzern machte sie ein Zwischenjahr in Thailand, wo sie als Tauchlehrerin arbeitete. «Dort habe ich meinen damaligen Freund, einen Holländer, kennen gelernt und beschlossen, mit ihm nach Holland zu gehen und dort zu studieren», fährt sie fort. Ihre Studienwahl: Neuro-Psychologie an der Universität in Maastricht. Während des Studiums absolvierte sie dann ein Semester an der Yale University in den USA und kam schliesslich für den Forschungsteil ihrer Abschlussarbeit nach Cambridge, wo sie die Begeisterung für die Forschung endgültig packte. «Ich kann mir keinen besseren Job vorstellen, denn ich kann die Fragen stellen, die mich interessieren, und Antworten darauf suchen.» Dass die Hirnforschung noch in den Kinderschuhen stecke, mache den besonderen Reiz dieser Forschungsrichtung aus. «Ausserdem kann ich mir meine Arbeitszeit selber einteilen.»

Das war nicht immer so. Die Anfangszeit in Cambridge sei streng gewesen, erinnert sich Schweizer. «Es gab extrem intensive Phasen, in denen kaum Zeit für Hobbys blieb.» Dabei habe Cambridge sehr viel zu bieten, etwa ein grosses kulturelles Angebot. «Es ist auch eine sehr traditionsbewusste Universität», fährt sie fort. So gehöre jeder Student einem von 31 «Colleges» mit jeweils eigenen Regeln an. «Jeden Freitag essen alle Mitglieder eines Colleges beispielsweise gemeinsam an einer langen Tafel, wie bei Harry Potter», erzählt Susanne Schweizer schmunzelnd. «Vor dem Essen wird ein Tischgebet gesprochen, zu dem alle aufstehen.» Ausserdem gelte ein strenger Dresscode.

Heirat im Juli – Baby unterwegs

Dank eines Stipendiums der Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates und seiner Frau Melinda musste sich Susanne Schweizer zumindest um die Finanzierung ihres Doktorats keine Sorgen machen – sämtliche Kosten waren gedeckt. Dieses Stipendium ist, laut Homepage der Universität Cambridge, eines der prestigeträchtigsten internationalen Stipendien. Es wird jedes Jahr an etwa 50 Studenten und Doktoranden vergeben – bei einigen tausend Bewerbern.

Die «Bill & Melinda Gates Foundation» sei zudem eine Art Kontakt-Börse, erzählt Susanne Schweizer. «Über diese Stiftung habe ich meinen Verlobten kennen gelernt, einen Australier.» Die beiden erwarten ein Kind und wollen im Juli heiraten – in Cambridge. «Hier haben wir uns kennen gelernt und hier bleiben wir auch», sagt Schweizer lachend. Zumindest vorläufig – denn einiges aus der Schweiz vermisse sie schon, «zum Beispiel den Vierwaldstättersee, die Berge und die Schoggi.»