CARE-TEAM: Massiv mehr Notfallbetreuung

Noch nie hatte die Luzerner Notfallseelsorge so viele Einsätze wie 2015. Jetzt braucht die Organisation unbedingt Nachwuchs. Denn: Einige Mitarbeiter mussten entlassen werden.

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Das Care-Team leistet Unterstützung, wenn das Schlimmste eintrifft. (Bild: Getty)

Das Care-Team leistet Unterstützung, wenn das Schlimmste eintrifft. (Bild: Getty)

Bei aussergewöhnlichen Todesfällen wie Suiziden, Unfällen, Verbrechen stehen sie bereit: die 30 Männer und Frauen der ökumenischen Notfallseelsorge/Care-Team des Kantons Luzern.Die neusten Zahlen zeigen, dass die Notfallseelsorger und Care-Givers (siehe Kasten) letztes Jahr massiv mehr Einsätze hatten. Während die Notfallseelsorge im Jahr 2014 49 Einsätze zählte, waren es im vergangenen Jahr mit 82 fast doppelt so viele. Demzufolge haben auch die Einsatzstunden etwa um den Faktor zwei zugenommen. Standen die Care-Givers 2014 noch 379 Stunden im Einsatz, leisteten sie 2015 bereits 718 Stunden (siehe Grafik).

2015: Zwei grosse Einsätze

Ganz grosse Einsätze, wie jener beim Amoklauf 2013 in Menznau, hat es vergangenes Jahr keine gegeben. Christoph Beeler, Co-Leiter der Notfallorganisation, sagt auf Anfrage, dass die Zahl der ausserordentlichen Todesfälle wie etwa Suizide und Arbeitsunfälle sich im Rahmen der Vorjahre bewegten. Er erwähnt aber zwei Ereignisse, welche die Zahl der Einsatzkräfte und -stunden 2015 in die Höhe schnellen liessen:

  • Der Fall eines 57-jährigen KV-Lehrers, der sich im Juni an der Luzerner Schule angezündet hat und vor Ort gestorben ist. Während normalerweise zwei Personen vom Care-Team bei einem Todesfall im Einsatz stehen, waren es da deutlich mehr, «um alle vom Todesfall Betroffenen wie Lehrer, Schüler und Angehörige zu betreuen», sagt Beeler. Während insgesamt 76 Stunden war die Notfallseelsorge hier im Einsatz.
  • Ebenfalls ein grösseres Aufgebot von Care-Givers gab es in Horw, wo am 11. August ein 16-Jähriger im Strandbad Winkel ertrunken ist. Die Jugendlichen befanden sich in der Einführungswoche für Lehrlinge.

Formulierung der Todesnachricht

Bei solch tragischen Geschehnissen kümmern sich die Mitarbeiter um die Angehörigen, unverletzte Beteiligte und Zeugen. Ihre Aufgabe besteht darin, «die Ressourcen der Betroffenen zu aktivieren, um die unmittelbare Situation bewältigen zu können», erklärt Beeler. Notfallseelsorger helfen den betroffenen Personen etwa beim Informieren der Angehörigen oder des Arbeitgebers. «In der Regel machen das die betreuten Personen selbst. Wir helfen, wenn nötig, beim Eintippen von Telefonnummern oder beim Formulieren der Todesnachricht.» Ferner beraten die Care-Giver Vorgesetzte wie Personalverantwortliche, Schul- oder Heimleitungen bei Unsicherheiten und der Planung der nächsten Schritte.

Zweier-Teams zum Selbstschutz

Die Arbeit als Helfer verlangt einem viel ab, weiss Christoph Beeler, der selber als Notfallseelsorger im Einsatz steht. Deshalb hat sich die Organisation entschieden, in der Regel Zweier-Teams vor Ort zu schicken. Dies sei sicher mit ein Grund, warum die Einsatzstunden gestiegen sind, erklärt Beeler. Ihm sei wichtig, dass die Betreuer den Fall abgeben können, wenn sie nicht mehr weiterkommen oder erschöpft sind. Die Betreuung von Angehörigen kann bis zu vier Stunden dauern, «da ist man froh, wenn man nach einer gewissen Zeit den Fall einem Kameraden übergeben kann». Zudem sei ein Zweier-Team auch sinnvoll für die Verarbeitung dieser Einsätze, «weil die Care-Givers dann über das gemeinsam Erlebte sprechen können».

Weiter erklärt der Co-Leiter, dass die Fälle an Komplexität zugenommen hätten. Im Gegensatz zu früher, wo die Pfarreien oder Kirchgemeinden bei einer Tragödie eine wichtige Ansprechperson waren, greift man heute eher auf ein Care-Team zurück. Beeler: «Wir haben vermehrt auch mit Betroffenen zu tun, die kaum über ein soziales Netz verfügen und niemanden haben, der sie in der Not auffangen könnte.»

AHV-Bezüger mussten gehen

Die 2002 gegründete Organisation beschäftigt derzeit 30 Mitarbeiter, die aktiv im Dienst stehen. Weitere zehn Care-Givers sind noch in der Erstausbildung. Jeder freiwillige Helfer muss pro Jahr mindestens 20 Tage Pikettdienst leisten. Vor ungefähr einem Jahr sagte Beeler gegenüber unserer Zeitung, dass der Sollbestand bei 50 Mitarbeitern liege. Hat sich in der Zwischenzeit also nichts verändert? Beeler: «Wir haben ein Dutzend neue Mitarbeiter rekrutiert. Doch wir hatten etwa gleich viele Abgänge im letzten Jahr.» Ein Grund für die Abgänge ist ein neues Bundesgesetz. Dieses schreibt vor, dass jene Personen, die AHV beziehen, keine Freiwilligenarbeit mehr beim Zivilschutz leisten dürfen. «Das hat uns geärgert», räumt Beeler ein. Deswegen habe er Mitarbeiter verloren. Weitere Care-Givers hätten aus beruflichen oder privaten Gründen gekündigt.

Budget wurde verdoppelt

Erfreut ist Beeler, dass trotz allgemeiner Sparübungen des Kantons das Budget nicht gekürzt wurde. «Ich führe dies auf die grosse Wertschätzung zurück, die der Care-Arbeit entgegengebracht wird.» Das Jahresbudget, welches vom Kanton und den Landeskirchen kommt, wurde heuer von 70 000 auf 140 000 Franken verdoppelt. Dieses Geld wird auch dringend gebraucht, wie Beeler sagt. Grund: Die Aus- und Weiterbildungen von mindestens 10 weiteren Care-Givers kosten. Zudem will man das bestehende Team mit diversen Kursen à jour halten.

Yasmin Kunz

Zwei Kurse nötig

Von den momentan 30 Mitarbeitern der ökumenischen Notfallseelsorge sind sieben Personen Seelsorger. Die weiteren Fachpersonen, sogenannte Care-Givers, stammen in der Regel aus dem Pflegebereich, der Beratung oder der Psychologie.

Zivilschutz zahlt die Kosten

Um als Care-Giver im Einsatz zu stehen, müssen nach einem Bewerbungsverfahren zwei dreitägige Kurse absolviert werden. Beide Schulungen werden vom Zivilschutz durchgeführt und auch bezahlt. Die Kosten für die beiden Ausbildungen belaufen sich auf rund 2000 Franken.

Bereits nach dem ersten Kurs übernimmt man Pikettdienst und betreut eventuell die ersten Angehörigen. Der zweite Kurs erfolgt nach erster Praxiserfahrung. Derzeit absolvieren zehn Mitarbeiter die Ausbildung zum Care-Giver.

Infos: www.notfallseelsorge.ch/portal/luzern