Cargo sous terrain
Luzern soll spätestens 2045 erschlossen werden – Zentralschweizer Politiker sprechen von «innovativem Projekt»

Bis 2045 sollen Güter in der Schweiz unterirdisch transportiert werden. Auch die Zentralschweiz soll an das Netz von Cargo sous terrain angebunden werden. Wie und wo ist aber noch nicht klar.

Niels Jost
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Von der Schiene und der Strasse unter die Erde: In 10 bis 20 Jahren sollen Nahrungsmittel, Kleider, Elektrogeräte oder andere Güter in Tunnels von A nach B gebracht werden. Ein rund 500 Kilometer langes Netz soll Produktions- und Logistikstandorte mit städtischen Zentren in der ganzen Schweiz miteinander verbinden. Die Produkte sollen rund um die Uhr von selbstfahrenden, unbemannten Fahrzeugen mit 30 Stundenkilometern transportiert werden. Das reduziert die Verkehrs- und Lärmemissionen an der Oberfläche.

Mit solchen kleinen Fahrzeugen sollen Güter unter der Erde transportiert werden.

Mit solchen kleinen Fahrzeugen sollen Güter unter der Erde transportiert werden.

Visualisierung: PD/Cargo sous terrain

Noch sind dies futuristisch anmutende Pläne, welche die Cargo sous terrain AG verfolgt. Doch Stück für Stück konkretisiert sich das Vorhaben, das etwa 33 Milliarden Franken kostet. Am vergangenen Dienstag hat der Ständerat ohne Gegenstimme einer gesetzlichen Grundlage zugestimmt. Eine erste Teilstrecke soll bereits 2031 den Raum Härkingen-Niederbipp mit Zürich verbinden. Die Planungskosten von rund 100 Millionen Franken hat die AG bereits über ihre Aktionäre gesammelt.

So funktioniert Cargo sous terrain: Industrie- und Logistikzentren sollen unterirdisch mit städtischen Zentren verbunden werden.

So funktioniert Cargo sous terrain: Industrie- und Logistikzentren sollen unterirdisch mit städtischen Zentren verbunden werden.

Visualisierung: PD/Cargo sous terrain

Luzern soll spätestens 2045 erschlossen werden

Doch was ist mit der Zentralschweiz? Gemäss den Plänen von Cargo sous terrain soll auch Luzern an das Netz angeschlossen werden. Wo, ist allerdings noch unklar, wie Patrik Aellig, Leiter Kommunikation und Public Affairs, sagt. «Ein Anschluss an das Netz macht grundsätzlich dort Sinn, wo es bereits bestehende Logistikzentren gibt.»

Diese Teilstrecken soll Cargo sous terrain 2045 aufweisen ‒ insgesamt ein 500 Kilometer langes Netz.

Diese Teilstrecken soll Cargo sous terrain 2045 aufweisen ‒ insgesamt ein 500 Kilometer langes Netz.

Karte: PD/Cargo sous terrain

Aktuell führe Cargo sous terrain Studien durch, die aufzeigen sollen, welche Gebiete nach der Teilstrecke Härkingen‒Zürich geplant werden können. «Unser Ziel ist es, bis 2045 den Bau des Gesamtnetzes abgeschlossen zu haben», so Aellig. Neben den technischen Möglichkeiten würde jeweils auch die Wirtschaftlichkeit analysiert. Aellig: «Wir werden mit allen beteiligten Kantonen das Gespräch suchen.» Auch die Gemeinden und Bevölkerung sollen einbezogen werden. Mit welchen Kantonen und Gemeinden bereits ein erster Austausch stattgefunden hat, will Aellig nicht kommunizieren.

Mit Blick auf die Stadt Luzern stellt sich die Frage, was ein Anschluss von Cargo sous terrain für den Durchgangsbahnhof bedeuten würde. «Dass wir einen Anschluss von Luzern anstreben, haben wir bereits kommuniziert. Wir können dazu im Moment keine weiteren Infos bekanntgeben.» Wie Patrik Aellig ausführt, werde aber an allen möglichen Standorten geprüft, ob man planerische und bauliche Synergien nutzen könne.

Nidwaldner Ständerat setzt sich für Projekt ein

Das Ja des Ständerats wertet Patrik Aellig als «ausserordentlich wichtig». Dafür eingesetzt hatte sich unter anderem Hans Wicki. Der Nidwaldner Ständerat ist Vizepräsident der zuständigen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF). «Das Projekt ist futuristisch und visionär, aber zugleich an der Realität orientiert und sehr unternehmerisch», sagt der FDP-Politiker, der im Unterstützungskomitee von Cargo sous terrain ist.

«Mir gefällt, dass private Investoren zusammengefunden haben, um eine Aufgabe im öffentlichen Interesse zu lösen.»
Hans Wicki lobt das «visionäre Vorhaben» der Initianten.

Hans Wicki lobt das «visionäre Vorhaben» der Initianten.

Bild: Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Als Nächstes wird das Gesetz im August von der nationalrätlichen KVF behandelt. Präsident ist der Luzerner Nationalrat Michael Töngi. Auch er spricht von einem «innovativen Projekt». «Grundsätzlich stehe ich Cargo sous terrain positiv gegenüber», so der Grüne-Nationalrat aus Kriens.

Einerseits finde er es «toll», dass es für das Milliarden-Projekt private Investoren gebe und die Innovation angetrieben werde. Andererseits werfe dies auch Fragen auf: Wie ist die Finanzierung abgesichert? Gibt es tatsächlich einen freien Zugang zum Transportsystem? Und daher: Wäre es nicht doch Aufgabe des Staates, eine solch grundlegende Infrastruktur bereitzustellen, wie dies bereits bei den Strassen und Schienen der Fall ist? «Diese Fragen müssen in der weiteren Debatte diskutiert und geklärt werden», findet Töngi.

Staatliche Aufgabe oder nicht?

Ein kritisches Auge müsse man auch dann auf das Projekt werfen, wenn es darum gehe, welche Region erschlossen würden. Töngi: «Wenn ein Privater das Netz realisiert, muss sich die Erschliessung wirtschaftlich lohnen. Eine Garantie, dass neben der Hauptlinie durchs Mittelland auch andere Regionen erschlossen werden, gibt es nicht.»

Michael Töngi ist Präsident der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF).

Michael Töngi ist Präsident der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF).

Bild: Peter Schneider / KEYSTONE

Dass nicht alle Regionen berücksichtigt werden können, ist für Hans Wicki klar. «Das gehört eben zur unternehmerischen Freiheit von Cargo sous terrain ‒ sie bestimmt die Streckenführung selbst, nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dafür finanzieren sie ihr Vorhaben auch privat. Am Schluss wird die ganze Schweiz profitieren.» Wicki sagt weiter: «Die Beförderung von Stückgut gehört ganz sicher nicht zu den Aufgaben des Staates.» Auch auf der Strasse und Schiene würden Private den Gütertransport finanzieren. Wenn es Unternehmen nun schaffen, ein neues Infrastruktursystem aufzubauen, sei das umso besser – schliesslich müssten dadurch die immer stärker ausgelasteten Strassen und Schienen wohl weniger ausgebaut werden mit öffentlichen Geldern.

Wicki hält Cargo sous terrain noch aus einem anderen Grund für ein wegweisendes Projekt. «Es könnte dereinst als Vorbild dienen für eine Swiss Metro.» Es wäre nicht das erste Mal, dass die Schweiz in Sachen Transport eine Pionierleistung erbringen würde.