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CHOR: «Wir möchten es gut haben miteinander»

Musik ist eine universelle Sprache und kennt keine Grenzen. Dirigentin Moana N. Labbate lässt Einheimische, Migranten und Asylsuchende zusammen singen. Heute sind sie alle in Reiden zu hören.
Susanne Holz
Das Glück der Erde liegt auch inmitten ihrer Chöre – oder warum sonst singen die Menschen so gerne zusammen? In Willisau derzeit quer durch die Nationen. (Bild: Pius Amrein (Willisau, 21. Juni 2017))

Das Glück der Erde liegt auch inmitten ihrer Chöre – oder warum sonst singen die Menschen so gerne zusammen? In Willisau derzeit quer durch die Nationen. (Bild: Pius Amrein (Willisau, 21. Juni 2017))

Susanne Holz

Im Bürgersaal in Willisau stehen am Mittwochabend rund 50 Menschen vereint vor grossen Bogenfenstern, unter einer Holzdecke mit schönen Balken, geborgen zwischen weiss getünchten Wänden. Es ist draussen heiss und drinnen etwas stickig – Hochsommer im Juni. Der längste Tag im Jahr. Doch das hält all die Männer und Frauen, Erwachsenen und Kinder nicht vom Singen ab. Sie tragen ein Lachen im Gesicht und mal hellere, mal dunklere Farbnuancen auf der Haut.

Sie tragen Hosen, bunte Sommerkleider, ein T-Shirt mit der Aufschrift «Paris» oder eines mit hellblauem Herzen auf leuchtendem Pink. Und sie folgen mit ihren Stimmen einer Afrikanerin mit Hut in ihrer Mitte, die «A-la-le-ie» singt: ein Liebeslied aus Eritrea. Die Dirigentin Moana N. Labbate – schwarze Locken, weisse Hose, blaue Bluse, Sonne im Gesicht – gibt Anweisungen. Es soll geklatscht werden, der Gesang soll mal an-, mal abschwellen.

Nur sechsmal hat der Chor geprobt – vor seinen grossen Auftritten dieses Wochenende zum Auftakt der kantonalen Luzerner Aktionswoche Asyl (siehe Box auf Seite 24). Und er tönt erstaunlich sicher und gut. Es folgt ein Lied aus England: «Row your boat». Dann eines aus Spanien: «Barabba Ba». Beim spanischen Lied wird der kleine Junge mit den schwarzen Locken, der gerade noch so konzentriert verträumt geschaut hat, die Hände in die Taille gestützt, die kleinen Füsse in grossen Sandalen – dieser kleine Junge also wird plötzlich ganz fröhlich und lacht und klatscht. Und auch das hellhäutige Mädchen neben ihm ist mit Feuereifer bei der Sache. Dieses Lied scheint besonders zu gefallen.

Etwas Bewegung zum Singen ist immer gut. Chorleiterin Labbate gibt ein Zeichen und fordert auf: «Einmal singen, einmal bewegen.» Viele Hände gehen nach oben, viele Hände gehen zur Brust. Der Chor übt noch Lieder aus aller Welt ein, Finnland, Ungarn, Italien, Afghanistan, Liberia. Es bleibt heiss, und es bleibt hell – immer wieder fächeln sich die Sängerinnen und Sänger mit ihren Programmen Luft zu.

Ein Zopfbrot fürs Begegnungsfest und eine Win-win-Situation

Nach der Probe sitzt oder steht man draussen vor dem Bürgersaal und redet miteinander. Es geht ums Begegnungsfest am Wochenende. Ein Chormitglied bietet an, ein Zopfbrot beizusteuern. Karin Leichtle vom Internationalen Frauentreff Willisau und Reto Danuser vom Willisauer Café International freuen sich übers grosse Engagement. Beide singen auch im Chor mit, und beide haben dem Projektchor Willisau geholfen, Migranten und Asylsuchende für sein spezielles Chorprojekt zu begeistern. «Der Chor fürs Begegnungsfest setzt sich wohl zu einem Viertel aus Leuten vom Frauentreff, zu einem weiteren Viertel aus Leuten vom Café und zur restlichen Hälfte aus den eigenen Mitgliedern, anderen Schweizern und Migranten zusammen», schätzt Reto Danuser.

Das Chorprojekt mit den Migranten und Asylsuchenden stelle eine Win-win-Situation dar: «Wir bekommen dadurch auch wieder Werbung fürs internationale Café und den internationalen Frauentreff.» Gleiches gilt für die Integrationsgruppe Reiden und Umgebung, deren Vorsitzender Beat Schwegler festes Mitglied beim Projektchor Willisau ist. Aus Reiden kamen zu Beginn viele singfreudige Menschen aus Eritrea zu den Proben. Doch bald wurden es weniger: «Einige haben Arbeit gefunden, und deshalb wurde es ihnen zu viel mit dem Chor», erzählt Beat Schwegler. Karin Leichtle findet: «Das kann ich verstehen – die sind abends einfach völlig kaputt nach der Arbeit.»

Zum Wermutstropfen für das Projekt «Migranten- und Asylbewerberchor» wurde zudem der Fakt, dass die zweite Hälfte der Probenzeit in den Ramadan fiel. Und wer den ganzen Tag fastet und erst bei Dunkelheit isst, der geht abends nicht mehr singen.

Doch alles in allem ist die Stimmung bei und nach dieser Hauptprobe sehr positiv. Solistin Lia Bairu kommt aus Eritrea und lebt seit fünf Jahren in der Schweiz. Die 48 Jahre alte Sängerin und Tänzerin lebt zusammen mit ihrem jüngeren Sohn in Wolhusen, der ältere Sohn wohnt in Bern. Lia lernt Deutsch in einer Schule und mag die Schweiz: «Den Frieden hier», sagt sie, «und den Respekt voreinander.» Die Menschen seien sehr hilfsbereit. Den Chor findet sie klasse – ist sie ja von Beruf schon Sängerin.

Chaha aus Syrien ist keine professionelle Sängerin, hat aber laut Beat Schwegler eine «sehr gute Stimme». Sie ist zusammen mit ihrer jüngsten Tochter Solin (7) aus Reiden zur Probe gekommen. Die 35-jährige Chaha lebt seit dreieinhalb Jahren mit ihrem Mann und den fünf Kindern in Reiden. Sie besucht einen Deutschkurs, die Kinder gehen in die öffentliche Schule. «Es gefällt uns sehr gut hier», erklärt Chaha. Sie möge die Menschen, und die Kinder gingen gerne in die Schule. Die Familie kann in der Schweiz bleiben. «Wir geben dich auch nicht mehr zurück», meint Beat Schwegler mit einem Lachen. Rund 7000 Einwohner habe Reiden, und rund 30 Asylbewerber, die alle in Wohnungen untergebracht seien.

Im Gegensatz zu Lia aus Eritrea und Chaha aus Syrien lebt Sherife Limani schon fast 20 Jahre hier – seit 1998. Die Mazedonierin folgte mit ihren damals 10 und 9 Jahre alten Söhnen ihrem Mann nach Hergiswil – im Zuge des Kriegs in Jugoslawien. Interessant ist: Obwohl bestens integriert und schon lange in der Schweiz, hat Sherife noch Heimweh nach Mazedonien. «Heimat ist Heimat», sagt sie.

«Heimat ist Heimat» und Sprache ist alles

Ihr gefalle die Natur in der Schweiz, aber die Integration sei schwierig gewesen: «Es braucht die Sprache, sonst bekommt man keine Kontakte.» Um die Sprache zu lernen, brauche es wiederum Interesse: «Dann klappt es.» Sie habe zuerst aus den Schulbüchern ihrer Söhne Texte abgeschrieben, dann habe sie einen Kurs besucht. Sherife erzählt: «Ich wollte damals gleich etwas arbeiten, aber ich musste zuerst die Sprache lernen und für meine Kinder da sein, damit auch die etwas erreichen.»

Und das haben sie: Der ältere Sohn arbeitet heute als Molekularbiologe bei Roche in Schlieren, der jüngere, ebenfalls Hochschulabsolvent, ist bei der CKW Conex AG in Luzern angestellt. Sherife wiederum ist seit rund 15 Jahren im Alters- und Pflegeheim Hergiswil tätig. Zusätzlich gibt sie als noch in Mazedonien ausgebildete Lehrerin Albanischkurse an der Schule in Willisau – im Rahmen des Angebots «Heimatliche Sprache und Kultur» (HSK).

Sherife besucht regelmässig den Frauentreff in Willisau und kam so zum Chorprojekt. «Der Chor macht Spass», sagt sie. Und lacht: «Mir gefällt vor allem das Miteinander.» Die 53-Jährige findet es sehr schön, dass «Menschen so etwas organisieren für Menschen aus anderen Ländern». Das sei eine sehr gute Sache für Leute, die neu im Land seien. «Mitmachen zu dürfen, ist etwas Grosses.» Sherife schweigt kurz und fügt an: «Dann fühlt man sich nicht fremd.»

Frauentreff-Leiterin Karin Leichtle äussert sich begeistert über all das, was die Migrantin aus Mazedonien schon geleistet hat. «Sie ist sehr fleissig, hat sich ein Netzwerk aufgebaut und vor Jahren den Anstoss zum Internationalen Frauentreff Willisau gegeben – weil sie eine Möglichkeit suchte, im Alltag Deutsch reden zu können.» Den Frauentreff gibt es seit nun 14 Jahren: Frauen aller Nationalitäten treffen sich einmal im Monat im Haus Zehntenplatz 2 in Willisau.

Es mangelt an Lehr- und Arbeitsstellen

Karin Leichtle ist froh über das Chorprojekt, gibt aber auch offen zu: «Die sechs Proben waren für mich viel. Mein Leben ist schon sehr voll. Aber die Idee ist einfach super.» Karin unterrichtet an der Schule in Willisau Deutsch als Zweitsprache und gibt Deutschkurse für fremdsprachige Erwachsene in Willisau. Somit kennt sie die Sorgen und Nöte der ausländischen Mitbürger. Man möchte wissen, was sie für einen Eindruck hat. Wie geht es den Migranten?

«Das ist ganz unterschiedlich», sagt Karin Leichtle. Reto Danuser, Leiter des Willisauer Café International, erklärt ohne Umschweife: «Das Problem ist, dass viele Migranten weder Arbeits- noch Lehrstelle bekommen. Die administrativen Hürden für die Arbeitgeber sind zu hoch.» Das betreffe sowohl Menschen mit N- (für die Dauer des Asylverfahrens) als auch mit F-Status (vorläufig aufgenommene Ausländer). Doch Arbeit bedeute Anerkennung, sie sei sehr wichtig fürs Selbstwertgefühl.

Karin Leichtle wiederum lobt die vielen Integrationsprojekte in Willisau: «Es gibt Asylpatenschaften über die Schulen, es gibt das Tandem-Projekt der Gemeinde – da helfen gut integrierte Migranten neu zugezogenen Migranten, und es gibt die HSK-Kurse für Albanisch und Russisch.» Die Gemeinde schätze auch die Arbeit des Frauentreffs.

Den Raum für Reto Danusers Café International stellt jeden Donnerstag die katholische Pfarrei kostenlos zur Verfügung. Reto Danuser preist das Café als Plattform zum Kennenlernen, zum Austausch, zur Integration. «Es ist ein Erfolg», meint er zufrieden.

Sitzt man an diesem wunderschönen Juniabend vor dem Bürgersaal in Willisau, hat man das Gefühl, es könnte eigentlich überall so gut klappen mit der Eingliederung der Migranten. Es bräuchte nur überall so nette und engagierte Menschen wie Reto Danuser oder Moana N. Labbate. So bietet Reto Danuser auch noch gratis eine Deutschbegleitung an: «Für Menschen mit N-Status, die noch keinen Deutschkurs bekommen oder für solche, die zusätzlich trainieren wollen.»

Chorleiterin Labbate erzählt, dass es zwei Jahre gedauert habe von der Idee bis zur Realisierung des aktuellen Chorprojekts. «Im Fernsehen sah ich einen Bericht über Fussball mit Migranten und dachte: Singen wäre auch schön!» Natürlich sei das nun endende Projekt speziell. Man habe Abgänge verzeichnet, gerade während des Ramadan. Handkehrum: «Es war ein niederschwelliges Angebot. Und es gab sehr viele berührende Momente während der Proben.»

Vorstandsmitglied Pius Kunz lobt die Vorgehensweise der Dirigentin: «Sie hat alle Sängerinnen und Sänger auf die gleiche Ebene gebracht – trotz unterschiedlichster Voraussetzungen. Es wurde schlicht ohne Text und Noten gesungen. Vorsingen, nachsingen, fertig. Alles lief und läuft übers Gehör.» Moana N. Labbate sieht glücklich aus. Sie sagt: «Singen erzeugt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Kulturell übergreifend. Wir sind alle Menschen. Wir möchten es einfach gut haben miteinander.»

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