Christen und Juden aufeinander angewiesen

Laut Kardinal Kurt Koch sind im Verhältnis zwischen Judentum und katholischer Kirche seit dem Konzil grosse Fortschritte erzielt worden. Doch sei der Dialog immer wieder Bewährungsproben ausgesetzt, denn die Geissel des Antisemitismus scheine unausrottbar zu sein.

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Kurt Koch, kurz nach seiner Ernennung zum Kardinal im November 2010 in Rom. (Bild: Philipp Schmidli/Neue LZ)

Kurt Koch, kurz nach seiner Ernennung zum Kardinal im November 2010 in Rom. (Bild: Philipp Schmidli/Neue LZ)

Kardinal Kurt Koch hat die Perspektiven zum jüdisch-christlichen Dialog im Hinblick auf das Jubiläumssymposium des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern erörtert. Weil der gebürtige Emmenbrückler aus gesundheitlichen Gründen nicht Persönlich in Luzern anwesend sein konnte, hat am Dienstag Pater Norbert Hofmann, Sekretär der päpstlichen Kommission für die Beziehungen mit dem Judentum, die Rede vorgelesen.

Kurt Koch sieht den Beginn des systematischen Dialoges der Katholiken mit den Juden in der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen. Das Dokument «Nostra aetate» sei aus einer Gewissenserforschung nach «dem beispiellosen Verbrechen der Schoah» hervorgegangen.

Die Neubestimmung des Verhältnisses zu den Juden, so Koch, habe «reiche Früchte» erbracht. So seien mehrere Dokumente und ein institutionalisierter Dialog auf globaler Ebene daraus hervorgegangen. Deutlich habe sich gezeigt, dass Christen und Juden unwiderruflich aufeinander angewiesen seien, dass der Dialog Pflicht sei.

Von Johannes Paul II. zu Benedikt XVI.

Obwohl schon Papst Paul V. entscheidende Schritte zur Annäherung an das Judentum unternommen habe, sei dieses Engagement in der weiteren Öffentlichkeit erst in der Gestalt von Johannes Paul II. wirklich wahrgenommen worden. In seinem langen Pontifikat habe er die Weichen gestellt und klar gemacht, dass es kein Zurück mehr gebe.

Auch der heutige Papst will laut Koch das Versöhnungswerk seines Vorgängers fortsetzen. Umso mehr, als er als damaliger Präfekt für die Glaubenslehre das Bemühen von Johannes Paul II. mitgetragen habe. Für Benedikt XVI. könne das Alte und das Neue Testament nur als ein Buch wirklich verstanden werden. Kein Papst habe so viele Synagogen besucht wie Benedikt XVI., schreibt Kardinal Koch. Allerdings seien diese Aktivitäten von seinem persönlichen Stil geprägt. Während Johannes Paul II ein Sensorium für grosse Gesten und starke Bilder hatte, setze Benedikt vor allem auf die Kraft des Wortes und der demütigen Begegnung.

Offene Fragen

Offene Fragen im Dialog ortet Koch im Theologischen, so etwa bei der Frage des Heilsweges. Nach christlichem Verständnis dürfe es nicht verschiedene Wege zum Heil (Kirche und Judentum) geben. Solche Fragen bedürften weiterer Reflexion. Koch zitiert dazu Kardinal Walter Kasper: «Wir stehen erst am Anfang eines neuen Beginns. Viele exegetische, historische und systematische Fragen sind noch immer offen und wahrscheinlich wird es immer solche Fragen geben.»

Für Kardinal Koch ist klar, dass der Dialog immer wieder neuen Bewährungsproben ausgesetzt ist. Einerseits scheine die Geissel des Antisemitismus auch in der heutigen Zeit unausrottbar, und zwar nicht nur bei Traditionalisten, sondern auch bei liberalen Strömungen der heutigen Theologie. Andererseits müsse der Forderung des Zweiten Vatikanischen Konzils nach gegenseitiger Kenntnis und Achtung weiterhin Nachachtung verschafft werden. Das sei die Voraussetzung, um eine neuerliche Entfremdung zu verhindern.

sda/zim