Corona als Therapiehelfer für Suchterkrankte in Luzern: «Es scheint fast, als ob es eine Krise gebraucht hat»

Die Coronakrise sorgt im Luzerner Suchtbehandlungszentrum «Akzent» für positive Effekte. Klienten haben kaum Rückfälle.

Stephan Santschi
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Auch für Gruppengespräche im Suchtbehandlungszentrum «Akzent» gilt die Fünf-Personen-Regel.

Auch für Gruppengespräche im Suchtbehandlungszentrum «Akzent» gilt die Fünf-Personen-Regel.

Bild: Nadia Schärli (Obernau, 29. April 2020)

Therapiealltag im Ausnahmezustand. Auch das Luzerner Suchtbehandlungszentrum «Akzent» durchläuft eine spezielle Zeit, steht unter dem Einfluss des grassierenden Coronavirus. «Das habe ich noch nie erlebt», sagt Markus Bachmann, der Bereichsleiter der Suchttherapie. Sein Lächeln deutet an, dass er dies nicht negativ meint, ganz im Gegenteil. «Was hier passiert, ist hochtherapeutisch. Die Coronakrise hat bei uns etwas in Bewegung gesetzt. Es scheint fast, als ob es eine Krise gebraucht hat.»

Angesprochen ist das Verhalten der über 20 Personen, die derzeit in Obernau und Malters eine stationäre Entwöhnungstherapie machen. Ihr Leben ist aus den Fugen geraten – wegen Missbrauchs von Suchtmitteln wie Alkohol, Cannabis oder Medikamenten. Nun befinden sie sich auf dem Weg zurück in die Gesellschaft, meist kommen sie im Anschluss an eine vier- bis achtwöchige Entzugsbehandlung in der Klinik St. Urban zu «Akzent», wo sie im Schnitt weitere 15 Monate verbringen. Dass es zu Rückfällen kommt, gehört dazu. Normalerweise. «In den letzten sechs Wochen hatten wir aber kaum Rückfälle. Der Suchtdruck bei unseren Klienten hat merklich abgenommen.»

Wenn Spaziergänge und Yoga interessant werden

Woran das liegt? Bachmann überlegt einen Moment und sagt: «Derzeit können unsere Klienten nirgendwo in den Ausgang gehen, alles ist geschlossen. Also überlegen sie, wie sie die Zeit anderweitig füllen könnten.» Dabei geschehe Bemerkenswertes. Spaziergänge ins Eigenthal, die bisher als öde galten oder Yoga-Unterricht, der nie auf Interesse stiess, sind plötzlich gefragt. «Das Beachvolleyballfeld, das jahrelang verwaiste, ist ausgejätet, nun wird dort Boule gespielt. Die angerostete Kiste mit Federbällen und Frisbees wird geöffnet. Es gibt Billard- und Dartsturniere», erzählt Markus Bachmann und stellt fest: «Die Leute wollen mehr über die anderen erfahren.» Eine Klientin habe sogar gesagt, dass sie ihre Familie neu kennenlerne. «Bisher sei sie jeweils nur für ein ‹Hallo und Tschüss› zu Hause gewesen. Jetzt verbringe sie mehr Zeit mit ihren Eltern und Geschwistern.»

Bachmann bemerkt, dass das eigene Denken während des Lockdowns in Frage gestellt wird. Nicht nur bei den Menschen mit einer Suchtproblematik, sondern auch in der Leitung des Therapiezentrums. «Die Gruppengespräche dürfen derzeit mit maximal fünf Klienten durchgeführt werden. Bisher waren es immer zehn oder mehr.» Nun habe man festgestellt, dass die Hemmschwelle, sich mitzuteilen, in Kleingruppen tiefer sei. «Als Nächstes geht es darum, zu prüfen, welche Anpassungen wir nachhaltig in unser Angebot aufnehmen können.» Auffällig sei zudem, dass sich zuletzt mehr und vor allem jüngere Personen zwischen 20 und 30 Jahren bei «Akzent» für ein Erstgespräch und eine Besichtigung angemeldet hätten. «Aufgrund der Isolation hat sich manch einer wohl für eine Entwöhnungstherapie entschieden, der sonst darauf verzichtet hätte», mutmasst Bachmann.

«Keine Coronainfektionen auf der Gasse»

Seit dem Ausbruch der Coronakrise führt «Akzent» den Betrieb der Suchttherapie im Auftrag der kantonalen Dienststelle Soziales und Gesellschaft im normalen Rahmen weiter, während die Präventionsabteilung im Homeoffice arbeitet. «Mit dem Coronavirus hat sich bei uns bisher niemand nachweislich angesteckt», sagt Bachmann, weder bei den Klienten noch unter den Angestellten. «Darüber sind wir sehr froh, schliesslich gilt jeder mit einer Suchtvergangenheit als Risikoperson.» Als Massnahmen setze man auf die Hygienevorschriften, sowie Ausgangs- und Besuchseinschränkungen. «Dabei setzen wir grundsätzlich weniger auf Verbote, sondern mehr auf Selbstverantwortung.»

Dass dies funktioniere, zeigten auch Gespräche mit Gassenarbeitern. «Süchtige Menschen realisieren, dass sie zur Risikogruppe zählen. Sie halten Abstand. Zudem gehören Randständige zu einer geschlossenen Gruppe. Sie ziehen sich zurück und sind eher unter sich.» Coronainfektionen auf der Gasse seien bisher keine bekannt.