Corona-Nachbarschaftshilfe: Schon Hunderte Aufträge in Luzern und der Region ausgeführt

Einkaufen, Medikamente besorgen oder das Büsi zum Arzt bringen – zig Personen aus der Risikogruppe nutzen die Nachbarschaftshilfen. Immer häufiger wollen sie aber bloss telefonieren – aus Einsamkeit.

Roman Hodel
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Weil Personen aus der Risikogruppe wegen des Coronavirus ihr Daheim nicht mehr verlassen sollten, sind sie auf fremde Hilfe angewiesen. Und diese bieten alle Gemeinden seit gut zwei Wochen mit unterschiedlichen Organisationen an. Eine erste Zwischenbilanz zeigt: Das Angebot wird rege genutzt. In der Stadt Luzern etwa können die Organisation Vicino und die Genossenschaft Zeitgut auf 330 Helferinnen und Helfer zurückgreifen, die ihrerseits für rund 400 Hilfesuchende da sind.

Einer der 330 Helfenden von Vicino/Zeitgut: Saverio Genzoli kauft für eine Seniorin ein.

Einer der 330 Helfenden von Vicino/Zeitgut: Saverio Genzoli kauft für eine Seniorin ein.

Bild: Pascal Studer
(Luzern, 24. März 2020)

Hinzu kommen Medikamentenlieferungen von Arztpraxen und Apotheken, deren Patienten zur Risikogruppe gehören. «Daraus konnten wir 450 sogenannte Tandems bilden», sagt Christian Vogt, Co-Präsident und Co-Geschäftsleiter von Vicino Luzern. Ein Tandem besteht immer aus einem Helfenden und einem Hilfesuchenden. «So stellen wir sicher, dass beispielsweise ein Ehepaar, das Hilfe beansprucht, stets vom gleichen Helfenden versorgt wird.» Dies schütze die Gesundheit beider Seiten und vereinfache die Kommunikation.

Am meisten nachgefragt sei das klassische Einkaufen im Supermarkt oder Quartierladen. «Wir sind aber auch schon mit einem Haustier zum Tierarzt gefahren», sagt Vogt. Grundsätzlich sei die Anzahl Anfragen etwas zurückgegangen, nach dem anfänglichen Ansturm in der ersten Wochen. Vogt erklärt sich das so: «Wer bereits Teil eines Tandems ist, braucht sich nicht ein zweites Mal bei uns zu melden, und viele Menschen aus der Risikogruppe haben sich mittlerweile mit der neuen Situation arrangiert.» Trotzdem glaubt er, dass Vicino und Zeitgut viele Bedürftige noch nicht erreichen konnten. «Die Leute leben zum Teil sehr zurückgezogen – wir appellieren daher zu erhöhter Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft.» Bezüglich Einsamkeit fällt Vogt noch etwas anderes auf: Die Telefonate mit Hilfesuchenden dauern zunehmend länger. Er sagt:

«Die Leute suchen das Gespräch, weil ihnen der Kontakt zu anderen fehlt oder weil sie beunruhigt sind, auch dafür sind wir da.»

Ähnliches stellt man in Kriens fest: «Ein Telefongespräch bei uns dauert schnell mal zehn Minuten, auch wenn es nur um eine kleine Bestellung geht», sagt Marco Lustenberger. Er ist Projektverantwortlicher von «Kriens hilft», der Nachbarschaftshilfe von der Stadt und der katholischen Kirche. «Manche Leute haben das Bedürfnis, sich einfach nur mitzuteilen, aus diesem Grund haben wir eine Hotline für die Seelsorge eingerichtet.» Sie ist über die Nummer 079 808 56 92 erreichbar. Bei der klassischen Nachbarschaftshilfe zählt «Kriens hilft» mittlerweile 154 Helferinnen und Helfer im Alter zwischen 14 und 60. Diese führten schon Aufträge für gegen 200 Haushalte aus. Lustenberger: «Mit den allermeisten von ihnen bleiben die Helfer in Kontakt und erledigen für sie weiterhin die Einkäufe, bringen das Essen oder gehen mit dem Hund spazieren.»

Mit dem Hund Gassi gehen würde die Nachbarschaftshilfe von Adligenswil – eine Aktion der Gemeinde und des Frauenbunds – zwar auch: «Doch bis jetzt war das nicht nötig, weil die Leute dies wohl noch selber erledigen möchten», sagt Mirjam Meyer, Präsidenten des Frauenbunds. Wie an den anderen Orten ist das Einkaufen hier ebenfalls der beliebteste Service und die Helfenden betreuen die zugeteilte Familie nach dem ersten Auftrag weiterhin. In der Regel werden Einkäufe innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Auftragseingang getätigt. «Wenn jemand aber schnell noch ein Päckli zur Post bringen muss, dann reagieren wir sofort», so Meyer. Ab und an erhält die Nachbarschaftshilfe auch spezielle Aufträge wie den Transport eines EKG-Gerätes oder von Urinproben.

Touristen-Apartments bieten sich zur Corona-Selbstisolation an

«Suchen Sie einen ruhigen Arbeitsplatz, Rückzugsort oder gar eine Möglichkeit zur Selbstisolation?» Mit dieser Überschrift wirbt der Apartmentvermieter Hitrental unter anderem beim Eingang zum Luzerner Hallenbad momentan um neue Kunden. «Bis jetzt hält sich das Interesse in Grenzen», sagt Hitrental-Mitinhaber Dominic Hess. Seit der Bundesrat vor zweieinhalb Wochen die ausserordentliche Lage wegen des Coronavirus ausgerufen hat, seien auf diesen Aufruf nur zwei, drei Anfragen eingegangen. «Zumindest in Luzern hat sich niemand zwecks Selbstisolation gemeldet - eine Person suchte aufgrund einer Ehekrise wegen des Virus nach einer vorübergehenden Bleibe», sagt er. Hitrental desinfiziert laut eigenen Angaben die Apartments «nach höchsten Standards». Zudem ist Hess mit den Preisen um 50 Prozent runter: Ein möbliertes Apartment für einen Arbeitstag mieten kostet 35 Franken, eine ganze Woche mit Übernachtung gibt’s ab 450 Franken. Wer länger als drei Monate bleibt, zahlt 990 pro Monat.

Auch für das Familienunternehmen Hitrental bedeutet die Coronakrise eine schwierige Zeit - über 30 Vollzeitarbeitsplätze stehen auf dem Spiel. «Von unseren 65 Apartments im Raum Luzern wären jetzt normalerweise 80 Prozent besetzt – vor allem durch asiatische und indische Touristen», sagt Hess. Doch weil diese nun wegfallen, betrage die Belegung aktuell gerade noch 20 Prozent. Dabei handle es sich vor allem um Personen, welche die Apartments für mehrere Wochen gemietet haben, etwa weil sie vorübergehend in der Zentralschweiz arbeiten. Hess hat sich auch für die Unterbringung von Armeeangehörigen beworben: «Damit könnten wir der Armee bei ihrer Unterstützung der Zivilbevölkerung Hand bieten und wenigstens einen Teil des Umsatzverlustes auffangen, aber wir stehen da nicht alleine da, namentlich Hotels bieten ebenfalls ihre Dienste an.» (hor)

Insgesamt stehen in Adligenswil 158 Helfende zur Verfügung – zwei Drittel davon Frauen. Sie betreuen rund 50 Familien. Pro Tag zählt Meyer aktuell zwei bis drei Aufträge. Anders gesagt: Es stehen mehr als genug Helfende bereit. Das gilt zwar auch für Luzern und Kriens. Dennoch betonen alle drei angefragten Nachbarschaftshilfen, dass man weiterhin Freiwillige benötige. Mirjam Meyer sagt stellvertretend:

«Wir wissen ja nicht, wie viele Anfragen wir in den nächsten Wochen noch bekommen werden und ob uns die momentanen Freiwilligen alle weiterhin erhalten bleiben.»
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