Interview

Corona setzt gewaltbereite Männer zusätzlich unter Druck: «Die Corona-Krise kann schnell zur inneren Krise werden»

Um häusliche Gewalt zu vermeiden, muss man auch den Gefährdern zuhören. Das macht Agredis, die Zentralschweizer Beratungsstelle für gewaltbereite Männer. Co-Präsident Roland Reisewitz erläutert, weshalb die Isolation schnell zur Eskalation führen kann.

Simon Mathis
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Die Hotline des Frauenhauses Luzern wird während der Corona-Krise stark genutzt. Das sieht es bei Agredis, der Zentralschweizer Beratungsstelle für Gefährder, ganz anders aus. Agredis-Geschäftsleiter Thomas Jost sagt: «Bis jetzt hatten wir keine zusätzlichen Telefone. Das überrascht uns.»

Ein Grund dafür könne allenfalls sein, dass sich Männer tendenziell später melden als Frauen. «Ihre Scham verbietet es ihnen oft, frühzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen», sagt Jost. «Das kann sich allerdings sehr schnell ändern.» Denn: Die Anrufenden haben aufgrund von Corona mit mehr Sorgen zu kämpfen. Dazu gehören finanzielle Ängste und die Furcht vor einem Versorgungsengpass. «Wir rechnen in Zukunft mit einer Zunahme der Telefonate und wappnen uns», so Jost. Wichtig sei die Botschaft, dass auch Männer Rat holen können. «Wir sind weiterhin für sie da.»

Ein neues Merkblatt gibt Männern in der schwierigen Zeit Empfehlungen, wie sie dem zusätzlichen Druck der Corona-Krise standhalten können. Agredis, die Zentralschweizer Beratungsstelle für gewaltbereite Männer, hat das zweiseitige «Survival-Kit» mitgestaltet. Im Interview gibt Co-Präsident Roland Reisewitz Auskunft über mögliche Zusammenhänge der Isolation durch Corona und dem Risiko zu Gewalt.

Roland Reisewitz, Co-Präsident Agredis

Roland Reisewitz, Co-Präsident Agredis

Weshalb brauchen gewaltbereite Männer jetzt besonderen Rat?

Roland Reisewitz: Von Rat möchte ich nicht sprechen. Den kann ich nur bedingt geben. Es ist eher ein Suchen nach einem Weg aus der Eskalation. Entsprechend haben wir auch Empfehlungen formuliert. Jeder muss seinen Weg wahrnehmen und umsetzen. Idealerweise immer mit dem Ziel, Gewalt zu verhindern. Die Männer sind mit einer Krisensituation konfrontiert, die sie sich nicht gewohnt sind.  Sie sind sich auch nicht geübt, Hilfe zu holen, wenn es eng wird. Durch die Isolation spitzt sich die Lage aber zusätzlich zu. Für viele ist es ein sehr belastender Zustand, der Angst macht und tiefe Unsicherheit auslöst. Konflikte können sich häufen und so auch schneller eskalieren. Männer unter Druck brauchen Orientierung und Hilfe – die wollen wir ihnen mit dem «Survival-Kit» geben. Es soll zeigen, dass Hilfe holen ein legitimes Mittel ist. Auch für Männer.

Was braucht der Gefährder in der aktuellen Corona-Situation?

Die Lage ist aussergewöhnlich, der Mechanismus der Eskalation ist aber sehr wohl auch vergleichbar mit anderen Konflikten. Der Mann hat Angst, die Kontrolle über seine Situation zu verlieren. Das will er verhindern. Wichtig ist dabei die Botschaft: Wer bei Überforderung Hilfe holt, ist weder ein Versager noch ein Schwächling. Gerade in solchen Krisensituationen. Ich wünsche mir, dass Männer sich die Zeit nehmen, auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu achten. Dass sie sich gerade jetzt darin üben, sich selber zu reflektieren und die körperlichen Alarmzeichen wahrzunehmen. Wer dies nicht geübt ist, braucht dafür Unterstützung – ein Gegenüber, das achtsam zuhört. Ansonsten ist das Risiko erhöht, dass mit Gewalt reagiert wird. Schuldzuweisungen, Besserwisserei und auch Widerwillen gegenüber der aktuellen Isolations- und Distanzerwartung führen zu einer zusätzlichen inneren Enge und Not. Das ist nur verlorene Energie. Es gilt zu versuchen, die Situation zu akzeptieren – und einen angemessenen, angepassten Umgang im eigenen Umfeld damit zu finden.

Kann die Isolation dazu führen, dass einzelne Männer zum ersten Mal überhaupt gewalttätig werden?

Das ist durchaus möglich. Die Corona-Krise kann schnell zur inneren Krise werden; Angst, Not, Existenzsorgen, Ohnmacht und Einengung stauen sich an. Ein Beispiel: Ein bis anhin ruhiger Mann, der ins Homeoffice gedrängt wird, kann plötzlich laut werden und Verhalten zeigen, das er sich so nicht gewohnt ist. Es ist eine vollständig neue Situation.

Lässt sich die Isolation auch als Chance sehen?

Vielleicht eine mutige Aussage. Isolation ist Risiko, könnte aber auch eine Chance sein. Ein Risiko für Gewalt liegt bestimmt in der einen oder anderen Partnerschaft vor. Männer sind eher gewohnt, sich mit Berufskollegen und Freunden auszutauschen, als mit der Familie in den eigenen vier Wänden Zeit zu verbringen. Die Orientierung nach aussen ist als Muster weiterhin oft präsent. Eine Chance sehe ich darin, dass in der Isolation überlegtes und verantwortliches Handeln neu geübt werden kann. Das wäre wirklich eine Chance für Partnerschaft und Familie.

Voraussetzen kann man das aber nicht.

Selbstverständlich nicht. Auch ich muss davon ausgehen, dass die häusliche Gewalt zunehmen wird. Umso wichtiger ist es, dass wir Menschen, die gewalttätig reagieren könnten, frühzeitig erreichen und sensibilisieren. Diese Motivation treibt uns an. Wir wollen helfen, rechtzeitig und ohne Gewalt Konflikte lösen. Auch in schwierigen Zeiten.  Und Corona ist eine schwierige Zeit für viele.

Das Survival-Kit rät, Medien und Nachrichten nur massvoll zu konsumieren. Weshalb?

Es ist zwar gut, sich zu informieren – aber nicht rund um die Uhr. Wer den ganzen Tag Fernsehen schaut oder im Internet Neuigkeiten liest, wird ständig von der Corona-Krise berieselt und an die eigene Not oder Angst erinnert. Wissen und Orientierung ist wichtig. Entlasten wir den Kopf und das Herz, der doch bereits genug belastet ist. Gönnen Sie sich noch etwas anderes. Etwas, das Ihnen und Ihren Lieben gut tut.

Können sich bei Agredis auch Männer melden, die unter häuslicher Gewalt leiden?

Von Gewalt betroffene Männer können sich direkt bei der Opferhilfe melden. Wir sind für Menschen da, Männer und Frauen, die Gewalt möglicherweise als Lösung einsetzen und dies ändern wollen. Betroffene Männer können sich aber durchaus auch bei Agredis melden. Wir sorgen dann für die entsprechende Erstorientierung und allenfalls für eine Triage. Wichtig ist, dass das Schweigen hinter den Türen gebrochen wird. Gerade auch in der Zeit, wo noch mehr hinter verschlossenen Türen stattfindet.

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