Wegen Corona-Virus: Touristiker in der Zentralschweiz befürchten Einbussen

Chinesen dürfen wegen der Epidemie keine Pauschalreisen mehr ins Ausland buchen. Ihr Fehlen wird in der Zentralschweiz zu spüren sein – mit Verzögerung. 

Julian Spörri
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Chinesische Gästegruppen wird man in Luzern wohl bald seltener zu Gesicht bekommen.

Chinesische Gästegruppen wird man in Luzern wohl bald seltener zu Gesicht bekommen.

Bild: Urs Flüeler / Keystone
(Luzern, 24. Januar 2020)

Das Corona-Virus erreicht die Zentralschweiz. In der Region sind zwar noch keine Verdachtsfälle bekannt, doch die Entwicklungen treffen den Tourismus. China hat am Freitag allen Reisebüros des Landes angeordnet, den Verkauf von Reisen ins Ausland per sofort zu stoppen, um die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen.

Weil die Gruppenreisen wegfallen, erwartet Tobias Thut, Leiter Marketing und Verkauf bei den Pilatus-Bahnen, «massive» Auswirkungen, die den chinesischen Markt betreffen. Internationale Gruppen machen bei den Pilatus-Bahnen im Winter rund 25 Prozent aller Gäste aus. Davon ist die Hälfte aus China. Bis jetzt habe man für die Gondelfahrten auf den Pilatus noch keine und bei den Mittagessen lediglich vereinzelte Stornierungen erhalten. Letzteres mache aber nur einen kleinen Teil der Einnahmen des Unternehmens aus. Das Geschäft laufe generell sehr kurzfristig ab, weil die Touristengruppen nicht oder erst wenige Tage vor der Ankunft reservieren würden. Zudem seien viele Chinesen aufgrund des Neujahrsfests noch unterwegs. Tuth sagt:

«Veränderungen werden deshalb erst mit einer Verzögerung von sieben bis zehn Tagen feststellbar sein.»

In Anbetracht des Corona-Virus seien noch keine Massnahmen eingeleitet worden, sagt Thut. «Unseren Mitarbeitern sagen wir, dass sie sich gleich wie während der Grippesaison verhalten sollen.» Mundmasken werde das Personal bei der Arbeit keine tragen. «Wir wollen einen kühlen Kopf bewahren und halten uns an die Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit und der Weltgesundheitsorganisation.»

Was, wenn das Virus in Luzern auftaucht?

Am Luzerner Kantonsspital (Luks) gab es bis anhin noch keine Verdachtsfälle für das neue Corona-Virus. Sonja Bertschy, stellvertretende Chefärztin für Infektiologie und Spitalhygiene, sagt auf Anfrage: «Das Luzerner Kantonsspital ist vorbereitet und in der Lage, Verdachtspatienten abzuklären und zu behandeln.» Diese würden in einem Isolierzimmer untergebracht. Das Personal muss sich mit einem Mundschutz, einer Überschürze und einer Schutzbrille vor einer Ansteckung schützen.

Liegt ein Verdacht vor, so erfolgt zuerst ein Test auf das Corona-Virus. Dazu müsse ein Abstrich des Nasenrachens gemacht werden, erklärt Sonja Bertschy. Diese Probe würde dann zu Abklärung an das nationale Referenzlabor in Genf geschickt. (jus)

30 bis 50 Prozent weniger chinesische Gäste

In einer am Montagmorgen publizierten Mitteilung äussert sich Schweiz Tourismus zur aktuellen Situation. Für die nächsten Wochen und Monate sei mit einem Rückgang der chinesischen Gäste um 30 bis 50 Prozent zu rechnen. Nicht oder wenig betroffen seien Gäste aus Hongkong und Taiwan sowie generell Individualreisende. Letztere machen rund 40 bis 50 Prozent aller Gäste aus China aus.

Die Rigi-Bahnen beobachten die aktuelle Situation. Bis zum jetzigen Zeitpunkt gebe es allerdings keine Hinweise auf ausserordentliche Absagen, man rechne aber mit verzögerten Reaktionen, schreibt das Unternehmen. Über die Grössenordnung könne man noch keine Aussagen machen.

Auch bei den Titlis-Bahnen wurden noch keine Auswirkungen des Corona-Virus festgestellt. Doch Peter Reinle, Leiter Marketing, sagt:

«Wir werden das von der chinesischen Regierung ausgesprochene Reiseverbot zu spüren bekommen.»

Wie stark, das hänge davon ab, wie bald man die Situation in China wieder in den Griff bekomme. «Wenn dies innerhalb von zwei Monaten der Fall ist, wovon wir derzeit ausgehen, dann kommen wir mit einem blauen Auge davon. In diesem Falle sind die Einbussen weniger gross als bei einem Wochenende mit schlechtem Wetter.»

Bei den Titlis-Bahnen liegt der Anteil der Chinesen im Winter bei fünf Prozent. Davon kommen 70 Prozent in Gruppen. Werden Touristen, die erst kürzlich aus China eingereist sind oder aus gefährdeten Städten stammen, darauf angesprochen? Reinle verneint: «Dies ist Sache der Behörden. Wir machen nur, was uns empfohlen wird.» Derzeit würden keine Massnahmen ergriffen.

Das Corona-Virus könnte sich auch auf das Verhalten der ferienmachenden Schweizer auswirken. Auf Anfrage vermeldet der Reiseveranstalter Tui Schweiz, der im Kanton Luzern fünf Filialen unterhält, dass bislang keine Schweizer ihre Ferien in China storniert haben. «Momentan ist aber auch nicht die Hauptsaison für Reisen in diese Region», so eine Mediensprecherin. «Wir sind aber mit Reiseleitern vor Ort in Kontakt und beobachten die Lage.»

Verunsicherung bei Schweizer Touristen

Das Luzerner Unternehmen Heggli Reisen hat aktuell keine Feriengäste in gefährdeten Regionen Chinas. Marcel Heggli, Geschäftsführung Reisebüro, erwartet aber, dass die Anfragen für Reisen nach China stagnieren werden. «Wir konnten beobachten, dass Leute, die ihre Reise bereits gebucht haben, verunsichert sind. Darum prüfen wir auch Umbuchungen auf alternative Destinationen wie Japan oder ein Verschieben der geplanten Reise.»

Bezüglich des Corona-Virus ist bei der Heggli AG das Geschäftsfeld in der Schweiz stärker betroffen. Brigitte Heggli, die für die Car- und Gruppenreisen zuständig ist, sieht beim Corona-Virus einen Unterschied zu früheren Krankheiten wie SARS oder der Vogelgrippe: «Damals kamen zwar weniger Einzelgäste, aber als Reisecar-Unternehmen waren wir davon weniger stark betroffen, weil Reiseveranstalter bei uns immer den ganzen Bus buchen. Wenn dieser nur halb gefüllt ist, spielt das für uns keine Rolle.» Mit dem Gruppenreiseverbot sind gemäss Heggli nun grosse Auswirkungen zu erwarten:

«In Luzern hat man nun viele Jahre lang über Overtourism diskutiert. Dieses Jahr wird man wohl das Wegbleiben der Chinesen bedauern.»

Positiv stimmt Heggli jedoch, dass die chinesische Saison fast das ganze Jahr dauere – im Gegensatz zu den Japanern, bei denen sich die Reisezeit auf einige Wochen konzentriere. So könnten Ausfälle noch kompensiert werden, wenn man das Virus in den Griff bekomme.

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