Kommen die Helfer aus Osteuropa? Die Luzerner Bauern sorgen sich um das Einbringen ihrer Ernte

Beeren- und Kirschenproduzenten wissen noch nicht, wer ihnen bei der Ernte hilft: Schweizer? Oder doch Rumänen, Polen oder Portugiesen?

Lukas Nussbaumer
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Silvia und Markus Schildknecht haben derzeit alle Hände voll zu tun, denn auf ihrem Gemüsebaubetrieb in Wikon herrscht Hochsaison. Mehr als 30 Helferinnen und Helfer sorgen dafür, dass Tomaten, Gurken, Auberginen oder Salate rechtzeitig geerntet werden.

Auf dem Gemüsebetrieb von Silvia und Markus Schildknecht in Wikon werden derzeit Tomaten im Gewächshaus geerntet.

Auf dem Gemüsebetrieb von Silvia und Markus Schildknecht in Wikon werden derzeit Tomaten im Gewächshaus geerntet.

Bild: Patrick Hürlimann (21. April 2020)

Die meisten Mitarbeiter stammen aus der Slowakei und Portugal und sind als langjährige Helfer geübt im Umgang mit den vielen Gemüsesorten und Salaten. Ein grosser Vorteil, wie Silvia Schildknecht betont: «Auf unserem Betrieb werden verschiedene Gemüsearten angebaut. Da ist Erfahrung wichtig.» Das meiste Gemüse wird für Grossverteiler aus der Region produziert.

Vom viel zitierten Mangel an Erntehelfern ist auf dem 12,4 Hektaren grossen Betrieb wenig zu spüren, weil die Saison schon vor Ausbruch der Coronakrise begonnen hat und Schildknechts ihre bewährten Kräfte frühzeitig eingestellt haben. Ganz am Traditionsbetrieb – das erste Gewächshaus wurde 1968 gebaut – geht die Coronakrise jedoch nicht vorbei. So hat ein Helfer aus Krankheitsgründen abgesagt, und ob ein anderer zusammen mit seiner Freundin aus Portugal tatsächlich einreisen darf, ist noch offen. Ausserdem werden gewisse Arbeiten mit Masken erledigt, und die empfohlenen Abstände gelten auch auf dem Hof in Wikon.

Auf dem Hof von Silvia und Markus Schildknecht in Wikon misst eine Mitarbeiterin Tomaten auf der Waage ab.

Auf dem Hof von Silvia und Markus Schildknecht in Wikon misst eine Mitarbeiterin Tomaten auf der Waage ab.

Bild: Patrick Hürlimann (21. April 2020)

Zusagen für einheimische Helfer sind nicht möglich

Vor einem grossen Problem stehen dagegen Beeren- und Obstbauern, deren Hauptsaison erst im Verlaufe des Mai's mit dem Ablesen der Erdbeeren oder im Juni mit dem Pflücken der Kirschen beginnt. Sie wissen derzeit nicht, ob sie wie gewohnt auf Helfer aus Rumänien, Polen oder Bulgarien zählen können. Und was sie auch nicht wissen: Wie gefragt sind ihre Produkte zum Erntezeitpunkt? Schliesslich fällt mit der Gastronomie ein wichtiger Absatzkanal vorderhand fast komplett aus.

Anton Wyss aus Hämikon ist einer der Beerenproduzenten im Kanton Luzern, die sich derzeit grosse Sorgen machen.

Bild: Pius Amrein (Hämikon, 25. Juni 2014)

Er baut auf einer Fläche von acht Hektaren Erd- und Himbeeren an und beschäftigt jeweils rund 20 Personen, vorab aus Rumänien:

«Ich weiss nicht, wie ich die Ernte bewältigen soll. Niemand kann mir sagen, ob die Grenzen in einem Monat offen sind für die Einreise der ausländischen Helfer. Die Situation ist schwierig.»

Als Alternative wird Wyss versuchen, die Ernte mit Schweizerinnen und Schweizern zu bewältigen, die keinen Job haben. Anfragen von hilfsbereiten Personen habe er zwar, doch Zusagen geben könne er nicht. Dass ihm Leute mit Erfahrung aus dem Ausland lieber sind, darüber lässt er keinen Zweifel offen. Auch deshalb, weil diese Helfer bei ihm auf dem Betrieb wohnen und für die im Sommer um 5.30 Uhr beginnenden Arbeiten nicht erst anreisen müssen.

Stundenlohn beträgt 15 bis 16 Franken

Werner Hüsler Bild: Maria Schmid

Werner Hüsler
Bild: Maria Schmid

Auch Werner Hüsler hat aktuell viele Anfragen von Schweizern, die keine Stelle haben und gerne auf einem Landwirtschaftsbetrieb mitarbeiten würden. Und auch der Leiter der Abteilung Personaldienstleistungen beim Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband kann keine verbindlichen Angebote machen. «Wir wissen ja nicht, wie die Situation in ein paar Wochen aussieht und ob nicht doch erfahrene Kräfte aus Osteuropa zur Verfügung stehen.»

Ebenso unklar sei, ob die anfragenden einheimischen Helfer bis dann nicht doch wieder in ihren angestammten Betrieben arbeiten können. Dazu kommt: Wer sich bereit erklärt, Beeren oder Kirschen zu pflücken, muss mit einem Stundenlohn von 15 bis 16 Franken zufrieden sein. «Mehr können Landwirte nicht zahlen, die Margen sind zu klein», sagt Hüsler, der den Bauern seine Kontakte nach Osteu­ropa oder Portugal seit 25 Jahren anbietet, aber keine Personen direkt vermittelt. Der Mindestlohn liegt im Kanton Luzern bei 13.80 Franken pro Stunde, die wöchentliche Höchstarbeitszeit beträgt 55 Stunden.

Auf Abruf bereit – und in zwei Tagen als Erntehelfer im Einsatz

Hüsler schätzt, dass im Kanton Luzern jährlich zwischen 400 und 500 ausländische Erntehelfer beschäftigt werden. Die meisten stammten aus Polen und Rumänien, stünden auf Abruf bereit und seien in krisenfreien Jahren innert zweier Tage verfügbar.

Er berät die Bauern zudem in arbeitsrechtlichen Fragen und wickelt die Formalitäten bei der Vermittlung der Helfer ab. Zu arbeitsrechtlichen Streitigkeiten komme es sehr selten, und die wegen der Pandemie derzeit ausgesetzten Arbeitsmarktkontrollen auf den Höfen gingen sonst praktisch ausnahmslos ohne Beanstandungen vonstatten.