«Notfalls kaufe ich mir ein Beatmungsgerät»: Weshalb Rentner nicht daran denken, zu Hause zu bleiben

Die Empfehlung des Bundes ist klar:  Wer über 65 ist, soll nicht mehr zum Einkaufen gehen. Doch ein Rundgang durch Luzern zeigt: Die Senioren lassen sich nichts vorschreiben - und Sorgen machen sich die meisten auch keine. 

Sandra Monika Ziegler
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Ein Senior unterwegs in der Stadt Luzern

Ein Senior unterwegs in der Stadt Luzern

Bild: Urs Flüeler / Keystone (Luzern, 20. März 2020)

«Warum soll ich zu Hause bleiben, ich bin fit», sagt ein Herr, der offensichtlich zur Risikogruppe gehört. «Ich gehe täglich einkaufen, zumindest früher. Jetzt hab ich meine Besorgungen auf zweimal die Woche eingeschränkt», erzählt er weiter. Das Einkaufen gebe ihm eine wichtige Tagesstruktur, verhelfe ihm zu sozialen Kontakten. Ganz aufgeben wolle er das nicht, sonst falle ihm die Decke auf den Kopf. Nur noch zweimal die Woche einkaufen, sei Einschränkung genug, mehr ginge Richtung Ausgrenzung. Heute sei er aus reinem «Gluscht» unterwegs:

«Ich war zuerst auf der Post und hatte dann Lust auf ein Glace und Bananen. Deshalb bin ich noch schnell in den Coop.»

Angst, dass er angesteckt werden könnte, hat er nicht und ob er selber bereits infiziert ist, weiss er nicht, erklärt der Mann.

Eine andere ältere Frau beschreibt, wie sie den Einkauf fast schon akribisch plant:

«Ich nehme Einweghandschuhe, Kleenex und meine eigene Tasche mit. Die fülle ich dann mit den Einkäufe und lege sie an der Kasse auf das Band. Ich berühre nichts mit meinen Händen ausser der Ware, die ich kaufe.»

Zu Hause wasche sie sich danach gründlich die Hände, ergänzt die Frau. Auch sie hat keine Angst, angesteckt zu werden. Das Leben habe sie schon vor manch einer Krise verschont, sagt sie lachend und fügt hinzu: «In diesen Tagen muss es einfach schneller gehen.» 

Nicht so optimistisch sehen es die Mitarbeiter, die am Ladeneingang die Zahl der Kunden kontrollieren. Sie müssen den ganzen Frust der Leute über sich ergehen lassen und werden schon mal angemotzt, wie eine Mitarbeiterin erzählt:

«Was ich den ganzen Tag zu hören bekomme, gibt mir schon zu denken. Die lernen nichts. Für einige gibt es den Virus gar nicht, der ist frei erfunden – von den Medien.»

Allerdings habe sich die Situation in den letzten Tagen stark verbessert, erklärt die Mitarbeiterin: «Jetzt sind viel weniger Rentner unterwegs.» Baff war sie aber angesichts eines Erlebnisses vom letzten Freitag: «Da fährt doch der Rotkreuz-Fahrdienst vor und lässt eine alte Frau aussteigen. Der Fahrer richtet ihr den Rollator und fährt wieder weg.» Die betagte Frau habe ihre Einkäufe dann mit grösster Mühe ganz allein erledigen müssen, bevor sie der Fahrer wieder abholte.

Ganz sorglos zeigt sich der nächste Rentner. Er fährt schwungvoll mit seinem SUV vor - einem Geländewagen mit Stern. Er steigt modisch gekleidet, fast schon sportlich aus. Auf die Frage, ob er als Angehöriger einer Risikogruppe nicht besser zu Hause bleiben sollte, bleibt er zunächst stumm. Und dann kommt die Antwort doch noch:

«Ich mach das immer so. Ich lass mir nichts verbieten  – auch jetzt nicht und im schlimmsten Fall kaufe ich mir ein Beatmungsgerät.»

Wo er ein solches Gerät hernehmen würde, konnte er dann aber nicht sagen - und ging mit einem süffisanten Lächeln seines Wegs.

Die meisten an diesem Nachmittag angetroffenen Rentnerinnen und Rentner zeigen sich weitgehend sorglos. Einige sagen:

«Solange es nur eine Empfehlung und keine Vorschrift ist, gehe ich selber einkaufen.»

Angesprochen auf die aktuellen Angebote der Nachbarschaftshilfe heisst es meist: «Das wäre der nächste Schritt, aber erst bei einer Ausgangssperre.» Oder: «Ich lass mich von aktuellen Angeboten zum  Kochen inspirieren. Einen Einkaufszettel kann ich nicht aus der Ferne zusammenstellen. Doch wenn es sein muss, werde ich wohl auch das noch schaffen.»

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