Interview

Nachgefragt bei Kantonsarzt Roger Harstall: «Sind Luzerner immun?»

Der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall äussert sich im Interview zu Gerüchten in sozialen Medien, wonach viele Luzernerinnen und Luzerner bereits seit längerem gegen das Coronavirus immun sind.

Hugo Bischof
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In sozialen Medien kursiert das Gerücht, dass viele Luzernerinnen und Luzerner bereits seit längerem gegen das Coronavirus immun sind. Angeblicher Grund dafür: Luzern als Tourismus-Hochburg kam früher als andere Schweizer Städte mit chinesischen Touristen in Kontakt. Was sagt Kantonsarzt Roger Harstall dazu?

Kantonsarzt Roger Harstall.

Kantonsarzt Roger Harstall.

Bild: Urs Flüeler/Keystone, Luzern, 5. März 2020

Offenbar gab es im Januar und Anfang Februar in Luzern viele Krankheitsfälle mit ähnlichen Symptomen, wie sie jetzt als typisch für die Infizierung mit Covid19 genannt werden. Ist es denkbar, dass schon damals viele Luzernerinnen und Luzerner nicht eine Grippe hatten, sondern mit dem Corona-Virus infiziert waren?

Roger Harstall: Es ist zwar denkbar, dass im Januar / Februar bereits vereinzelt Personen aus dem Kanton Luzern mit dem neuen Coronavirus in Kontakt gekommen sind. Allerdings ist es höchst unwahrscheinlich, dass dies sehr viele Personen waren. Wäre dies der Fall gewesen, dann hätte sich das Virus aufgrund der hohen Ansteckungsfähigkeit und fehlender Immunität innerhalb der Bevölkerung sehr rasch verbreitet, und es wären sehr schnell viele weitere Personen infiziert worden. Darunter hätte es dann auch rein gemäss der Wahrscheinlichkeit auch schwere Fälle haben müssen. Dies sind aber nicht aufgetreten.

Wann begann man in Luzern gezielt, Personen auf Covid-19 zu testen?

Die Vorbereitungen zum Testen (Definition Beprobungskriterien, Festlegen der Abläufe undsoweiter) fanden Anfang / Mitte Januar statt. Der erste Test bei einem klinischen Verdachtsfall wurde am 25. Januar 2020 abgenommen.

Ist es nicht naheliegend, dass Luzern als China-Tourismus-Hochburg früher als andere Regionen in der Schweiz mit dem Corona-Virus in Kontakt kam?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, beziehungsweise eine Antwort wäre reine Spekulation.

Es gibt Luzernerinnen und Luzerner, die Ende Januar, Anfang Februar grippeähnliche Symptome hatten und jetzt wissen möchten, ob es bei ihnen damals vielleicht nicht doch das Corona-Virus war. Kann man das nachträglich überhaupt feststellen?

Unter der Annahme, dass eine durchgemachte Infektion eine Immunität interlässt, müssten solche Personen auch Antikörper gegen das neue Coronavirus gebildet haben, die sich grundsätzlich im Blut nachweisen lassen. Allerdings gibt es derzeit keinen zugelassenen validen Test, beziehungsweise solche Tests sind erst in Entwicklung.

Die gleichen Leute möchten nun auch wissen, ob sie jetzt immun gegen Covid19 sind. Gibt es schon Tests, mit denen man eine Corona-Immunität feststellen kann??

Man kann davon ausgehen, dass Personen, die jetzt eine Infektion mit dem neuen Coronavirus durchgemacht haben, eine gewisse Immunität aufweisen. Wie lange diese Immunität anhält, beziehungsweise ob es sich um eine dauerhafte Immunität handelt, ist derzeit (noch) nicht bekannt. Anzunehmen, dass eine Person, die (irgend)eine Infektion der Luftwege durchgemacht hat, nun deshalb gegen das neue Coronavirus immun sein könnte, ist falsch.

Wann ist mit dem Höhepunkt der Pandemie zu rechnen? Werden die Spitalkapazitäten dann vollständig ausgeschöpft?

Eine Prognose, wann wir den Peak erreichen werden, kann das kantonale Gesundheitsdepartement nicht abgeben. Wir setzen aber alles daran, uns so gut wie möglich vorzubereiten, so dass wir - wenn uns die Welle erfasst - wir so gut wie möglich parat sind.

Einige Personen haben die Krankheit schon hinter sich, zudem wird «Social Distancing» fast überall eingehalten. Kann man sagen, dass das Risiko für eine Ansteckung inzwischen gesunken ist?

Zwar haben zwischenzeitlich sicher einige Personen im Kanton Luzern eine Infektion mit dem neuen Coronavirus durchgemacht und auch eine entsprechende Immunität aufgebaut. Ein grosser Teil der Bevölkerung hatte mit Blick auf die Fallzahlen aber mit grosser Wahrscheinlichkeit noch keinen Kontakt mit dem COVID-19-Erreger und ist entsprechend auch nicht immun. Die Aussage, dass das Ansteckungsrisiko jetzt wesentlich geringer sei als noch vor einem Monat, kann so also nicht gemacht werden.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Verhaltensreglen, um eine Ansteckung zu vermeiden?

Die Luzerner Bevölkerung soll weiterhin achtsam sein und die Vorgaben des Bundes strikte einhalten (Hygiene, Social Distancing, undsoweiter), um eine Ansteckung zu vermeiden.