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Cyberkriminalität: Bund und Kantone spannen zusammen

Im Darknet werden Drogen, Medikamente und Waffen gehandelt – anonym, effizient und oftmals ungestraft. Die Luzerner Strafverfolgungsbehörden können nun aber einen grossen Erfolg feiern. Geht es nach der Bundesanwaltschaft, sollen in Zukunft weitere folgen.
Kilian Küttel
Der festgenommene Luzerner versandte die Drogen in DVD-Hüllen. Bild: PD

Der festgenommene Luzerner versandte die Drogen in DVD-Hüllen. Bild: PD

Kokain? Ein gefälschter Führerausweis? Eine Handgranate? Auf Handelsplattformen im Darknet werden illegale Gegenstände und Substanzen verkauft, wie Bücher und CDs auf Amazon oder E-Bay. Mit dem Begriff Darknet ist der verborgene Teil des Internets gemeint – also jene Ansammlung von Seiten, die keine herkömmliche Suchmaschine findet. Und auf die man nur mit spezieller Software kommt: dem sogenannten Tor-Browser.

«Das Darknet wurde von Aufständischen des Arabischen Frühlings genutzt, um sich zu organisieren.» (Marc Ruef, Darknet-Experte)

Dieser verwischt die Spuren desjenigen, der ins Darknet will. Über mehrere Server wird der User umgeleitet, ehe er die Tiefen des Internets erreicht. Dann aber vollständig anonym. Genau wegen dieser Anonymität zieht das Darknet Personen an, die nicht wollen, dass jemand weiss, was sie im Internet tun. Dazu gehören nicht nur Waffen- und Drogenhändler, sondern auch Widerständler und Verfechter der freien Meinungsäusserung – häufig aus Ländern, in denen die Regierung Inhalte im Internet zensuriert: «Statistische Auswertungen des Tor-Verkehrs haben gezeigt, dass das Darknet während des Arabischen Frühlings eine wichtige Rolle gespielt hat. Es wurde durch die Aufständischen genutzt, um sich zu organisieren», sagt IT-Experte und Darknet-Fachmann Marc Ruef auf Anfrage unserer Zeitung

Wer will, kommt problemlos ins Darknet

Auch wenn das Darknet also nicht per se illegal ist: Die Internet-Unterwelt ist unbestritten ein Tummelplatz für dubiose Gestalten: «Wir beobachten, dass klassische Kriminelle ihre traditionellen Geschäfte auch über das Internet entfalten möchten», so Ruef. Hinzu kommt: Um ins Darknet zu gelangen, braucht es zwar mehr als eine simple Google-Suche. Mit wenigen Instruktionen kann aber jeder problemlos in die Schattenwelt des Internets eintauchen. Interne Suchmaschinen weisen einem dann den Weg zu jenen Seiten, auf denen die Kriminalität gedeiht wie ein Blumenfeld im Mai. Die Hürden sind also da. Überspringen kann sie jeder.

Wer die geheime Welt betritt, mag ab ihrem Erscheinungsbild staunen. Die Handelsplattformen sind aufgebaut wie professionelle Onlineshops – mit Warenkorb, Kundenbewertung und Kommentarfunktion. Gezahlt wird in der Kryptowährung Bitcoin. Auf dem aktuellen Marktführer, einer Seite namens Dream Market, wurden gestern allein unter der Kategorie Drogen über 65 000 Artikel gelistet. Mehr als 50 000 waren es bei den digitalen Produkten, 4600 unter der Kategorie Dienstleistung. Erwerbbar ist alles, ob legal oder nicht – von der gestohlenen Kreditkarte, über Hacking-Anleitungen bis hin zum Premium-Konto für Pornoseiten.

Qualität überzeugt die Kunden

Die Verkäufer sind über den ganzen Erdball verteilt und liefern bis in die hintersten Winkel. In der Regel erhalten die Käufer ihre Ware innert weniger Tage – verschickt mit der Post, unscheinbar verpackt in schmalen Paketen oder Couverts. Journalisten des «Tages-Anzeigers» und des «Beobachters» belegten mit Testkäufen, wie einfach es ist, an verbotene Substanzen zu kommen. Die Qualität steht den Standards des Strassenhandels in nichts nach.

Die Dealer, welche auf dem Dream Market von der Schweiz aus agieren, nennen sich Nestea93, samichlaus oder swiss-flakes. Alle versprechen sie schnelle Lieferung und beste Qualität. Was sie offenbar auch einhalten – swiss-flakes Kokain ist beliebt: «Top, immer wieder gerne, sehr zuverlässig, danke», schreibt ein zufriedener Kunde. Und ein anderer: «Er ist sehr seriös. Ich würde ihn definitiv weiterempfehlen.»

Luzerner Polizei schnappt Darknet-Dealer

Swiss-flakes hat gemäss Angaben auf seinem Händlerprofil über 2000 Deals abgeschlossen, ist seit über zwei Jahren online und habe «immer liefern können». Alleine auf dem Dreammarket ist er seit dem 14 Juni 2016 angemeldet. Auch auf anderen Plattformen bietet er seine Drogen feil. Ähnlich lange aktiv war ein Luzerner, der von 2014 bis 2016 grosse Mengen Kokain und Amphetamin im Darknet erstanden hat, um sie im realen Leben weiterzuverkaufen. Zudem hat er selber Marihuana angebaut. Dem 34-Jährigen haben die Luzerner Staatsanwaltschaft und die Polizei aber das Handwerk gelegt, wie Letztere gestern Nachmittag mitteilt. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann rund 800 Drogendeals im Dark­net abgewickelt hat. Im August 2016 wurde er festgenommen. «Bei einer Hausdurchsuchung wurden Drogen, entsprechende Dorgenutensilien und Verpackungsmaterial für die Kunden sichergestellt», heisst es in der Mitteilung.

«Die Ermittlungen haben sich hingezogen, weil wir sämtliche Fälle im Darknet zurückverfolgen und abklären mussten.»
(Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft)

Einerseits hat der mutmassliche Dealer die Drogen wie erwähnt über das Darknet bestellt und dann in der realen Welt weiterverkauft. Andererseits war er auch als Verkäufer auf den Onlineshops aktiv. Sobald eine Bestellung bezahlt wurde, hat der Luzerner die Drogen in DVD-Hüllen verpackt und an seine Kunden innerhalb der Schweiz versendet. Obwohl der Mann seit 2016 nicht mehr im Darknet operiert, kommuniziert die Staatsanwaltschaft den Fall erst jetzt. Weshalb? «Die Ermittlungen haben sich hingezogen, weil wir sämtliche Fälle im Darknet zurückverfolgen und abklären mussten. Das hat viel Zeit beansprucht», erklärt Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wie die Ermittler dem Dealer auf die Schliche gekommen sind, sagt Kopp nicht: «Wir wollen keine Anleitung geben, was man unternehmen muss, um nicht geschnappt zu werden.» Jedoch teilt er mit, dass die Ermittlungsbehörden unter anderem erfolgreich waren, weil sie mit der Deutschen Polizei zusammengearbeitet haben.

Experte fordert Kompetenzzentrum

In diesem Beispiel hat die internationale Zusammenarbeit also funktioniert. Dies ist gemäss Expertenaussagen aber nicht immer der Fall. Und genau diese Tatsache spielt den Darknet-Kriminellen in die Hände. Denn sie scheren sich nicht um Ländergrenzen, agieren weltweit vom heimischen Wohnzimmer aus. Sicherheits-Experte Marc Ruef sagt dazu: «Eine Strafverfolgung gerät immer dann ins Stocken, wenn verschiedene Behörden miteinander zusammenarbeiten müssen – vor allem länderübergreifend. Dies wissen die Kriminellen und sind dementsprechend um eine internationale Ausdehnung ihrer Aktivitäten, oder zumindest ihrer Kommunikationswege, bemüht.»

Ein anderer Experte für Fragen rund um den verborgenen Teil des Internets ist Otto Hostettler. Der «Beobachter»-Journalist ist Autor des Buches «Darknet, die Schattenwelt des Internets». In einem früheren Gespräch mit unserer Zeitung führte er den stockenden Ermittlungserfolg der Schweizer Behörden auch auf die föderalistische Struktur des Landes zurück: «Die Justiz ist Sache der Kantone. So müht sich jeder Kanton ein bisschen selber ab. Bei Cybercrime-Delikten ist diese föderalistische Struktur aber wenig effizient und nicht mehr zeitgemäss». Denn die Bundesanwaltschaft wird nur bei Delikten aktiv, welche die Sicherheit der Schweiz akut gefährden: Terrorismus, Spionage oder organisiertes Verbrechen. Der Rest liegt in der Kompetenz der Kantone. Hostettler fordert aber: «Es braucht kantonsübergreifende Kompetenzzentren und eine schlagkräftige Truppe von Cyber-Ermittlern beim Bund.»

Bund und Kanton spannen zusammen

Wie sich jetzt zeigt, scheint sich diese Auffassung auch bei den Ermittlungsbehörden durchzusetzen: Die Bundesanwaltschaft hat ein neues Instrument für die kantonsübergreifende Zusammenarbeit im Kampf gegen Internetkriminalität angekündigt. Seit Anfang Mai existiert das sogenannte «Cyberboard», das die Arbeit der Ermittler koordinieren und damit effizienter und schlagkräftiger machen soll. Beteiligt sind nebst der Bundesanwaltschaft das Bundesamt für Polizei (Fedpol) sowie die Kantone, vertreten durch die Konferenz der Polizeikommandanten.

Marc Ruef begrüsst diese Entwicklung: «Eine unkomplizierte Strafverfolgung vermag die Kriminellen unter stetigen Druck zu setzen. Ihre Fehlerraten nehmen deshalb zu.» Und genau das wollen die Justizbehörden. Denn die Anonymität kann noch so hoch, der Verkaufskanal noch so gut abgeschirmt sein – produziert, verschickt und konsumiert werden Drogen immer noch ausserhalb des Darknets. In der realen Welt.

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