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«Dänu» setzt auf Gras

Ein Landwirt aus dem Luzerner Hinterland wagt, wovor viele Berufskollegen
zurückschrecken: Er baut legalen Hanf auf offenem Feld an. Damit eckt der Pionier an.
Raphael Zemp
Der Luzerner Hinterländer Daniel Koller ist der wohl erste Landwirt im Kanton, der auf offenem Feld legalen Hanf anbaut. (Bild: Boris Bürgisser, 18. Juni 2018)

Der Luzerner Hinterländer Daniel Koller ist der wohl erste Landwirt im Kanton, der auf offenem Feld legalen Hanf anbaut. (Bild: Boris Bürgisser, 18. Juni 2018)

Dänu!» Ein tiefer Blick in die Augen, ein fester Händedruck zur Begrüssung – und schon ist man beim Du. Gedrungene Statur, sonnengegerbte Haut, das T-Shirt in den Hosenbund gestopft: Daniel «Dänu» Koller, Schweinebauer aus dem Luzerner Hinterland, gehört zu einem unkomplizierten und direkten Menschenschlag. Das wird schnell klar. Ohne sich in Smalltalk zu verheddern, stapft Koller schon kurz nach Ankunft zielstrebig davon, führt Reporter und Fotografen hinter seinem Hof den Hügel hoch, zum Grund für den Hofbesuch. Den genauen Ort geben wir auf Wunsch des Bauern nicht bekannt.

Keine fünf Minuten später sind wir am Ziel angelangt, das auf den ersten Blick allerdings ziemlich unspektakulär wirkt: Nackte, angetrocknete Erde, gesprenkelt mit grünen Tupfern – ein Feld. Dessen Brisanz offenbart sich erst beim genauen Hinsehen. Die wenigen Zentimeter hohen Pflänzchen spreizen mehrere dünne, auffällig gezackte Blätter von sich; wir stehen auf dem wohl einzigen Hanf-Feld des Kantons Luzern. Tausende Jungpflänzchen sonnen sich hier auf dem Rücken des sanften Hügelzugs, angeordnet in einem exakten Raster auf einer Fläche von rund zwei Hektaren. Koller schaut sich um, kann ein Lächeln nicht unterdrücken: «Huere Fröid» habe er. Hier präsentiert sich sein Lohn für «verdammt viel» Arbeit.

Rund zwei Jahre Vorbereitungszeit

Angefangen hat diese bereits vor rund zwei Jahren – just nachdem ein erstes Unternehmen in der Schweiz CBD-Gras als Tabakersatz auf den Markt gebracht – und damit einen eigentlichen Hanf-Boom angestossen hat (Ausgabe vom 18. Juni). Er habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, nicht berauschenden und darum legalen CBD-Hanf anzubauen, gesteht Koller. Es war aber Marjan Pesov aus Reiden, Geschäftspartner von Koller, der dafür sorgte, dass aus einer blossen Idee ein konkretes Projekt entstanden ist.

Pesov war auf der Suche nach Anbauflächen für CBD-Hanf – ein Anliegen, das bei Koller auf fruchtbaren Boden fiel. Dabei liess sich Koller weder von Bauernkollegen beirren, die auf seine Idee mit Zurückhaltung bis Abwehr reagierten («Hanf? Das ist doch eine Droge»), noch von (haltlosen) Gerüchten, die bald darauf im Dorf kursierten und ihm den weder schmeichelhaften noch zutreffenden Spitznamen «Drogen-Dänu» eingebrockt haben. Dabei sei sein Hanf nicht nur absolut legal (weil es mit rund 0,4 Prozent THC deutlich unter der erlaubten 1-Prozent-Marke liegt), sondern auch ausschliesslich für medizinische Zwecke bestimmt. «Das war und ist mir ein grosses Anliegen.» Zudem sei er weder «Kiffer, noch Siffer».

«Nur wer wagt, kann etwas gewinnen, gerade in der Landwirtschaft»

Während im ganzen Land in unzähligen schmucklosen Industriehallen eine regelrechte Hanf-Anbauschlacht ausbrach, zogen sich Koller und Pesov erst einmal in den Zuckerrüben-Keller auf dem Hof zurück – um «rumzupröbeln». Denn für beide war immer klar: Die ganze Produktionskette von der Aufzucht der Hanfsetzlinge bis zum Endprodukt, der getrockneten Blüten, soll unter ihrer Kontrolle bleiben. Es galt daher herauszufinden, welche Sorte aus dem EU-Katalog für den Feldanbau am geeignetsten ist. Danach hiess es immer und immer wieder: Pflänzchen aufziehen, die grössten und schönsten selektionieren – und mittels Stecklingen vermehren. Eine Büez, die kaum Früchte getragen hätte ohne das Fachwissen von Geschäftspartner Pesov.

Aus anfänglich einigen Dutzend Pflanzen sind so in zwei Jahren inzwischen mehrere hundert Mutterpflanzen entstanden – deren Stecklinge Koller und seine rund 10 Helfer vor rund zwei Wochen zum ersten Mal aufs offene Feld verpflanzt haben. Tausende Pflanzen an nur einem Tag: Wiederum «ein riesen Chrampf», der sich aber gelohnt hat. Kurz nach dem Einpflanzen hat Regen eingesetzt. Die Pflänzchen haben bereits kräftige Wurzeln entwickelt. Zwar tüftelt Koller in seinem «Ruebe»-Keller munter weiter an der perfekten CBD-Hanfpflanze, auf dem Feld hingegen kann er seine Zöglinge ganz sich selbst überlassen – abgesehen von gelegentlichem Grasmähen zwischen den Hanf-Reihen.

Auch rund 100 Schweine und 10 Pferde zu betreuen

Diese eher ruhige Phase kommt Koller gerade gelegen. Denn nebst seiner neu entdeckten Passion, dem Hanf-Anbau, hat er mehr als genug zu tun. Zum einen sind da die rund 100 Naturaplan-Muttersäue, die im Jahr über zweihundert Mal abferkeln und den 38-jährigen Bauer so ordentlich auf Trab halten. Aber auch die rund 10 Pferde auf dem 18 Hektar grossen Hof wollen gehegt und gepflegt werden. Und nicht zuletzt fordert auch die eigene Familie Kollers Aufmerksamkeit: die 10-jährige Tochter, der zweijährige Sohn und die 30-jährige Ehefrau Sarah. Noch bis vor wenigen Monaten haben sie dieses enorme Arbeitspensum zu zweit gebuckelt, als Ehepaar. «Es wurde schlicht zu viel, deshalb haben wir eine Hilfskraft eingestellt», sagt Koller. Er hofft, sich so künftig wieder vermehrt aufs Pferd schwingen zu können. Ein Hobby, für das er zuletzt kaum Zeit gefunden hat.

Seit nunmehr fünf Jahren wirkt Koller auf dem väterlichen Betrieb, dort wo er bereits aufgewachsen ist. Zu jener Sorte Mensch, deren Horizont lediglich bis zur nächsten Hügelkette reicht, gehört er aber definitiv nicht. Koller ist gelernter Landwirt und Maschinenmechaniker und hat als Anlagen-Monteur «die halbe Welt gesehen». Seine Einsätze haben ihn nach Italien, Frankreich, Österreich, Irland und bis ins entfernte französische Guayana geführt. Anekdote um Anekdote spuckt Koller aus, zündet dabei eine Zigarette nach der anderen an. Von unterschiedlicher Arbeitsmoral ist viel die Rede, aber auch davon, wie letztlich jedes Projekt einen Abschluss gefunden habe – trotz scheinbar unüberwindbaren Widrigkeiten.

Keine Zahlen, kein Neid

Es ist wohl auch diesen Erfahrungen geschuldet, dass Koller relativ gelassen auf sein Wagnis Hanf-Anbau blickt. Sowie der Gewissheit, «perfekt vorbereitet» zu sein. Obschon er bereits «sehr viel Geld» in die Hand genommen hat (genaue Zahlen allerdings verrät Koller nicht, das führe bloss zu Neid, sorge für böses Blut), lässt er sich deshalb auch nicht vom spektakulären Preiszerfall des CBD-Hanfs aus der Ruhe bringen. (Der Preis für Indoor-CBD-Gras ist innerhalb weniger Monate von anfänglich 5000 Franken pro Kilo auf mehr als die Hälfte zusammengefallen). Er habe «en lange Schnuf», könne dank Outdooranbau ohne grossen Fixauslagen produzieren.

Vor allem aber kann er liefern, woran viele kleiner Indoor-Anbieter scheitern: grosse Mengen. «Die sind für Abnehmer besonders interessant», weiss Koller. Noch dauert es Monate, bis die Hanfpflanzen auf seinem Feld blühen und doch ist bereits die gesamte Ernte verkauft – an einen Grossabnehmer, zu 500 bis 700 Franken das Kilo (zum Vergleich: Indoor-CBD kostet gegenwärtig je nach Qualität bis zu 2500 Franken pro Kilo). «Und auch fürs nächste Jahr sind bereits Verträge unterzeichnet», lässt Koller durchblicken. Das ist auch notwendig, um wie geplant durchstarten zu können.

«Grosse Mengen sind für Abnehmer besonders interessant.»

Denn wenn im Oktober zwanzig Helfer während einer Woche die mannshohen Hanfstauden schliesslich ernten, dann geht lediglich ein Probelauf zu Ende, eine erste Testphase. Das eigentliche Augenmerk gilt dem nächsten Jahr. Dann nämlich will Koller seine Produktion massiv ausbauen. Statt auf zwei Hektaren soll der Hanf dann auf 15 bis 20 Hektaren spriessen. Dafür wird er einiges an Land dazupachten. Die Zusicherungen hat er bereits. Bewährt sich dieser erste Versuchsanbau, dann wird Bauer Koller noch einmal tief ins Portemonnaie greifen und spezielle Hanfernte- und Verarbeitungsmaschinen nicht wie heuer bloss mieten, sondern gleich kaufen – «aber deutlich grössere».
Koller weiss: «Nur wer wagt, kann etwas gewinnen – gerade in der Landwirtschaft». Nun, er, der Chrampfer, hat riskiert und investiert. Jetzt kann er vorerst nur hoffen. Auf viel gutes Wetter – und dass seine Wachhunde sämtliche Hanf-Räuber von seinem Feld fernhalten mögen.

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