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DAGMERSELLEN: Frei in ihren Träumen

Von einer Stunde auf die andere verlor Liliane Wyss (38) sämtliche Kontrolle über ihren Körper. Locked-In, nennen Ärzte diesen Zustand. Was ihr bleibt, ist die Macht der Fantasie.
Christian Hodel
Ihr Geist ist hellwach, aber grosse Teile des Körpers reagieren nicht: Liliane Wyss in ihrer Wohnung. (Bild: Nadia Schärli (Dagmersellen, 19. Oktober))

Ihr Geist ist hellwach, aber grosse Teile des Körpers reagieren nicht: Liliane Wyss in ihrer Wohnung. (Bild: Nadia Schärli (Dagmersellen, 19. Oktober))

«Ich bin ein Pflegefall. Ich werde mit hoher Kunst am Leben erhalten. Die Medizin macht es möglich. Ich bin von der Gesellschaft getragen, verursache viele Kosten. Doch auch ‹Schmarotzer› können nützlich sein. Braucht es nicht hin und wieder Menschen, die den körperlichen Gesunden den Wert ihres Lebens bewusst machen?»

Liliane Wyss öffnet die Augen, Inselspital Bern, ein Montag Ende März 2001. «Verstehst du mich?», fragt die Schwester, am Bettrand sitzend. Was soll die doofe Frage, natürlich versteht die 22-Jährige Bio-Chemie-Studentin. Sie will der Schwester antworten, legt sich Worte zurecht. Es bleibt beim Wollen. Ihre Stimme ist stumm – und wird es für immer bleiben.

«Ich bin zum Riesenbaby degeneriert»

Liliane Wyss hat von einer Stunde auf die andere eine Grenze überschritten. Auf der einen Seite ist ihr hellwacher Geist, auf der anderen der gelähmte Körper, der ihr nicht gehorcht. Locked-In nennen das Ärzte – eingeschlossen im eigenen Körper. Das Einzige, was sie an diesem Montag im Inselspital bewegen kann, sind die Augenlieder. Zweimal blinzeln heisst von nun an Ja, bei Nein schliesst sie die Augen. Später wird Liliane Wyss in einem Buch schreiben:

«Die Menschen da draussen bleiben mir fern, unerreichbar. Meine Gedanken können wie in Watte verpackt, niemanden erreichen.»

Der Hirnstamminfarkt kommt unangekündigt an einem Samstag. Die Kirchenuhr schlägt zur vollen Stunde. Es ist ein Uhr mittags, Liliane Wyss zappt sich gerade durch Talkshows, ihr Kopf hämmert. Migräne, vielleicht.

Minuten später flimmert das Bild im Fernseher. Die Augen versagen, ihr wird übel, die Füsse tragen sie nicht mehr. Dann kann sie nicht mehr schlucken. Sie kriecht zum Telefon. Der Mund füllt sich mit Speichel, sie ringt um Atmen – und bleibt auf dem Wohnzimmerboden im Elternhaus liegen. Nach einer Stunde trifft die Schwester in Schwarzenburg BE ein, dann die Ambulanz. Zwei Tage löschen sich aus dem Gedächtnis. Dann wacht sie auf. Intensivstation. Vier Wochen Spital. Vierzehn Monate Paraplegikerzentrum Nottwil – und die ganze Zeit die immer gleiche Frage: Was wäre aus mir geworden?

«Während ich das schreibe, denke ich an meine Freunde und was die inzwischen alles erreicht haben. Das macht mich oft sehr traurig. Wie vieles verpasse ich. Wie vieles hätte ich gewollt (...) Ich möchte für immer einschlafen, so erschöpft und müde bin ich geworden. Ich bin nicht mehr mein eigener Meister, bin nicht mehr frei und würde es nie mehr sein. Ich bin zum Riesenbaby degeneriert und komme mir wie ein Gemüse in einem Kistchen vor.»

«Es war, wie es war, und es ist, wie es ist.»

Nach der Reha in Nottwil schreibt Liliane Wyss ihre Geschichte im Buch «Rosenmeer» nieder (siehe Hinweis). Über 150 000 Buchstaben tippt sie auf die Computertasten – mit dem linken Zeigfinger, den sie inzwischen wieder bewegen kann. Nach der Reha zieht sie in die Wohngemeinschaft Fluematt, irgendwo am Waldrand, zwischen Dagmersellen und Reiden.

«Genauso empfinde ich meine Stellung in der Gesellschaft. Ich bin eine Aussenseiterin, ausrangiert auf unbestimmte Zeit (...) Meine Rehabilitation ist abgeschlossen. Ich bin austherapiert (...) Meine Freiheit ist nicht zurückgekehrt. Ich bin abhängig geworden, ein körperliches Wrack. Ich fühle mich abgeschoben, wie ein nutzloser, verrosteter Eisenbahnwagen auf dem Abstellgeleise.»

Liliane Wyss war 26 Jahre alt, als sie diese Sätze in den Computer tippte. Inzwischen sind über zehn Jahre vergangen, sie kann den linken Fuss wieder anheben, den Kopf zur Seite drehen, mit der linken Hand winken. Es ist Oktober 2016, Liliane Wyss sitzt im Rollstuhl, WG Fluematt, eine grosszügige Wohnung, vierter Stock. Mit dem linken Zeigefinger tippt sie auf das Tablet, das auf ihrem Rollstuhl montiert ist. Sie drückt die Enter-Taste, eine weibliche Stimme ertönt: «Das Buch Rosenmeer ist lange her. Vergangenheit.» Sie habe abgeschlossen und blicke nach vorne, teilt die Stimme weiter mit – ohne Betonung, ohne Emotionen. «Nur manchmal überkommt es mich.»

Der Sprechcomputer ermöglicht Liliane Wyss zu kommunizieren – zwar nur mit Stichwörtern oder kurzen Sätzen im SMS-Stil. Aber immerhin. Es ist die einzige Möglichkeit, um aus der Isolation auszubrechen. Und das Schreiben, das Einzige, um sich mitzuteilen. «Sehr wichtig ist Schreiben. Sonst kann ich ja nichts», sagt die Stimme.

Liliane Wyss arbeitet gerade an einem neuen Buch, für das sie einen Verlag und einen Illustrator sucht. Es beinhaltet fantasievolle, fiktive Kurzgeschichten, die von Tieren handeln. «Fantasie ist nicht gelähmt und deshalb besonders ausgeprägt», tippt sie in den Sprechcomputer. Ein paar Sekunden später sagt die Stimme: «Ich mag Tiere. Die reden auch nicht.» Im Hintergrund zwitschern in einem Käfig ein halbes Dutzend Vögel – sie haben Junge gekriegt und sind aufgescheut. Liliane Wyss steuert den Rollstuhl zu ihnen, schaut sie an, die Vögel beruhigen sich. «Es muss nicht alles ausgesprochen werden, um sich zu verstehen», schreibt sie in ihrem Buch.

«Ein langer Weg liegt noch vor mir, ein Weg, den mir mein Schicksal zugedacht hat und den ich nicht selber ausgewählt habe. Das Ziel ist noch nicht absehbar, aber täglich komme ich ihm ein Stück näher, mutlos, wenn ich traurig bin, hoffnungsvoll, wenn es besser geht. Meistens geduldig ... Es war, wie es war, und es ist, wie es ist.»

Hinweis

«Rosenmeer» ist bei Liliane Wyss zu beziehen. Für ihr neues Buch «Der brennende Schwan – und weitere fantastische Tiergeschichten» sucht sie einen Verlag und einen Illustrator. Kontakt: wyss.liliane@gmail.com

Christian Hodel

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