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DAGMERSELLEN: Sie befreit sich von einem «Klotz» im Hals

50 Jahre behielt Monica Furger ein Geheimnis für sich. Jetzt hat das Inzest-Opfer ein Buch geschrieben – und gibt damit ihre Geschichte der Öffentlichkeit preis.
Ernesto Piazza
Monica Furger (61) im Garten der Wohngemeinschaft Fluematt, wo sie lebt. (Bild: Pius Amrein/LZ, Dagmersellen, 4. April 2017)

Monica Furger (61) im Garten der Wohngemeinschaft Fluematt, wo sie lebt. (Bild: Pius Amrein/LZ, Dagmersellen, 4. April 2017)

Ernesto Piazza

ernesto.piazza@luzernerzeitung.ch

Draussen scheint die Sonne. Im Garten der Wohngemeinschaft Fluematt in Dagmersellen blüht es. Die ersten Frühlingsboten sind unübersehbar. Drinnen sitzt Monica Furger im Elektrorollstuhl. «Ich musste den Schritt jetzt einfach machen», sagt die 61-Jährige mit einem fast entschuldigenden Blick. Ein halbes Jahrhundert durfte sie mit den schrecklichen Erlebnissen nicht an die Öffentlichkeit. Mit dem Buch «Totgeschwiegen» will das Inzest-Opfer einen Schlussstrich unter das für sie so triste, sie über Jahre belastende Lebenskapitel ziehen.

Monica Furger ist auf einem kleinen Bauernhof in Unterägeri geboren worden. Ihre Mutter war damals 16 Jahre alt – ihr Vater, der Bruder ihrer Mutter. Er habe sie vergewaltigt, schreibt sie im Buch. «Ich bin in einer grossen Familie aufgewachsen», erinnert sich die 61-Jährige. Doch diese Jahre erlebte Furger keineswegs gefüllt mit Glücksmomenten. Im Familienbüchlein war die Grossmutter als Mutter eingetragen, der Vater nicht aufgeführt. «Der Inzest sollte verheimlicht werden.» Monica Furgers Onkel und Vater sei auf dem Hof unentbehrlich gewesen. Die Angst, das Geschehene könnte öffentlich werden, habe permanent grassiert.

Der Traum einer kleinen Familie zerstört

Im «normalen» Schulbetrieb hatte Monica Furger grosse Probleme. Mit elf Jahren musste sie in ein Sonderschulheim. Zu schaffen machte ihr auch eine zerebrale Lähmung, welche sie seit Geburt mit sich trägt. Doch sie liess sich nicht entmutigen. «Ich habe immer versucht zu arbeiten.» Erst in einer Spitalküche, später in einem Altersheim: Bekannt war auch ihr «roter Flitzer», wie sie ihr Elektroauto nennt. Mit ihm war sie unter anderem als Verträgerin der damals noch drei Luzerner Tageszeitungen unterwegs.

«Nichtstun ist für mich keine Option», so die Buchautorin. Das änderte sich auch nicht, als ihre einseitige Lähmung sie mit 48 Jahren endgültig an den Rollstuhl «fesselte». Heute arbeitet Furger viel im Atelier der Wohngemeinschaft. Sie näht, strickt, fertigt Tonprodukte oder macht Karten für spezielle Anlässe. Auch mit nur noch einer gesunden Hand will sie ihr handwerkliches Geschick beweisen. «Aufgeben existiert für mich nicht», betont die willensstarke Frau. Dabei hätte sie oft allen Grund dazu gehabt, alles hinzuschmeissen. Beispielsweise, als sie mit 23 Jahren schwanger wurde. Doch die Beziehung ging in die Brüche. Kurz darauf verlor sie ihr Baby. Von ihrem totgeborenen Kind konnte sie nie Abschied nehmen. Als sie das Spital verliess, war es schon begraben. Der kleine Sarg sei anonym zu einer Frau gelegt worden, die zur selben Zeit verstorben war. So wie ihr Traum von einer kleinen Familie zu leben begonnen hatte, so jäh wurde er zerstört. «Dieses schreckliche Erlebnis verfolgt mich noch immer», erzählt Furger. All die Jahre begleitete sie der Kinderwunsch. Entsprechend gross ist ihre Freude, wenn sie ein Baby sieht.

Anerkennung, Geborgenheit, Liebe: Damit wurde sie in ihrem Leben keineswegs überschüttet. Zu ihrer Grossmutter hatte Monica Furger allerdings ein enges Verhältnis. Von ihr habe sie immer wieder Zuspruch erhalten. «Mit ihr konnte ich über alles reden.» Sie war es auch, die ihr vom Inzest erzählte. Damals war sie 12 Jahre alt. Die Beziehung zu ihrem Vater sei hingegen schwierig gewesen. «Meine Mutter war mit der Situation oft überfordert.» Als sie mit ihr später viele Jahre eine Wohnung teilte, «wurde das Verhältnis besser».

Entscheidender Impuls von einer Mitbewohnerin

Oft fehlten ihr Kraft und Lebensenergie. «Dann führte mich der Weg zu den Schönstatt-Ordensschwestern», sagt die 61-Jährige. Eine andere Möglichkeit sei ihr nicht geblieben. Trotzdem drohte ihr «Klotz» im Hals sie manchmal förmlich zu ersticken. «Jetzt ist er weg», sagt Monica Furger. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen.

Eine Mitbewohnerin gab ihr den entscheidenden Impuls, das Projekt anzugehen. «Sie kann zwar nicht reden, so wie wir, hat aber über ihren Kommunikator mit Sprachausgabe trotzdem eine Stimme.» Von ihr sei sie motiviert worden, das Buch zu schreiben. Fritz Wyss, der Vater der Mitbewohnerin, brachte die Geschichte zu Papier. «Er war für mich ein Segen», sagt die Autorin. Wyss war auch um Spendengelder besorgt, hat einen Verlag gefunden. Jetzt, nach einem Jahr, hält sie ihr Werk in den Händen. Und wenn man mit ihr so spricht, wird klar: Monica Furger ist ein grosser Stein vom Herzen gefallen.

Hinweis

«Totgeschwiegen» ist bei Tredi­tion GmbH, Hamburg, erschienen. ISBN 978-3-7345-8941-6. Das Buch kostet 20 Franken und ist auch im Buchhandel erhältlich.

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