«Dargebotene Hand»: Die grössten Sorgen sind Burn-out, Depression und Mobbing im Netz

14'000 Mal klingelte das Sorgentelefon der Zentralschweiz letztes Jahr. Die Zahl der Anrufer mit Burn-out und Depressionen habe sich seit 2008 fast verdoppelt. Grund dafür sei der wachsende Druck der Gesellschaft.

Alexander von Däniken
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Eine Beraterin am Sorgentelefon der Dargebotenen Hand: Auch sie wurde während rund eines Jahres auf die anspruchsvolle Freiwilligenarbeit vorbereitet. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Eine Beraterin am Sorgentelefon der Dargebotenen Hand: Auch sie wurde während rund eines Jahres auf die anspruchsvolle Freiwilligenarbeit vorbereitet. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Knapp 14'000 Mal klingelte das Sorgentelefon 143 der Zentralschweizer Regionalstelle letztes Jahr. Daraus ergaben sich 10'216 Gespräche, wie die Dargebotene Hand kürzlich mitteilte. Im Vorjahr waren es 9914 Gespräche, 2014 deren 10'416.

Deutlich mehr Anrufe als früher haben mit dem stärkeren Druck der Gesellschaft zu tun. Die Zahl der Anrufer mit Burn-out und Depressionen habe sich seit 2008 fast verdoppelt, sagt Klaus Rütschi, Geschäftsführer der Dargebotenen Hand Zentralschweiz. Ebenfalls ein neues Phänomen: Waren früher vor allem ältere Menschen von Einsamkeit betroffen, sind es heutzutage immer mehr jüngere. «Soziale Medien führen zu Einsamkeit», klärt Rütschi auf. «Wenn 800 Facebook-Freunde ihre Ferienbilder zeigen, sich präsentieren, als hätten sie viel Geld, und bei allem schön aussehen, dann erzeugt das einen immensen Druck.» Oft litten persönliche, enge Freundschaften unter dem Druck der virtuellen Selbstverwirklichung.

Mobbing im Internet: Vor allem Frauen betroffen

Dass längst nicht alle die Grenze zwischen digitalem Hedonismus und Wirklichkeit ziehen können, zeigt sich auch anhand verschiedener Mobbing- und Shitstorm-Fälle. Diese lassen sich laut Rütschi zwar nicht beziffern, «aber vor allem junge Frauen werden Opfer von Mobbing in den sozialen Medien». Das Perfide daran sei die Anonymität. Werde eine junge Frau von einer Unbekannten als «Schlampe» bezeichnet, könne sie sich kaum wehren.

Stichwort jüngere Anrufer: Die Dargebotene Hand spricht hier von einem höheren Anteil 19- bis 25-Jähriger. Kinder und Teenager wenden sich in der Regel an die Nummer 147 der Pro Juventute (siehe Box). «Wenn eine 16-Jährige anruft, lassen wir sie mit ihren Problemen aber nicht allein», stellt Rütschi klar. Nach wie vor ist mit rund 55 Prozent der grösste Teil der Anrufer mindestens 60 Jahre alt.

Diese Altersgruppe hat denn laut Klaus Rütschi auch noch einen stärkeren Bezug zur Telefonnummer; die 143 kennt man noch aus dem Telefonbuch. Ein Anruf kostet übrigens 20 Rappen, unabhängig von der Gesprächsdauer. Die Dargebotene Hand will sich allerdings nicht auf diesen Kanal beschränken und bietet darum auch eine E-Mail-Beratung und einen vertraulichen Chat an.

Während vor allem Frauen den telefonischen Weg wählen, entscheiden sich Männer öfter für eine Online-Beratung. Das ist nicht der einzige Geschlechterunterschied. Rütschi: «Die Männer warten oft zu lange, bis sie Hilfe in Anspruch nehmen oder mit jemandem über ihre Probleme sprechen.» Hier gelte in der Gesellschaft noch das Bild des starken Mannes, der seine Probleme selbst lösen muss oder will. Das zeigt sich auch daran, dass Männer per Online-Beratung 6 Prozent häufiger eine Suizid-Absicht äussern als am Telefon.

Das Thema Suizidgefährdung war bei der Gründung der Dargebotenen Hand zentral: Zuerst 1892 in New York, dann 1953 in London und ab 1957 in der Schweiz. Obwohl die Selbstmordrate in der Schweiz nach wie vor hoch ist, ist dies beim Sorgentelefon allerdings kein Kernthema mehr: Die Gesamtzahl der entsprechenden Beratungen bewegt sich seit Jahren um etwa 1 Prozent.

Sprechen Personen mit Suizid-Absichten einfach nicht darüber? Klaus Rütschi kann das nicht bestätigen: «Es gibt oft Anzeichen. Aber wenn jemand sagt, er wisse nicht weiter oder alles habe keinen Sinn mehr, wird das vom Umfeld als harmlos dargestellt.» Also ganz im Sinne von: Das kommt schon wieder! Rütschi appelliert, Warnsignale besser zu beachten und die Betroffenen ernster zu nehmen.

Beraterinnen und Berater arbeiten unentgeltlich

Habe die Dargebotene Hand jemanden am Telefon, der suizidale Absichten äussert, könne sich das Gespräch über ein bis zwei Stunden hinziehen. In manchen Fällen auch länger. Bei anderen Anliegen dauert ein Gespräch im Schnitt weniger als 30 Minuten. Das Ziel ist laut Rütschi bei allen Beratungen gleich: den Menschen zuhören und ihnen Wege aus der Situation aufzeigen. «Etwa indem wir eine der über 600 Fachstellen aus der Region empfehlen.»

Die 53 Beraterinnen und Berater des Sorgentelefons Zentralschweiz arbeiten unentgeltlich. Sie werden knapp ein Jahr auf die anspruchsvolle Arbeit vorbereitet. Unter anderem stehen 200 Stunden Theorie und Praxis in Kommunikation, Psychologie, Psychopathologie und die Auseinandersetzung mit der eigenen Person auf dem Stundenplan. Derzeit gibt es laut Rütschi genügend geeignete Freiwillige.

Weitere Infos finden Sie unter 143.ch.

Nummer 147 für Kinder und Jugendliche

Neben der Dargebotenen Hand mit der Telefonnummer 143 gibt es weitere Beratungsangebote, die sich an spezifische Altersgruppen richten.

Für Kinder und Jugendliche ist die Nummer 147 von Pro Juventute da. Auch Pro Juventute bietet die Beratung auf mehreren Kanälen an; nebst dem Telefon über SMS, Chat und E-Mail (www.147.ch).

Die Pro Senectute wiederum richtet sich in erster Linie an Menschen im AHV-Alter sowie an deren Angehörige. Bei der kostenlosen und persönlichen Sozialberatung werden auf Voranmeldung Themen wie persönliche Probleme, Beziehungen, Sozialversicherungen sowie rechtliche und finanzielle Fragen behandelt. Weitere Informationen: www.lu.prosenectute.ch. (avd)