Darmkrebs frühzeitig erkennen: Luzerner Ärzte machen sich für Vorsorgeprogramm stark

In der Zentralschweiz kennt heute einzig Uri ein Vorsorge-Programm gegen Darmkrebs. Nun will auch Luzern ein solches starten. Knackpunkt dürften einmal mehr die Finanzen sein.

Evelyne Fischer
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Die Zahl ist aufwühlend: Jeder vierte Todesfall in der Zentralschweiz ist einer Krebserkrankung geschuldet. Der Kanton Luzern möchte nun Gegensteuer geben und prüft die Lancierung eines Vorsorge-Programms gegen Darmkrebs. Den Anstoss dafür gab das Luzerner Kantonsspital (Luks). «Im Gegensatz zu Brustkrebs ist Darmkrebs noch immer ein Tabu-Thema», sagt Patrick Aepli, Chefarzt Gastroenterologie am Luks in Luzern. «Das müssen wir ändern.»

Ein Mitarbeiter des Luzerner Kantonsspitals in der Apotheke des Tumorzentrums.

Ein Mitarbeiter des Luzerner Kantonsspitals in der Apotheke des Tumorzentrums.

Bild: Corinne Glanzmann
(Luzern, 4. März 2020)

Hierzulande erhalten gemäss der Krebsliga jährlich rund 4300 Personen die Diagnose Darmkrebs, rund 1700 Menschen sterben daran. In der Zentralschweiz wurden im Jahr 2015 97 Neuerkrankungen bei Männern sowie 80 bei Frauen registriert.

Bei Früherkennung über 90 Prozent Heilungschancen

Nebst Aepli engagieren sich Joachim Diebold, Chefarzt Pathologie in Luzern, sowie Ralph Winterhalder, Co-Chefarzt Onkologie am Standort Sursee, für die Darmkrebs-Vorsorge. «Vom Ausbruch der Krankheit bis zum fortgeschrittenen Stadium vergehen in der Regel 10 bis 15 Jahre», sagt Winterhalder. «Wird der Krebs schon in der Vorstufe erkannt, betragen die Heilungschancen über 90 Prozent. Gibt es aber bereits Ableger auf anderen Organen, sinken diese auf rund 20 Prozent.»

Entsprechend wichtig sind systematische Reihenuntersuchungen – sogenannte Screenings – ab dem 50. Altersjahr. «Denn von da an steigt die Zahl der Erkrankungen massiv», so Winterhalder. «Die wenigen Fälle, die vorher auftreten, sind fast immer familiär vorbelastet.» Noch immer weiss die Wissenschaft wenig über die Ursachen von Darmkrebs. Winterhalder sagt: «Nebst Vorerkrankungen zählen Adipositas, Nikotin, Alkohol, Bewegungsmangel sowie rotes Fleisch und Wurstwaren zu den Risikofaktoren.»

Darmkrebs – das sind die Alarmzeichen:

  • veränderte Stuhlgewohnheiten (Durchfall, Verstopfung)
  • Blähungen
  • Bauchschmerzen
  • Blut im Stuhl, Blutarmut, Eisenmangel
  • Gewichtsverlust

Geplant ist, Frauen und Männer ab dem besagten Altersjahr für einen Stuhltest oder eine Darmspiegelung aufzubieten. Aepli sagt:

«Will man bereits Krebsvorstufen – sogenannte Polypen – entdecken und gleichzeitig entfernen, ist die Darmspiegelung unabdingbar.»

Studien bestätigen: Wird diese Methode gewählt, treten bei 2000 Personen der Zielgruppe innert 15 Jahren statt 40 nur 14 Karzinome, also bösartige Tumore, auf. Auch die Zahl der Todesfälle sinkt: Von 2000 Personen sterben statt 18 nur noch 2 an Darmkrebs.

Kurze Wege: In der Apotheke des Tumorzentrums werden beispielsweise Medikamente für eine Chemotherapie hergestellt.
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Mit radioaktivem Jod können nun auch am Kantonsspital beispielsweise Schilddrüsenerkrankungen behandelt werden.
Neu stehen auch im Tumorzentrum am Luzerner Kantonsspital zwei Betten für nuklearmedizinische Therapien zur Verfügung.
Marisol Pérez, ärztliche Leiterin der nuklearmedizinischen Therapiestation, mit einer Bleiwand, die für Besprechungen mit Patienten dieser Station verwendet wird.
Bei den aufgehängten Bildern im Tumorzentrum hatten die Angestellten ein Mitspracherecht.
So sieht das neue Tumorzentrum am Luzerner Kantonsspital von innen aus.
Rundgang beim neuen Tumorzentrum am Luzerner Kantonsspital.
Aussenansicht des aufgestockten Tumorzentrums am Luzerner Kantonsspital.

Kurze Wege: In der Apotheke des Tumorzentrums werden beispielsweise Medikamente für eine Chemotherapie hergestellt.

Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 4. März 2020)

Für Aepli, Diebold und Winterhalder ist klar: Ein Vorsorge-Programm rettet Leben und bringt darüber hinaus volkswirtschaftlichen Nutzen. «Eine Krebsbehandlung zieht Kosten im fünfstelligen Bereich nach sich», sagt Winterhalder.

Uri nahm schweizweit Vorreiterrolle ein

Luzern wäre nach Uri der zweite Zentralschweizer Kanton, der auf Vorsorge setzt. Uri hat seinerzeit als nationaler Vorreiter ein Darmkrebs-Screening auf die Beine gestellt – massgeblich dank des früheren Chefarztes der Medizin in Altdorf, Urs Marbet. Im November 2012 sprach der Urner Landrat für die Durchführung eines Vorsorge-Programms in den Jahren 2013 bis 2015 einen ersten Kredit über insgesamt 405'000 Franken. Ende 2015 genehmigte das Parlament den nächsten Kredit über 340'000 Franken für weitere acht bis zehn Jahre Prävention ab 2016.

Der Kanton Uri zählt knapp 10'000 Menschen im Alter über 50. «Ihnen wird alle zwei Jahre ein Stuhltest oder alle zehn Jahre eine Dickdarmspiegelung angeboten», sagt Urs Marbet.

«Bis jetzt nehmen gut 3000 Einwohner am Vorsorgeprogramm teil.»

Über dessen Wirksamkeit könne man leider noch nichts sagen. Aufgrund einer Studie zur Darmkrebsvorsorge mit gut 2000 Leuten im Jahr 2001 wisse man aber: «Die durch Darmkrebs bedingte Sterblichkeit konnte bei Programm-Teilnehmern gegenüber der nicht gescreenten Kontrollgruppe um etwa 80 Prozent gesenkt werden.»

Für Marbet ist klar: Es lohnt sich, die Bürger zu untersuchen, noch bevor erste Beschwerden auftreten. «Dann befinden sich die gefundenen Karzinome recht oft in einem meist heilbaren Frühstadium.» Beim Auftreten von Beschwerden weise ein Viertel aller Betroffenen bereits Ableger auf.

Luzerner Regierung gab Vorstudie in Auftrag

In Uri funktioniert die Finanzierung wie folgt: Sofern bei der Darmspiegelung keine Vorstufen entdeckt und abgetragen werden, fallen für die Betroffenen keine Kosten an. Die Franchise übernimmt die Krankenversicherung, der Selbstbehalt kann beim Kanton Uri zurückgefordert werden.

David Dürr; Leiter der kantonalen Dienststelle Gesundheit und Sport

David Dürr; Leiter der kantonalen Dienststelle Gesundheit und Sport

Bild: PD

Für welches Vorsorge-Modell sich Luzern entscheidet, ist offen: Die Regierung hat eine Vorstudie in Auftrag gegeben, um die Möglichkeiten und Kosten von Vorsorgeuntersuchungen zu klären. «Auch der Nutzen eines solchen Programms wird darin eruiert», sagt David Dürr, Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport. Ob das Vorsorge-Programm wie derzeit angedacht 2021 oder 2022 eingeführt werden kann, hängt laut Dürr von verschiedenen Faktoren ab. «Für das kantonale Programm braucht es die Zustimmung des Bundes betreffend Franchisebefreiung, zudem müssen die entsprechenden finanziellen Mittel gesprochen und die technischen Voraussetzungen geschaffen werden.»

Das Ärzte-Trio des Kantonsspitals bezeichnet das Unterfangen als Leuchtturm-Projekt. Joachim Diebold, Chefarzt Pathologie, sagt:

«Lanciert Luzern ein Vorsorge-Programm, werden vermutlich auch die übrigen Zentralschweizer Kantone mitziehen.»

Übrigens: Dank des Tumorzentrums am Standort Luzern kann das Kantonsspital neu alle Tumorbehandlungen unter einem Dach anbieten. Das Gebäude wurde kürzlich um zwei Stockwerke erweitert.

Mehr zum aufgestockten Tumorzentrum lesen Sie hier: