Kolumne

Darum ist Ostern gerade in der Krise so wichtig

Bernhard Waldmüller ist Leiter des Pastoralraums Kriens. In seinem Gastbeitrag äussert er sich zum bevorstehenden kirchlichen Fest in Zeiten von Corona.

Bernhard Waldmüller
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Bernhard Waldmüller.

Bernhard Waldmüller.

(Bild: Boris Bürgisser)

Es gibt in der Liturgie der Osternacht einen Moment, der mich immer wieder zutiefst berührt: Wenn die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird. Eine einzige Kerze, die den grossen Raum mit Licht erfüllt. Dann breitet sich dieses kleine Licht aus, wenn die Menschen nacheinander ihre Kerzen entzünden.

Es ist ein Sinnbild der Situation, in der wir uns befinden: Dunkel und Licht.

Menschen sind krank oder haben Angst um ihre Gesundheit, sie sind in Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz. Manche können nur schwer umgehen mit den Einschränkungen, erleben sie als Isolation und Belastung. Und in der Sorge – scheint mir – sieht man häufig nur noch die eigene Krise. Aber was ist mit den Menschen in Flüchtlingslagern mit unzureichenden hygienischen Bedingungen, mit Obdachlosen, die eben keine Wohnung für den Rückzug haben, mit psychisch belasteten Menschen, denen die für sie so wichtige Tagesstruktur einfach weggebrochen ist?

Zugleich erlebe ich gerade ein schier unglaubliches Mass an Engagement, an Hilfsbereitschaft, Kreativität und Solidarität: Als wir in Kriens Freiwillige gesucht haben, die Einkäufe und Botengänge für ältere Menschen machen, da haben sich sehr viele gemeldet; ich höre, wie Nachbarn neu aufeinander zugehen und sich gegenseitig helfen, wie Familien sich unterstützen beim Lernen mit den Kindern, wie Vereine ihre Mitglieder anrufen, um zu hören, wie es ihnen geht; ich staune über die Kreativität, mit der man sich vernetzt und freue mich über den Humor, mit dem man in den sozialen Medien der Krise begegnet.

Es sind Zeichen der Hoffnung. Vielleicht war vieles schon vorher da, aber in der augenblicklichen Situation nimmt man es deutlicher wahr – so wie das Licht einer Kerze eben nur in der Dunkelheit leuchtet.

Genau das scheint mir in diesem Jahr so wichtig: diesen Horizont der Hoffnung und des Vertrauens wahrzunehmen, vor dem sich das Leben gegenwärtig abspielt. Denn wenn Menschen sich füreinander einsetzen, wenn sie neu aufeinander zugehen, sich unterstützen, manchmal vielleicht auch nur die eigene Hilflosigkeit oder die Angst miteinander teilen, dann werden Hoffnung und Vertrauen lebendig. Denn warum sollte man Projekte starten, Solidarität üben, sich einschränken um der Gesundheit anderer willen, Menschen beizustehen im Leben und im Sterben, wenn nicht aus einem tiefen Vertrauen und aus der Hoffnung, dass dieses Leben einen Sinn hat, über unsere eigenen Grenzen hinaus? Vielleicht ist man sich dessen nicht immer bewusst, handelt spontan und aus persönlicher Betroffenheit. Und doch, das ist meine Überzeugung, steht dahinter ein Horizont von Hoffnung und Vertrauen. Vaclav Havel, Menschenrechtler und tschechischer Staatspräsident hat das so formuliert: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.» Dieses oft unausgesprochene Vertrauen, dass es eben einen Sinn macht, einander beizustehen, das sehe ich an so vielen Orten – und genau das feiern wir an Ostern – auch wenn wir die vertrauten und lieben Formen und Riten nicht feiern können und vermissen.

Denn das Licht, das wir in der Osternacht in die Kirche tragen, steht für dieses Vertrauen und diese Hoffnung: Das Vertrauen und die Hoffnung, dass das Licht stärker ist als alle Dunkelheit und das Leben stärker als der Tod. Dieses Licht der Osterkerze geben wir in der katholischen Tradition jedem Menschen mit auf den Weg, am Beginn des Lebens, in der Taufe, ebenso wie am Ende. Das menschliche Leben steht, das kommt im Symbol zum Ausdruck, im Horizont von Hoffnung und Vertrauen.

Und wenn wir in diesem Jahr das Licht nicht wie sonst in die Kirchen tragen können, dann erinnert uns das als Kirchen vielleicht auch daran, dass es unsere vordringlichste Aufgabe ist, das Licht der Hoffnung und des Vertrauens nicht in unsere Kirchen hinein, sondern aus unseren Kirchen hinaus zu den Menschen zu tragen.

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