DAS ANDERE INTERVIEW: «Der Grat zwischen Genie und Verrücktheit ist schmal»

Während des Blue Balls wird es auch im Fünfsternehotel Schweizerhof in Luzern richtig laut. Als Partner des Festivals finden hier nicht nur Konzerte statt, hier übernachten auch die Stars. Mitinhaber Patrick Hauser (52) erzählt im Interview mit unserer Zeitung, welche Extrawünsche die Musiker haben und was sein grösster Albtraum wäre.

Flurina Valsecchi
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Patrick Hauser, Besitzer des Hotel Schweizerhofs. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Patrick Hauser, Besitzer des Hotel Schweizerhofs. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Patrick Hauser, wir sehen, auch Sie haben einen Pin angesteckt. Bestimmt wollen Sie mit gutem Beispiel vorangehen.

Patrick Hauser: Aber sicher! In unserem Hotel ist es Tradition, dass wir für all unsere Mitarbeiter einen Pin kaufen. Auch sie sollen in ihrer Freizeit die Musik geniessen können.

Freizeit? In den nächsten Tagen werden wohl eher Extraschichten nötig sein.

Hauser: Das ist so. Wenn die letzten Festivalbesucher in der Frühe die Bar verlassen, kommen die ersten Mitarbeiter bereits zum Putzen. Wenn die Gäste zum Frühstück erscheinen, muss es hier wieder wie in einem Hotel aussehen und nicht wie auf einem Schlachtfeld. Deshalb haben wir während des Festivals auch zusätzliches Personal im Einsatz.

Schlachtfeld? Ist es tatsächlich so schlimm?

Hauser: Das ist jetzt natürlich übertrieben. Es gibt glücklicherweise keine grossen Schäden. Wir haben aber aus den Erfahrungen der letzten Jahre gelernt und treffen ein paar Sicherheitsvorkehrungen. In der Bar und auf der Terrasse etwa haben wir älteres Mobiliar hingestellt. Das grosse Ölgemälde vom Urnersee in der Bar wurde durch ein Festivalplakat ersetzt.

Aber zu den Palmen schauen Sie besser?

Hauser: Ach ja, die Palmen ...

... im letzten Jahr setzten Festival-Besucher eine Palme vor dem Hotel in Brand!

Hauser: Es war eine Dummheit von zwei jungen Herren. Wir konnten beide fassen, und die Sache wurde geregelt. Securitypersonal ist auch in diesem Jahr da. Wir können aber nicht neben jede Palme einen Wächter mit einem Feuerlöscher stellen.

Zurück zur Musik: Können Sie als Festivalpartner eigentlich wünschen, welche Musiker aufs Blue-Balls-Programm sollen?

Hauser: Nein, da wäre ich sicher der Falsche!

Das heisst, Sie haben keine musikalische Ader?

Hauser: Würde ich zu singen beginnen, würden die letzten Gäste aus der «Schweizerhof»-Bar rausrennen. Als Bub musste ich Blockflöte lernen. In unserer Familie liegt das musikalische Talent eindeutig bei meinem Bruder Mike, er spielt Schlagzeug. Ich bin mehr der Konsument und höre gerne zu. Mein Musikgeschmack reicht von Klassik über Jazz und Blues bis zu aktuellen Rockstars wie Ed Sheeran. Ich lasse mich nicht in eine Schublade drängen, das wäre ja langweilig.

Trotzdem, welche Stars wünschen Sie sich für künftige Blue Balls?

Hauser: Natürlich philosophieren wir an der Bar zu später Stunde mal darüber, welche Musiker fürs nächste Jahr angefragt werden könnten. Wie wärs zum Beispiel mit Prince oder Stevie Wonder?

Zwei Weltstars!

Hauser: Leider. Sie spielen in ganz anderen Dimensionen – auch finanziell. Das Blue Balls muss schauen, dass es sich nicht übernimmt.

Sie kümmern sich um die Stars, wenn sie in Luzern sind und bei Ihnen übernachten. Bestimmt haben die berühmten Musiker ständig irgendwelche Extrawünsche.

Hauser: Da sind wir uns unterdessen vieles gewohnt, wir bekommen jeweils vorher vom Band-Manager ­einen sogenannten Hotel-Rider zugestellt.

Ein «Hotel-Rider», was ist denn das?

Hauser: Das ist eine Liste mit allen Wünschen des Musikers. Vor ein paar Jahren zum Beispiel mussten wir für eine amerikanische Sängerin zwei grosse Kühlschränke im Zimmer aufstellen. Es wurde verlangt, dass wir verschiedene Platten mit Käse, Früchten und Gemüse bereitstellen. Zudem waren ein spezielles Mineralwasser und diverse Softdrinks nötig, die es nur in Amerika zu kaufen gibt. Selbstverständlich haben wir alles organisiert.

Lassen Sie mich raten, die Musikerin war noch immer nicht zufrieden?

Hauser: Sie reiste in der Limousine an, setzte sich auf die Terrasse und bestellte eine Portion Pommes frites. Am Abend gab sie ein wunderbares Konzert, und am nächsten Tag reiste sie wieder ab. Die beiden Kühlschränke blieben unangetastet. Für eine andere Musikerin mussten wir das ganze Zimmer in weisser Farbe halten. Wir deckten alle Möbel mit weissen Tüchern ab.

Sind solche Starallüren nicht ärgerlich?

Hauser: Nein, ich weiss, dass diese Wunschkataloge häufig nicht vom Musiker selber, sondern vom Management kommen. Und für bestimmte Stars bemühen wir uns gerne. Es sind sogar schon Freundschaften entstanden, wie etwa mit der holländischen Saxofonistin Candy Dulfer. Als wir ein Zimmer nach ihr benannten, schickte sie uns ein Saxofon, mit dem sie schon mehrmals aufgetreten war. Wir haben es nun im Zimmer aufgestellt.

Aber nicht alle Stars passen zum Image Ihres Fünfsternehotels. Letztes Jahr wurde der britische Skandalrocker Peter Doherty nicht zur «Schweizerhof»-Bar eingelassen, weil er noch Essen von einem Stand mitbrachte. Prompt wurde er ausfällig.

Hauser: Zum Glück kam gerade unser Chef de Réception dazu und konnte die Situation klären, die beiden kamen nachher durch einen Seiteneingang in die Bar. Es gibt eben auch Musiker, bei denen der Grat zwischen Genie und ein bisschen Verrücktheit schmal ist.

Hat ein Star auch einmal bei ­Ihnen in der Lobby randaliert?

Hauser: Nein, das ist noch nie vorgekommen. Und wenn man bedenkt, dass Peter Doherty den Ruf hat, dass er ab und zu das eine oder andere Möbelstück auseinandernimmt, ist bei uns alles völlig glimpflich abgelaufen.

Ist ein Festival wie das Blue Balls überhaupt mit Ihrem edlen Hotel zu vereinbaren? Vermutlich sind bereits Gäste wegen der lauten Musik und des Rummels abgereist?

Hauser: Gäste, die in einer Festivalzeit oder auch während der Fasnacht bei uns ein Zimmer buchen, werden von uns informiert, dass sie hier nicht in absoluter Stille und Abgeschiedenheit Ferien machen werden. Es gibt nur ganz wenige Gäste, die sich dann für ein anderes Hotel entscheiden. Ohnehin: Der Konzertsaal befindet sich in einem anderen Trakt des Hotels, deshalb hört man in den Zimmern nichts von der lauten Musik.

Der «Schweizerhof» ist ja eine richtige Festhütte! Neben dem Blue Balls finden bei Ihnen noch viele andere Anlässe statt – das Programm reicht von der Fasnacht bis zum Retrofestival.

Hauser: Sie sagen jetzt Festhütte. Wir nennen es Festivalhotel, mir gefällt dieser Ausdruck besser. Der «Schweizerhof» soll kein Ghetto für Leute mit einem Kontostand ab 10 Millionen sein. Hier ist jeder willkommen. Viele Luzerner kommen heute in unsere Bar, noch vor 10 Jahren hätten sie sich nicht hierher getraut.

Anders gefragt: Ist Luzern so langweilig, dass Sie Ihre Gäste mit so vielen Festivals unterhalten müssen?

Hauser: Nein, überhaupt nicht. Wir wollen uns schlicht von anderen Hotels unterscheiden. Mit dem Blue Balls beispielsweise wollen wir sowohl Einheimische wie unsere Gäste ansprechen.

Die Konzerte im «Schweizerhof» beginnen jeweils um 22 Uhr. Machen Sie jetzt jeden Abend Freinacht?

Hauser: Es wird spät, klar, aber wir haben in den letzten Jahren dazugelernt und sind heute besser organisiert. Wir – das sind Hoteldirektor Clemens Hunziker, mein Bruder Mike und ich – haben die Abende aufgeteilt, jeweils einer aus unserem Trio bleibt bis zum Schluss. So kommt man auch mal vor 5 Uhr morgens ins Bett und muss nicht gleich um 9 Uhr wieder die ersten Gäste zum Frühstück begrüssen.

Ihr grösster Albtraum für die nächsten Tage?

Hauser: Zum Glück bin ich kein Träumer! Ein Schreckensszenario wäre, wenn während eines Konzerts der Strom für längere Zeit ausfallen würde, so wie es vor ein paar Tagen in der Gemeinde Horw passiert ist.