DAS ANDERE INTERVIEW: Er macht aus schnellen Ski Raketen

Benni Matti (34), Racing Director bei Stöckli Swiss Ski, Wolhusen

Roger Rüegger
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Beni Matti präsentiert Viktoria Rebensburgs schnellen Riesenslalom-Ski. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Beni Matti präsentiert Viktoria Rebensburgs schnellen Riesenslalom-Ski. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

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Beni Matti (34) ist Racing Director bei Stöckli Swiss Ski, Wolhusen. Der Berner Oberländer war vier Jahre Profi-Skirennfahrer. Heute betreut er Athleten wie Tina Maze, Viktoria Rebensburg, Tim Jitloff, Julia Mancuso oder die Ski-Cross-Fahrer Mike Schmid und Sanna Lüdi. Über Vorzüge und weniger lustige Seiten seiner Arbeit sprachen wir mit ihm letzte Woche.

Benni Matti, Racing Director muss der coolste Job sein, den es gibt.

Beni Matti: Das ist so. Der Rennsport mit all den verschiedenen Facetten ist interessant. Aber so cool der Job ist, wir verbringen nicht einfach eine schöne Zeit zusammen. Die Herausforderung ist gross.

Wie krallt man sich eine solche Arbeitsstelle?

Matti: Ich bin vier Jahre als Profi Skirennen gefahren. Auch sechs Weltcup-Rennen. Ganz unbekannt waren die Arbeitsabläufe für mich also nicht. Nachdem ich mit dem Rennsport aufhörte, gab es für mich zwei Möglichkeiten: Trainer oder eine Anstellung bei einer Skifirma. So habe ich vor sieben Jahren als Testfahrer bei Stöckli begonnen.

Damit wir uns richtig verstehen. Ihr Arbeitsplatz ist an den Austragungsorten der Skiweltcup-Rennen?

Matti: Bei den Rennen sind wir immer bei unseren Athleten. Wir befinden uns aber auch abseits der Rennsaison oft auf den Pisten, um Ski zu testen. Dass wir jetzt in Malters zusammen sprechen können, ist schon fast ein Wunder.

Sind Sie auf dem Sprung?

Matti: Ja. Wenn dieses Interview erscheint, sind wir in Davos am Testen. Vorher waren wir vier Wochen in Sölden. Und Ende November gehts für zweieinhalb Wochen nach Nordamerika.

Kurz vor dem Weltcup? Testen Sie die Ski nicht schon im Sommer?

Matti: Die Tests finden ständig statt. Auch von den Rennfahrerinnen und Rennfahrern. Ein Ski, der im Sommer auf dem Gletscher schnell ist, kann sich auf dem Kunstschnee im Winter als untauglich erweisen. Der Schnee in Nordamerika ist nicht vergleichbar mit dem in Europa und jener nördlich der Alpen ist anders als der in den Dolomiten. Zudem testen wir die Ski der einzelnen Fahrer. Tina Maze bevorzugt nicht denselben Ski wie Viktoria Rebensburg. Die Vorlieben und der Fahrstil der beiden Fahrerinnen sind sehr verschieden.

Was bedeutet das in der Praxis?

Matti: Wir sind dadurch extrem gefordert. Täglich fahren wir rund 30 Tests. Die Ergebnisse werden ausgewertet, und die Erkenntnisse werden umgewandelt. Wir müssen Resultate liefern, das heisst den Fahrern Spitzenmaterial zur Verfügung stellen. Deshalb ist zu Beginn der Saison jeweils auch eine gewisse Nervosität da.

Können Sie während der Saison direkt Einfluss nehmen auf die Resultate?

Matti: Unbedingt. Ein Beispiel: Im WM-Jahr 2015 hat Viktoria Rebensburg mit einem Riesenslalomski die gewünschten Ziele nicht erreicht. So haben wir innerhalb von 10 Tagen für sie einen neuen Ski entwickelt und hergestellt. An der WM holte sie damit prompt Silber.

Sie haben einen neuen Ski hergestellt – nach den Vorgaben der Fahrerin?

Matti: Für Stöckli arbeiten zehn Personen im Skirennsport. So etwas kann man mit einem kleinen flexiblen Team erreichen.

Das grenzt für den Laien an Magie.

Mattli: Die grosse Erfahrung des Teams und die detaillierten Rückmeldungen der Fahrer machen dies möglich. In diesem Fall hatte Viktorias Ski Anfang Kurve zu wenig Einzug, Ende Kurve war er gut. Es gibt Möglichkeiten, so etwas zu korrigieren – wie, möchte ich hier nicht preisgeben. Viktoria gibt super Feedbacks.

Und Maze?

Mattli: Einmal beschwerte sie sich permanent über einen Ski und fuhr bereits nach zehn Toren von der Piste. Dann schimpfte sie mit ihrem Servicemann. Dieser warf daraufhin Mazes Ski über ein Fangnetz in den Neuschnee. Sie entschuldigte sich danach bei ihm, stapfte durch den Schnee und holte ihre Ski selber.

Und, war etwas mit den Ski?

Matti: Wir glaubten wirklich, dass es nichts auszusetzen gibt. In der Werkstatt fanden wir aber heraus, dass der Kern einen kleinen Riss hatte. Maze hat diese Feinheit gespürt ...

Also ist der Ski genauso wichtig wie der Fahrer?

Mattli: Das richtige Material ist schon auch entscheidend. Als der internationale Skiverband FIS auf die Saison 2012/13 das Materialreglement veränderte, haben wir einen Top-Ski gebaut, mit dem Maze gleich die ersten vier Rennen gewann. Wir mussten diesen Ski nach den Rennen immer rasch verschwinden lassen, damit die Konkurrenz keinen Blick darauf werfen konnte.

Was haben Sie sonst für Aufgaben?

Mattli: Athleten betreuen, Verträge verhandeln, die ganze Koordination unseres Service-Teams, angefangen beim Buchen der Flüge und der Hotels, dem Verfrachten des Materials nach Übersee und die Terminvereinbarungen mit dem Management der Fahrer sowie den Nationalteams. Es kommt schon einiges zusammen.

Und wenn alles klappt, geniessen Sie das Rennen bei einem Jägertee?

Matti: Vergiss es. Bei den Rennen bin ich im Zielbereich und drücke den Fahrern die Zielski in die Finger. Und ich bin darum besorgt, dass der Stöckli-Schriftzug auf den Ski bei Interviews so platziert ist, damit dieser im TV gut sichtbar ist. Diese Plattform müssen wir optimal nutzen.

Wollen Sie mir jetzt weismachen, dass im Skizirkus nicht gefeiert wird?

Matti: Nein, so ist es nicht. Ein Sieg muss gefeiert werden. Was nicht bedeutet, dass die Fahrer mitfeiern und die Party als letzte verlassen. Solches gab es vielleicht früher. Denken Sie nur an die Schlagzeilen, wenn ein Fahrer nachts unterwegs ist und am Rennen keine Leistung zeigt.

Aber es gibt schon auch solche, die noch auf den Putz hauen?

Matti: Bode Miller wurde in Wengen vor dem Rennen einmal gegen 3 Uhr früh auf der Strasse gesehen. Er war bei der Streckenbesichtigung nicht dabei und hat dennoch überlegen gewonnen. Ich glaube, seine grössten Erfolge hat er, wenn er authentisch bleibt und sein Leben lebt.

Wie bewegen Sie sich in Europa von Rennort zu Rennort?

Matti: Mit den Autos. In der letzten Saison bin ich 50 000 Kilometer nur für den Weltcup gefahren. Es kann sein, dass in der Slowakei ein Rennen stattfindet, das nächste in Andorra und wenige Tage später eines in Kranjska Gora in Slowenien. In einer Rennsaison bin ich höchstens 20 Tage zu Hause.

Machen Sie Skiferien?

Matti: Bitte nicht.

Roger Rüegger