Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

DAS ANDERE INTERVIEW: «Ich brauche rund 50 Kommandos»

Yvonne Belin aus Kriens ist mit ihrer Hündin Alice Weltmeisterin im Dogdance Freestyle. Die beiden trainieren hinter der Kirche – mit dem Segen des Pfarrers.
Interview Turi Bucher
Yvonne Belin und ihre Hündin Alice beim Auftritt im Juni an den ­Weltmeisterschaften in Moskau. (Bild: Kazuto Kagiyama)

Yvonne Belin und ihre Hündin Alice beim Auftritt im Juni an den ­Weltmeisterschaften in Moskau. (Bild: Kazuto Kagiyama)

Interview Turi Bucher

Yvonne Belin, was ist Dogdance eigentlich?

Dogdance ist eine Hundesport-Disziplin, im weitesten Sinn vergleichbar mit einer Kür im Dressurreiten, bei der die natürlichen Bewegungen des Hundes gefördert und auf Kommando abrufbar gemacht werden. Diese einstudierten Stellungen und Bewegungen werden zu einer musikalisch untermalten Choreografie von zwei bis vier Minuten zusammengestellt. Dogdance ist nicht nur eine Reihe von Kommandos und Tricks mit Musik, sondern zeigt die innige Bindung zwischen Tier und Mensch sowie den Spass am gemeinsamen Arbeiten.

Und was ist mit Freestyle gemeint?

Dogdance wird in zwei Kategorien unterteilt. In die Fussarbeit zu Musik und in Freestyle. Bei «Fussarbeit zu Musik» sind die Bewegungen und Stellungen des Hundes vorgeschrieben und müssen sehr exakt und nahe am Bein des Hundeführers ausgeführt werden. Bei Freestyle sind fast alle Bewegungen und Stellungen erlaubt, die dem Hund nicht schaden oder ihn nicht entwürdigen.

Tut dem Hund das Tanzen überhaupt gut?

Wichtig ist ein gut geplanter Trainingsaufbau und eine positive Bestätigung durch Futter, Spiel und Lob. Dogdance erhöht die physische Kraft, Konzentration und Selbstsicherheit des Hundes.

Wie wurden Sie und Ihre Hündin Weltmeister?

Ich bevorzuge eher eine künstlerisch-tänzerische Choreografie. Die Bewegungen meiner Hündin sollen immer mit den meinen harmonisch fliessend und leicht wirken. Es soll athletisch und ästhetisch sein. Ich verzichte auf aufwendige Kostüme oder Requisiten. Nichts soll von unseren Bewegungen ablenken. Das hat die Punktrichter überzeugt.

Wie sind Sie zum Hundesport gekommen?

Ich träumte schon als Mädchen von einem Hund, und wie so viele Eltern, waren auch meine dagegen. Weil ein Hund mit viel Arbeit und Verantwortung verbunden ist. Ich habe rückblickend grosses Verständnis für die Bedenken meiner Eltern. Ein Hund ist kein Spielzeug.

Einmal erwachsen haben Sie sich den Traum selber erfüllt.

Die ersten Jahre waren äusserst harzig und anspruchsvoll. Wir hatten ein Riesenproblem. Ich hatte keine Hundeerfahrung. Und Alice, ein ausgewachsener Border Collie, war sehr intelligent, aber auch anspruchsvoll. Das war eine denkbar schlechte Kombination. Wir besuchten einen Hundeerziehungskurs nach dem andern. Ohne Erfolg, ohne Spass. Erst als ich ein Dogdance-Video gesehen habe, wusste ich sofort, dass das unsere Zukunft sein wird.

Aber wie bringt man einem Hund das Tanzen bei?

Persönlich stehe ich der Bezeichnung Dogdance kritisch gegenüber. Es gibt einen falschen Eindruck von dem, was wir machen. Es tönt nach einer entwürdigenden Vermenschlichung des Hundes. Es käme niemandem in den Sinn, beim Dressurreiten von «tanzenden Pferden» zu sprechen. Es ist ganz klar: Ein Hund kann nicht tanzen. Bei der Dogdance-Sportdisziplin geht es im weitesten Sinne um Gehorsamsübungen im Takt. Dass die Choreografie wie ein Tanz wirkt, liegt im artistisch-tänzerischen Können des Hundeführers.

Wo trainieren Sie mit Alice?

Man braucht keine teure Infrastruktur, sondern lediglich Freude an der Bewegung und Musik. Und viele Leckerli! Ich trainiere auf Parkplätzen oder hinter der Dorfkirche, wenn keine Messe ist. Mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Pfarrers übrigens.

In welcher Sprache geben Sie die Kommandos?

Es ist egal, in welcher Sprache ich mit meinem Hund kommuniziere. Ein Hund verknüpft eine gewisse Lautäusserung mit einer Aussage. Ich könnte genauso gut Zahlen oder Pfeiflaute benützen, solange ich konsequent das gleiche Wort in der gleichen Situation und für das gleiche Kommando gebrauche. Da ich für das Dogdance rund 50 Kommandos brauche, greife ich auf mehrere Sprachen zurück – Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, manchmal auch Kauderwelsch.

Und was machen Sie, wenn der Hund mal einfach nicht will?

Das kommt sehr wohl vor, auch bei Weltmeisterinnen. Dann darf ich mich nicht aufregen. Ich muss versuchen, zu analysieren, weshalb der Hund gerade nicht motiviert ist. Ist er krank oder verletzt, habe ich zu viel von ihm verlangt, oder ist er abgelenkt?

Welche Preise hat Ihr Hund bereits gewonnen?

Alice ist eine ganz besonders begabte Hündin. Wir haben von Beginn weg, also seit 2012, Spitzenplätze belegt. Alice ist mehrfache Schweizer und Europameisterin, zudem holte sie den vierten Platz an der renommierten Welthundeausstellung Crufts in England. Highlights waren die zwei Teilnahmen an den Weltmeisterschaften 2014 in Helsinki mit dem 2. Platz und in diesem Sommer in Moskau mit dem 1. Platz. Da man aufhören soll, wenn es am Schönsten ist, wird Alice nun aus dem sportlichen Rampenlicht treten. Wir werden aber weiterhin trainieren und die Sportart an Veranstaltungen dem Publikum vorstellen.

Was machen Sie hauptberuflich? Ich nehme an, Sie üben Dogdance nicht als Profi aus.

Wir sind weit entfernt von einem Profistatus. Für alles müssen die Sportler selber aufkommen. Von einem Preisgeld können wir nur träumen. Einzig Alice bekommt nach dem Sieg eine Riesenportion Mozzarella. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Sprachlehrerin an der Hochschule.

Sie sind Schwedin mit Wohnsitz in Kriens und Lugano. Erzählen Sie.

Ich bin in Stockholm geboren und aufgewachsen. Als Jugendliche zog ich mit meinen Eltern in die Schweiz – nach Kriens, wo ich noch immer wohne. Ins Tessin sind ich und mein Mann Kazuto Kagiyama vor 16 Jahren gezogen, als ich dort eine Stelle an der Hochschule als Dozentin für Fachfremdsprachen erhielt. Seitdem pendeln wir.

Was ist, wenn Ihre Alice einmal nicht mehr da ist?

Daran mag ich jetzt gar nicht denken. Das wird eine seelische Tragödie, wie bei jedem Verlust eines lieben Menschen. Alice ist ein Teil von mir.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.