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Interview

«Das beste Migrationsdenkmal der Schweiz»

Was sagt uns der sterbende Löwe heute? Ist er ein reaktionäres Symbol, das man abreissen sollte? Der Historiker Jürg Stadelmann hat auf provokante Fragen ebenso provokante Antworten.
Hugo Bischof
Historiker Jürg Stadelmann beim Löwendenkmal. Bild: Jakob Ineichen/Luzerner Zeitung

Historiker Jürg Stadelmann beim Löwendenkmal. Bild: Jakob Ineichen/Luzerner Zeitung

Soll man das Löwendenkmal abreissen, da es einen reaktionären Akt gegen das Volk während der Französischen Revolution feiert? Diese provokative Frage hatten wir Peter Fischer gestellt, dem Kurator der Kunsthalle Luzern, die sich dieses Jahr mit der Bedeutung des Denkmals beschäftigt. In der Leserbriefspalte unserer Zeitung gab es daraufhin entrüstete Reaktionen.

Jürg Stadelmann, brauchts das Löwendenkmal noch?

Ein Abriss wäre natürlich völliger Unsinn. Zunächst mal ist das Löwendenkmal ein Park mit einem unbestritten wunderschönen Kunstwerk. In seiner Entstehungszeit, in der Restauration, war es ein Stück Propaganda im politischen Diskurs zwischen Liberalen und Konservativen. Heute bietet es uns die Gelegenheit, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Die Schweizer Söldner verteidigten in der Französischen Revolution einen Alleinherrscher, der sein Volk brutal unterdrückte. Darf man sie heute als Helden verehren?

Der Begriff Held gehört spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in ein normales Repertoire. Das Löwendenkmal wurde 1821 eingeweiht, also, nachdem die Französische Revolution niedergerungen worden war. Interessant ist, dass nur die Namen der gefallenen und überlebenden Offiziere in den Stein gemeisselt sind. Die rund 750 gefallenen Soldaten, das Fussvolk, wird nur pauschal am Rand erwähnt. Das Löwendenkmal wurde also für die Söhne der damaligen Patrizierfamilien geschaffen, die mit der Niederlage 1792 in Versailles ihr Geschäft verloren.

Welches Geschäft meinen Sie?

Das Löwendenkmal steht für das Ende eines fast 500-jährigen Gewerbes, des Söldnerhandels, der sehr viel Geld nach Luzern brachte. Vier- bis fünfhundert Jahre lang haben Leute aus unserer Region, aus der Zentralschweiz im Ausland eine Arbeit gefunden. Es war eine begehrte Arbeit, aber eine harte Arbeit, denn 60 bis 70 Prozent von ihnen sind nie mehr nach Hause gekommen. Das Löwendenkmal erzählt also auch eine Geschichte von einer Zeit, als die Schweiz ein Auswanderungsland war.

Dienten die Söldner letztlich nicht einfach denen, die ihnen den besten Lohn zahlten?

An der Spitze dieses Gewerbes standen Warlords, Mitglieder des Luzerner Patriziats. Sie rekrutierten fähige Leute, die sie ausbildeten, ausrüsteten und dann in den fremden Dienst schickten. Mit der Zeit wurde das Schweizer Söldnerwesen zu einem Label, dessen Ruf immer besser wurde. Zuerst waren das vielfach Schläger, Draufhauer, die einen fürchterlichen Ruf hatten. Mit der Zeit wurden sie dann Bodyguards, Verteidiger, wie eben bei König Ludwig XVI.

Waren das nicht einfach arme Teufel, die einen sinnlosen Tod starben?

Das ist auch wieder eine relative Frage. Wenn du dir ein Leben zusammen basteln konntest mit einem stolzen Beruf, einem Einkommen und Ansehen und wenn du das dann auch noch überlebst und zeigen kannst – dann waren das nicht arme Teufel. Eigentlich sind das Elitesoldaten gewesen am Hof von König Ludwig XVI. Wenn sie davonkamen, waren sie zu Hause, was man heute eine «gute Partie» nennen würde.

Was sagen Sie zum Vorwurf, das Denkmal sei reaktionär?

Das kann man so sehen; inhaltlich stimmt das ja auch. Aber wie gesagt: Wichtig ist die Diskussion. Dem Löwendenkmal ist es ja auch gelungen, eine Geschichte verschwinden zu lassen, nämlich jene der Französischen Revolution. Eigentlich müsste diese im Zentrum stehen – als Beginn dessen, was uns heute ausmacht. Stattdessen hat man hier einen Trauerort geschaffen.

Also doch abreissen?

Die ganze Diskussion um das Abreissen von alten Monumenten ist zurzeit geprägt durch die USA, wo die Südstaaten General Lee abräumen. In Spanien räumt man General Franco ab. Ich bin nicht der Ansicht, dass man alte Monumente abreissen soll. Man soll sie kennenlernen, sie hinterfragen. Man kann auch eine Umdeutung wagen. Vielleicht ist das Löwendenkmal das beste Migrationsdenkmal, das die Schweiz je hatte oder immer noch hat. Wer erzählt besser, dass es traurig ist, wenn man sein eigenes Land verlassen muss und nicht mehr heimkehrt?

Hinweis

Jürg Stadelmann (*1958) ist Historiker und Geschichtslehrer an der Kantonsschule Alpenquai und an der Maturitätsschule für Erwachsene in Luzern. Im Sommer 2017 inszenierte er zum 225-Jahr-Jubiläum des Pariser Tuileriensturms Führungen zum Löwendenkmal.

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