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Das WC wird im Restaurant zunehmend zum Erlebnis

Eine originelle Speisekarte genügt nicht mehr: Gastronomen setzen zunehmend das stille Örtchen in Szene – auch in Luzern.
Larissa Haas

WC. Klo. Toilette. Lokus. Klosett oder Powder Room. Wie man den Raum nennt, in dem Menschen ihr urmenschliches Grundbedürfnis erledigen, am Handy herumtippen, Zeitung lesen oder in fleckigen Taschenbüchern mit unnötigem Wissen blättern – darüber gibt es verschiedene Meinungen. Über den Toilettengang selber war man sich aber über Jahre einig: er galt lange als Tabuthema.

Nun aber erfahren wir eine Kehrtwende: Trendforscher beschreiben das WC und alles drum herum schon seit Längerem als einen «Mega-Trend»: Toiletten mit Gesässdusche, selbstdesinfizierende Kloschüsseln, Pissoirs für Frauen oder solche, bei denen Männer ihre Zielgenauigkeit testen können, kursieren auf dem globalen Markt. Und zunehmend werden Restaurantgäste, nachdem sie ihr Geschäft erledigt haben, dazu aufgefordert, ihr «Erlebnis» anhand von vier Gesichtern mit unterschiedlichen Gemütszuständen zu bewerten. Und daneben steht: «Wie zufrieden sind Sie mit unserem Service?»

Nicht nur das Essen ist marokkanisch

Auch Luzerner Gastronomen haben diesen «WC-Inszenierungs-Trend» für sich entdeckt: Weil bekanntlich das WC als die «Visitenkarte des Restaurants» gilt, scheuen sie sich nicht, den Raum hinter verschlossenen Türen zum Spektakel zu machen. Einige bleiben hierbei bei eher subtileren Mitteln, etwa durch eine sorgfältige Einrichtung: Bunt gemusterte Keramikplatten, edle Lavendelseifen aus Skandinavien, Schattenspiele an den Wänden, bronzefarbige Waschbecken und orientalische Hintergrundmusik lassen die Gäste des Restaurants Barbès in der Luzerner Neustadt in ein marokkanisches Riad schweifen. «Bei uns hört der Gastraum nicht schon im Restaurant auf», sagt Hamid El Kinani, der zusammen mit seiner Frau Lavinja Keller das Lokal betreibt. Und so sieht das WC aus:

(Bild: Eveline Beerkircher, Luzern 28. Juli 2019)

(Bild: Eveline Beerkircher, Luzern 28. Juli 2019)

Auf dem Samthocker Flamenco geniessen

Etwas extravaganter wird es im Restaurant Bolero (Hotel Cascada) am Bundesplatz. Seit Pfingsten wird im neu gestalteten Toilettenbereich des spanischen Restaurants nicht nur mit Stil gepinkelt, sondern der ganze Toilettengang wird zu einem einzigen Event heraufbeschworen:

(Bild: Dominik Wunderli, Luzern 26. Juli 2019)

(Bild: Dominik Wunderli, Luzern 26. Juli 2019)

Der Gast hört bereits im Eingangsbereich neben der Rezeption verführerische Gitarrenrhythmen, die ihn die Treppe hinunter zu den WCs locken. Im Vorraum der Damen- und Herrentoiletten bekommt man dem Bolero-Konzept entsprechende Flamenco-Tanzszenen zu sehen, die an die Wände projiziert werden. In der Mitte steht ein grosser Samthocker, auf dem man Platz nehmen kann. «Hier können die Gäste verweilen», sagt Hotelier Roland Barmet-Garcia und fügt an: «Aber natürlich, wir wollen vor allem die Aufmerksamkeit unserer Gäste gewinnen.» Das zeigt auch folgendes Video vom «Bolero»:

Die südländisch angehauchte Atmosphäre, die etwa auch in den Toilettenkabinen mit Fliesen aus Andalusien weitergezogen wird, sei allerdings nur ein Teil eines grossen Ganzen, betont Barmet. So lassen sich dieselben oder ähnliche Motive auch im Gastronomiebereich wiederentdecken.

Gäste sollen das WC weiter empfehlen

Die Idee, den Toilettenbereich ähnlich in Szene zu setzen wie das Restaurant, kam Barmet mit dem Wunsch, seinen Gästen «ein Erlebnis» zu bieten, das über das kulinarische Angebot hinausragt. «Wir gehen heute nicht in ein Restaurant, um einfach nur zu essen. Wir gehen in ein Restaurant, um etwas zu erleben.» Er wolle seinen Gästen «Geschichten erzählen», so Barmet. Das schönste Kompliment sei, wenn Gäste vom WC zurück kommen und ihren Bekannten sagen, sie sollen unbedingt auch einmal herunter gehen.

Die Gunst der Kunden gewinnen Gastronomiebetreiber allerdings nicht nur mit einer aufsehenerregenden Inszenierung. Manchmal genügt auch «nur» eine Unisex-Toilette, wie etwa das Beispiel des Luzerner Restaurants Anker zeigt. Nach der Neueröffnung Ende 2016 waren es weder die goldenen Engelsstatuen neben dem Waschbecken noch die Pfingstrosen-Tapete, die für Diskussionsstoff sorgten, sondern die Tatsache, dass der Toilettenbereich nicht zwischen Mann und Frau unterschied (wir berichteten).

Diese Toilette beschäftigte sogar den Luzerner Regierungsrat: Das Unisex-WC im Hotel Anker. (Bild: Nadia Schärli, 13. Dezember 2016)

Diese Toilette beschäftigte sogar den Luzerner Regierungsrat: Das Unisex-WC im Hotel Anker. (Bild: Nadia Schärli, 13. Dezember 2016)

Wer also ein Restaurant betreibt und Aufmerksamkeit erregen will, braucht derzeit nicht einzig eine exquisite Speisekarte noch ein ausgefallenes Konzept. Die Inszenierung der Toilette zum spektakulärsten Raum des Hauses dürfte künftig ebenso wichtig werden.

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