Das geschah vor 50 Jahren beim Todesflug von Emmen

Vor einem halben Jahrhundert stürzte beim Schluchenwald ein junger Pilot ab – und starb. Das Protokoll eines tragischen Unglücks.

Simon Mathis
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Das Triebwerk des abgestürzten «Venom»-Flugzeuges zertrümmerte das Bienenhäuschen (hinten) nahe dem Schluchenwald bei Emmenbrücke.

Das Triebwerk des abgestürzten «Venom»-Flugzeuges zertrümmerte das Bienenhäuschen (hinten) nahe dem Schluchenwald bei Emmenbrücke.

Bild: Josef Ritler/StAAG/Ringier Bildarchiv (Emmen, 20. Januar 1970)

Es geschah an einem nebligen Dienstag. Oberleutnant Eugen Graf aus dem aargauischen Strengelbach betrat den Militärflugplatz Emmen. Es war Zeit für sein «IT» – sein individuelles Training. Als Militärpilot musste er mehrmals pro Jahr solche IT absolvieren, um sein Fluggeschick zu erproben. Graf war 33 Jahre alt, als er sich in das Cockpit des Kampfflugzeugs «Venom» setzte. Er steuerte es über die Rollbahn und hob ab in Richtung Westen – wach, konzentriert und aufnahmefähig. Was der junge Familienvater nicht ahnen konnte: Niemals wieder würde er festen Boden unter seinen Füssen spüren.

Das war vor rund 50 Jahren, am 20. Januar 1970. Was folgt, ist die Geschichte eines tragischen Unfalls. Der Luzerner Daniel Heynen, der Kindheit und Jugend in Emmenbrücke verbracht hat, ist mit den Ereignissen bestens vertraut. In seiner Freizeit erforscht er die Abstürze von Militärflugzeugen in der Zentralschweiz bis ins letzte Detail (siehe Box).

Über 110 Fälle aufgearbeitet

Daniel Heynen (Jahrgang 1972) ist in Emmenbrücke aufgewachsen und wohnt seit zehn Jahren in Hildisrieden. Er sagt, ihm sei die Militäraviatik «in die Wiege gelegt worden», da er seine Kindheit in der Nähe des Flugplatzes Emmen verbracht habe. Mittlerweile hat Heynen rund 110 Flugzeugabstürze in der Schweiz aufgearbeitet und dokumentiert.

An der südlichen Ecke des Schluchenwalds stürzte übrigens 1943 ein weiterer Pilot tödlich ab. Ein Propellerflugzeug des Typs Morane-Saulnier fiel mehr oder weniger senkrecht auf eben jene Wiese, auf der auch die Venom 1970 zerschellte. Die beiden Aufschlagsorte sind nur wenige Meter voneinander entfernt. (sma)

Orientierung im Hochnebel verloren

Daniel Heynen erläutert, dass der Pilot an jenem Tag ein Blindflugtraining absolvierte. Die Aufgabe: Graf sollte nur mit Hilfe von Instrumenten durch den Hochnebel navigieren und dann mit den Anweisungen des Funkturms wieder landen. 200 Meter über dem Grund drang die Venom in die Wolkendecke ein. «Man vermutet, dass er im Hochnebel schnell die Orientierung verloren hat», erzählt Heynen. «Im Nebel weiss selbst der beste Pilot sofort nicht mehr, wo oben und unten, wo rechts und links ist. Er muss sich deshalb auf die Instrumente verlassen. Das hat Graf offenbar versäumt.»

Die Venom flog in einer leichten Rechtskurve in den Nebel. Die Maschine behielt die Richtung bei; Graf bemerkte aber nicht, dass er sich im Sinkflug befand. Dann plötzlich verschwand der Nebel – und Graf sah sich einem sanft ansteigenden Hügel gegenüber, auf dem heute das Fussballfeld der Schule Erlen steht. Dieser Moment muss ihm durch Mark und Bein gefahren sein: Eugen Graf erkannte, dass er sank. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich nurmehr 100 Meter über dem Boden. Vor Schreck riss er den Steuerknüppel nach oben. Ein brüskes Manöver mit schwerwiegenden Folgen: Das Flugzeug kippte sofort über den rechten Flügel ab.

«Wäre das mehrere Kilometer über dem Boden geschehen, hätte der Pilot genug Zeit gehabt, die Maschine wieder aufzufangen», sagt Heynen. So nahe am Boden sei das aber unmöglich gewesen. Das Flugzeug geriet in die Messerlage, flog also vertikal auf den Hügel zu. Der rechte Flügel touchierte den Boden, der linke zerriss eine Hochspannungsleitung. Die Maschine schrammte 150 Meter weit über das schneebedeckte Feld, bis sie das erste Hindernis traf: die Bäume am südlichen Ende des Schluchenwaldes. Die Venom zerschellte in Einzelteile, ein ohrenbetäubender Krach fegte über die ganze Umgebung.

Triebwerk zerstörte Bienenhäuschen

Das war um 14.25 Uhr, zwei Minuten nach dem Start, knapp drei Kilometer vom Flugplatz entfernt. Eugen Graf prallte gegen einen Baum und starb sofort – laut «LNN» «bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt».

Ein eigentliches Wrack blieb von der Venom nicht übrig; die Maschine zerbrach in kleine Trümmerteile, die sich über den Hügel verteilten. Das Triebwerk indes schoss auf die Liegenschaft Schluchen zu. Es zerstörte ein Bienenhäuschen und kam vor einem Wohnhaus zum Stillstand. Der «Blick» berichtete damals, dass dabei gut eine Million Bienen starben. Sieht man vom Piloten Graf ab, wurden keine weiteren Menschen verletzt. Das Bienenhaus wurde wieder aufgebaut – und steht heute an derselben Stelle.

Mehrere Zeugen haben den Unfall beobachtet und zu Protokoll gegeben. Die Faktenlage ist klar. «Vom Venom-Absturz im Schluchenhüsli hörte man in Emmen immer wieder», erinnert sich Daniel Heynen. Über den Unfall seien auch einige Unwahrheiten im Umlauf, verzerrt durch falsche Erinnerungen und Gerüchte. Ihm sei wichtig, die Ereignisse klar darzustellen, sagt Heynen. «Ich will, dass diese tragischen Unfälle richtig in Erinnerung bleiben – und besonders die Menschen, die dabei ums Leben kamen.» Eugen Graf war diplomierter Elektrotechniker und hatte in seinem Betrieb bereits eine leitende Funktion inne. Er hinterliess eine Frau und zwei Kinder

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