Das Luzerner Notfalltelefon klingelt deutlich weniger – trotz Sparpotenzial

Vor zehn Jahren wurde im Kanton Luzern die Notfallnummer in Betrieb genommen – die Anrufzahlen sind rückläufig. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Yasmin Kunz
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0900 11 14 14. Diese Nummer lässt sich nicht so leicht einprägen wie etwa 144, 112, 117 oder 118. Dennoch ist sie ebenfalls für Notfälle gedacht. Bei der 0900-er Nummer handelt es sich um die Notfallnummer der Luzerner Ärzte. Diese besteht heuer seit zehn Jahren. Initiiert wurde diese Notfallnummer im Zuge der Reorganisation des Notfalldienstes im Kanton Luzern, wie Ueli Zihlmann sagt. Er ist seit 13 Jahren Geschäftsführer der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern. Vor 2009 leisteten die Hausärzte im Kanton Luzern ausserhalb der Sprechstunden noch Hintergrunddienst. Das heisst: Hatte ein Patient dienstagnachts um drei Uhr ein Problem, musste der Hausarzt im Dienst diesen Fall übernehmen. Unter anderem aufgrund schrumpfender Anzahl von Hausärzten musste dieses System adaptiert werden.

Hintergrunddienste gibt es noch heute. Dank der Notfallnummer konnte die Einsatzzeit für die Ärzte jedoch reduziert werden. Nicht nur die Ärztegesellschaft des Kantons Luzern betreibt eine solche 0900-Notfallnummer, sondern auch das Pendant in Bern – beide laufen unter dem Namen MedPhone.

Corinne Glanzmann

Pro Minute 3.23 Franken für medizinische Auskunft

Wer ein medizinisches Problem, aber grad keinen Hausarzt zur Verfügung hat, der kann die entsprechende Nummer kontaktieren. Am anderen Ende der Leitung sitzen erfahrene Fachpersonen aus der Gesundheitsbranche wie etwa Pflegefachfrauen und medizinische Praxisassistentinnen. Deren Aufgabe ist es, genau hinzuhören und eine Triage durchzuführen. Ein Anruf kostet pro Minute 3.23 Franken. Im Schnitt dauert ein Gespräch vier Minuten. Zihlmann sagt: «Manchmal geht es nur darum, abzuklären, ob man etwa das Medikament x mit dem Medikament y einnehmen darf oder ob der Mix eine gefährliche Wechselwirkung auslöst.» Um diese Unsicherheit zu klären, muss man nicht auf den Notfall.

Ueli Zihlmann.

Ueli Zihlmann.

Jährlich 3500 Fälle weniger auf dem Notfall

Pro Jahr gehen bei der Luzerner 0900-er Nummer 23'000 bis 24'000 Anrufe ein. Davon können pro Jahr 15 Prozent oder 3500 Fälle telefonisch geklärt werden, ohne dass eine Zuweisung an ein Spital oder Arzt nötig ist. Diese würden gemäss Zihlmann ohne die telefonische Beratung wohl auf einer Notfallstation vorstellig.

Die restlichen 85 Prozent würden in der Regel weiter verwiesen. Obschon mehr als die Hälfte letztlich wohl auf dem Notfall landen, ist für Zihlmann klar: «Diese Notfallnummer trägt dazu bei, die Kosten zu dämpfen.»

Ärzte zahlen Angebot mehrheitlich aus dem eigenen Sack 

Apropos Kosten: Der Anruf muss vom Patienten übernommen werden, für den Rest kommt die Luzerner Ärzteschaft selber auf, weil der Kanton sich 2009 nicht finanziell daran beteiligen wollte. Kostenpunkt für die Ärzte: zwischen 330'000 und 400'000 Franken.

So gut das Angebot nun tönt: In den letzten Jahren hat die Zahl der Anrufe deutlich abgenommen. 2018 registrierte die Luzerner Ärztegesellschaft noch knapp 20'000 Anrufe. Ist die Telefonmedizin ein Auslaufmodell? Ueli Zihlmann glaubt das nicht. Er vermutet mehrere Gründe für den Rückgang: Die Kosten für den Anruf, kein direkter Kontakt und die Anspruchshaltung der Menschen, zu jeder Zeit alles zu kriegen. «Wir sind eine Konsumgesellschaft, wir können uns alles leisten und haben die Erwartung, dass uns immer und sofort alles zur Verfügung steht.»

Zihlmann: «Wir haben zu wenig für die Notfallnummer geworben»

Spielen auch die kostenlosen telemedizinischen Angebote von Krankenversicherungen eine Rolle? Zihlmann: «Selbstverständlich haben diese die Entwicklung unserer Anrufzahlen beeinflusst.» In der Regel sei Telemedizin an ein günstiges Versicherungsmodell geknüpft. «Die Versicherten wählen im Notfall als Erstkontakt die entsprechende Gratisnummer, welche zum kasseneigenen Callcenter vermittelt. Das führt zum Resultat, dass diese Mitarbeiter des Callcenters bei leichter Unsicherheit die Menschen direkt in die Notfallstationen überweisen», sagt er. Eine Triage, wie jene bei MedPhone, würde nicht stattfinden. «Telemedizin kann unterstützen, sie löst das Problem in den meisten Fällen aber nicht.» Für Zihlmann ist indes klar, dass die Ärzte nicht unschuldig ist an den sinkenden Anrufzahlen. «Wir haben zu wenig für diese Dienstleistung geworben», räumt er ein.

Während die Notfallkonsultationen steigen, sinkt die Zahl von telefonischen Beratungen. Dabei könnte diese Dienstleistung zur Kostendämpfung beitragen. Gemäss dem Zürcher GLP-Nationalrat Thomas Weibel – der eine Notfallpauschale von 50 Franken fordert – kostet eine spitalambulante Konsultation im Schnitt 427 Franken. Können dank des Notfalltelefons 3500 Notfallkonsultationen vermieden werden, spart das 1,5 Millionen Franken.

Ziel: Kostensenkung bei gleichbleibender Qualität

Wie der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP) kürzlich antönte, hält er die Notfallpauschale von 50 Franken für Bagatellfälle nicht für die beste Option (siehe Link am Ende). Eher will er alternative Angebote ausbauen. Er hält allgemein fest: «Alle Massnahmen, die zur Senkung der Gesundheitskosten bei gleichbleibender Qualität beitragen, sind zu begrüssen – so auch die Notfallnummer.»

Offen lässt Guido Graf, ob er sich vorstellen kann, das Angebot einst mitzufinanzieren. Er kontert, dass diesbezüglich nie eine Anfrage von der Ärzteschaft eingegangen sei.

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