Das Luzerner Theater hat schon viel erlebt

Luzern ist seit dem Mittelalter eine theater­verrückte Stadt. Doch erst vor 175 Jahren entstand ein eigener Theaterbau. Es folgte eine ereignisreiche Geschichte, in der auch das Geld immer wieder eine Rolle spielte.

Kurt Beck
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Das Luzerner Theater hat schon viel erlebt

Das Luzerner Theater hat schon viel erlebt

Ein Beleuchtungsmeister kontrolliert eine Farbfolie im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
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Seit zehn Jahren leitet Dominique Mentha (58) das Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Bühnentechniker auf dem Schnürboden beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Schlosser in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Gemäss dieser Vorlage wird ein Bild gemalt. (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Theatermaler in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Theatermaler in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Bühnentechniker auf dem Schnürboden beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Damenschneiderinnen an der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Damenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Damenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Herrenschneiderinnen bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Herrenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Herrenschneiderin bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Ein Beleuchter bei seiner Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Maskenbildnerinnen knüpfen Perücken (Bild: Philipp Schmidli)
Maskenbildnerinnen knüpfen Perücken (Bild: Philipp Schmidli)
Perücken in der Maske (Bild: Philipp Schmidli)
Durch diese Türe wird Material ins Luzerner Theater befördert. (Bild: Philipp Schmidli)
Bühnentechniker bei der Arbeit (Bild: Philipp Schmidli)
Theatermalerei in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Styropor-Köpfe in der Maske beim Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Zwei Schreiner in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Theatermalerin in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Theatermalerin in der Werkstatt des Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin des Luzerner Theater im Requisitenfundus des im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Eine Requisiteurin des Luzerner Theater im Requisitenfundus des im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Tanzprobe im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Fundusverwalterin Margot Gadient Rossel im Kostümfundus des Luzerner Theater im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Tanzprobe im Südpol Kriens (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Theater-Direktor Dominique Mentha bei der Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)
Probe der Oper «Die Antilope» im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)

Ein Beleuchtungsmeister kontrolliert eine Farbfolie im Luzerner Theater (Bild: Philipp Schmidli)

Seit 1973 verfügt das Luzerner Theater auch über eine Nebenspielstätte. Der ehemalige Schiesskeller der Luzerner Polizei im Stadthaus an der Winkelriedstrasse wurde zu einem Kellertheater umgebaut. Eröffnet wurde es am 15. Mai 1973 unter dem Namen «Mobiles Studio». Der Name wechselte noch mehrmals. Der aktuelle Name der kleinen Bühne lautet seit 1999 schlicht «UG».

Architektonische Bedeutung

Das Luzerner Theater mag zwar nicht mehr des kulturelle Zentrum der Zentralschweiz sein, seine kulturhistorische, aber auch architektonische Bedeutung ist unbestreitbar. Eine würdigende Einschätzung des Hauses hat die Kunsthistorikerin Doris Fässler in der Publikation «Luzern und sein Theater» vorgenommen: «Im Vergleich zu ähnlichen Theaterbauten in der Schweiz, etwa zu solchen in den grossen Schweizer Städten, tritt Luzern eher als bescheidenes Beispiel in Erscheinung. Dennoch ist das Theater an der Reuss als grosszügige bauliche Leistung innerhalb der schweizerischen Theaterkultur zu werten. Neben Zürich (1889), Genf (1889), Basel (1875) und St. Gallen (1857) etwa steht Luzerns Theater als frühestes, in seinen wesentlichen Strukturen immer noch funktionierendes Gebäude einzigartig da. Verantwortlich für diese frühe und grosszügige Leistung sind die treibenden kulturellen Kräfte und ein kluger Architekt, die sich auf eine jahrhundertealte ungebrochene Theaterkultur stützen konnten und im richtigen Augenblick die Initiative in die Hand nahmen.»

Nach 175 Jahren wird das Haus an der Reuss den Anforderungen an ein modernes Theater nicht mehr gerecht. Um es den heutigen Bedürfnissen von Publikum und Künstlern anzupassen, wäre eine weitere grosse und entsprechend kostspielige Sanierung des Hauses nötig. Ob sich eine solche Investition lohnt oder ob es nicht sinnvoller und günstiger wäre, einen Neubau zu erstellen, darüber denken zurzeit alle Player, die am Theater beteiligt sind, intensiv nach.

Die Geschichte des Luzerner Theaters reicht weit zurück. Bereits im 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts konnte sich Luzern mit den Osterspielen einer Theaterkultur rühmen, die sogar Publikum aus dem benachbarten Ausland anzog. Die Spiele auf dem Weinmarkt waren Massenspektakel mit bis zu 300 Rollen. Als Schauspieler agierten Leute aus der Bürgerschaft. Für das Orchester, das bis zu 156 Musiker umfasste, wurden Profis engagiert.

Mehr Zuschauer als Einwohner

Schon Wochen vor der Aufführung war die Stadt im Festspielfieber. Bis zu 8000 Zuschauer – mehr als doppelt so viele, wie die Stadt Einwohner zählte – sahen die opulenten Aufführungen an, die sich am Ende über zwei Tage hinzogen. Neben den Freilichtaufführungen wurden in der Stadt und auf dem Land Saalspiele gezeigt, die in Zunftsälen, Gasthäusern und als Schultheater im Jesuitenkolleg stattfanden. Doch der eigentliche Vorgänger des heutigen Luzerner Theaters war das 1740 eröffnete «Obrigkeitliche Comödienhaus» über der Sakristei der Jesuitenkirche. Als der Jesuitenorden 1773 aufgelöst wurde, fielen dessen Gebäulichkeiten samt Kirche und Theater an den Staat.

Siebzig Jahre nach der Eröffnung war das «Comödienhaus» in so prekärem baulichem Zustand, dass das Theater nur noch mit «Halsgefährlichkeit» benutzt werden konnte. Zudem wurden enge Raumverhältnisse, die schlechte Akustik und die unästhetische Erscheinung als Argumente für einen Neubau angeführt. 1812 entstanden die ersten Pläne für ein neues Haus. 1834 wurde das «Comödienhaus» geschlossen. 1835 legte der Architekt Louis Pfyffer einen Entwurf für den Theaterneubau auf dem Kurzweilplatz beim Baslertor vor. Das Projekt wurde nie realisiert.

Kurze Bauzeit

Im November 1835 wurde eine Aktiengesellschaft zur Deckung der Kosten für den Theaterneubau gegründet. Auch die Safran-Zunft versprach finanzielle Unterstützung. Am 7. Dezember 1836 beschloss der Stadtrat, ein neues Theatergebäude zu erstellen. Als definitiven Standort wählte man schliesslich ein Grundstück am linken Reussufer. Der Stadtrat stimmte am 11. Januar 1838 dem Projekt zu. Dem Architekten Louis Pfyffer wurde die Ausführung übertragen. Am 30. Mai 1838 legte man den Grundstein, und am 7. November 1839 wurde das neue Stadttheater mit Schillers «Wilhelm Tell» eröffnet. Gespielt wurde das Stück von Mitgliedern der Theater- und Musikliebhabergesellschaft. Anschliessend folgten bis Ende Dezember zwanzig Schauspiel- und Opernpremieren der Deutschen Opern- und Schauspielgesellschaft.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Theater an Direktoren und Direktorinnen aus dem deutschen Sprachraum verpachtet. Gewöhnlich spielten die Theatertruppen während zweier Monate zwischen September und Dezember. Dazwischen wurde das Haus von Zünften und Gesellschaften für Festivitäten aller Art genutzt. Ansätze von ersten Winterspielzeiten sind erst in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts festzustellen.

Erste Subventionen

Finanziell war das Haus fast von Beginn an in Nöten. Wegen chronischen Geldmangels verkaufte die Aktiengesellschaft das Theater bereits 1846 der Stadt. Doch das änderte wenig daran, dass sich der Spielbetrieb für die Schauspieltruppen kaum rechnete. Ab 1867 subventionierte die Stadt das Theater, indem sie das Haus unentgeltlich zur Verfügung stellte. Später übernahm die Stadt zusätzliche Infrastrukturkosten. Die Subventionen waren an Auflagen gekoppelt, die der Stadt eine gewisse Mitbestimmung in personal- und finanzpolitischen Bereichen garantierten. 1906 sprach die Stadt den ersten Betriebszuschuss in Höhe von 3000 Franken. Doch trotz Barzuschüssen der öffentlichen Hand sah sich etwa Direktor Hans Edmund (Amtszeit: 1915 bis 1924) gezwungen, seinen Spielplan mit publikumsträchtigen Lustspielen, Schwänken und Operetten zu füllen, um rote Zahlen zu vermeiden.

Wegen der steigenden Kosten übernahm die Stadt 1931 schliesslich auch die Leitung des Theaterbetriebs – und damit kein geringes finanzielles Engagement. In der Spielzeit 1932/33 kostete die Saison 200 000 Franken. 1965/66 wurde die Millionengrenze erstmals überschritten. Ab 1995 wurden auch die umliegenden Gemeinden in die Finanzierung des Theaters eingebunden. Seither betreibt die Stiftung Luzerner Theater, die von Stadt und Kanton Luzern, zwölf Gemeinden und dem Theaterverein gegründet wurde, das Haus an der Reuss.

Einkaufszentrum statt Theater

Doch das neue Haus litt nicht nur unter dauernder finanzieller Klammheit. Während der politischen Wirren der Freischarenzüge und des Sonderbundskriegs blieb das Haus von 1844 bis 1848 geschlossen. 1924 zerstörte ein Brand im Dachstuhl neben der Decke des Saals auch alle Kulissen, Kostüme und Requisiten. Damit nicht genug. Eine Volksinitiative verlangte aus verkehrstechnischen Gründen den Abbruch des brandgeschädigten Hauses. Das Begehren wurde vom Volk abgelehnt, das Haus wieder aufgebaut und um ein zusätzliches Stockwerk erhöht.

In den 1950er-Jahren sollte das Haus unter anderem auch aus feuerpolizeilichen Gründen saniert werden. Doch das Volk lehnte das Kreditbegehren zweimal ab. Ebenso abgelehnt wurde eine Initiative der Jungliberalen, die einen kompletten Neubau des Theaters forderten. 1967 schlug der bekannte Luzerner Architekt Armin Meili vor, anstelle des Theaters ein Einkaufszentrum zu errichten. Das Theater selbst wollte er zum Kunsthaus verlegen. Die Idee, ein Theater beim Inseli zu errichten, ist also nicht gar so neu.

Das Theater erbt

Einen aussergewöhnlichen Glücksfall konnte das Theater 1964 verzeichnen: Die Niederländerin Henriette Berghuys, die bis zu ihrem Tod in Luzern lebte, hinterliess der Stadt fast vier Millionen Franken zu Gunsten des Stadttheaters. Nachdem die Finanzierung auf diese Weise gesichert war, stimmte das Volk auch der lange hinausgeschobenen Sanierung zu. Das Gebäude wurde 1969/70 einer umfassenden Gesamtrenovation unterzogen und um einen Anbau erweitert, in dem heute auch das Foyer Platz findet.