Interview

Das sagt SRF-Meteo-Chef Thomas Bucheli zum Klimawandel und den Windrädern auf dem Lindenberg 

Der Hitzkircher Meteorologe Thomas Bucheli erklärt, warum man im Bezug auf den Klimawandel Veränderungen nicht sofort erzwingen kann und wieso er sich nicht vollauf für den Windpark auf dem Lindenberg begeistern kann.

Alexander von Däniken
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Im äusserst trockenen Sommer 2018 mussten viele ausgedörrte landwirtschaftliche Flächen bewässert werden.

Im äusserst trockenen Sommer 2018 mussten viele ausgedörrte landwirtschaftliche Flächen bewässert werden.

Salvatore Di Nolfi, KEYSTONE

2019 wird als Klima-Jahr in die Geschichte eingehen – obschon nicht alle Wetterereignisse dem Klimawandel zugeschrieben werden können. Dies sagt Thomas Bucheli, Meteorologe und Leiter von SRF Meteo. Der 58-jährige Hitzkircher erklärt, was die Diskussionen um den Klimawandel erschwert – und worauf man sich auch im Kanton Luzern einstellen muss.

Wird das Wetter noch oft mit dem Klima verwechselt?

Meteorologe Thomas Bucheli

Meteorologe Thomas Bucheli

Karl-Heinz Hug, KEYSTONE

Thomas Bucheli: Langsam dringt durch, dass es da Unterschiede gibt. Trotzdem dürfte das Bild noch differenzierter werden. Wer davon ausgeht, dass es nur wegen des Klimawandels verheerende Unwetter gibt, liegt leider falsch.

Wie beschreiben Sie den Unterschied?

Hier bediene ich mich eines Zitats: Klima ist der Charakter, das Wetter die momentane Stimmung.

Vor einem Jahr kannte noch fast niemand Greta Thunberg. Jetzt ist das Mädchen aus Schweden vom «Time Magazine» zur Person of the Year gekürt worden. Was halten Sie von ihr und den Forderungen der Klima-Jugend?

Dem kann man nichts entgegensetzen. Die Physik zeigt ja klar, was fossile Brennstoffe in der Atmosphäre bewirken – also gilt es zu handeln. Die Forderung «Ihr müsst jetzt was machen» ist daher völlig logisch – aber halt auch leicht gesagt. Ich denke da manchmal an die alten Seefahrer, die eine präzise Zeitmessung als Voraussetzung für die exakte Navigation forderten. Trotzdem dauerte es Jahrhunderte, bis John Harrison kam und die erste schifftaugliche Uhr erfand. Es gibt also offenbar Dinge, die man nicht sofort erzwingen kann. Harrisons Motivation war übrigens die Aussicht auf ein sehr hohes Preisgeld für eine solche Erfindung…

Im Zuge der Streiks haben mehrere Kantone und Städte den symbolischen Klima-Notstand ausgerufen; auch Stadt und Kanton Luzern. Was halten Sie davon?

Was diese Notstände konkret bedeuten, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Politik ist aber grundsätzlich in zwei Punkten gefordert: Dafür zu sorgen, dass fossile Brennstoffe durch andere Technologien ersetzt und dass die Menschen und Infrastruktur vor den Auswirkungen des Klimawandels geschützt werden. Wenn mit dem Ausrufen des «Klimanotstandes» die Lösungen schneller da sind, dann umso besser. Aber trotzdem sollten unsere politischen Prozesse nicht ausgehebelt werden.

Als Beobachter wähnt man sich oft wie in einer Gewitterwolke, in der es zwischen sogenannten Klimaskeptikern und Klimaschützern ordentlich kracht. Wie erleben Sie diese Spannungen?

Ich werde tatsächlich häufiger auf den Klimawandel angesprochen. Den sogenannten Klimaskeptikern sage ich jeweils, dass es Naturgesetze gibt, die man nicht abstreiten kann. Ein Problem habe ich mit Sektierern, die sich als Weltverbesserer darstellen und anderen ihre «Lösungen» aufzwingen. Genauso falsch ist die «Ich-nicht-du-auch»-Mentalität: Die nützt niemandem. Als Meteorologe versuche ich, Zusammenhänge aufzuzeigen und die neusten Erkenntnisse der Wissenschaft zu vermitteln. Dabei gebe ich auch zu verstehen, dass nicht jeder Tropensturm automatisch auf den Klimawandel zurückzuführen ist.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Klimawandel um?

Ich frage mich immer wieder, was «klimaneutral» für mich bedeutet. Darf ich am Morgen noch heiss duschen und mein Brot toasten? Ich lebe am Stadtrand in einer Mietwohnung und kann die Gebäudeenergie kaum gross beeinflussen. Soll ich nun aufs Land ziehen, eine Parzelle kaufen und ein «Null-Energie-Haus» bauen? Wäre das klimaneutraler? So komme ich immer wieder ins Grübeln – sogar dann, wenn die Vernunft eine klare Antwort parat hätte.

Zum Beispiel?

Kürzlich fuhr ich über den Lindenberg in meine Heimat Hitzkirch. Auf dem Berg fiel mir ein Plakat auf, worauf gegen die Windparkanlage geworben wird. Die Windenergie ist erneuerbar und sollte gefördert werden. Wenn aber solche Anlagen uns direkt betreffen, bekommen wir eine «Staumauer-Allergie». Tatsächlich kann auch ich mich nicht vollauf für diesen Windpark begeistern, weil ich den Lindenberg als Naherholungsgebiet sehr schätze.

Dabei können solche Anlagen beitragen, die Klimaziele des Bundes zu erreichen: Bis 2030 soll der Treibhausgas-Ausstoss gegenüber 1990 halbiert werden, bis 2050 soll er auf netto Null sinken. Werden diese Ziele Ihrer Meinung nach erreicht?

Wir in der Schweiz können das vielleicht schaffen. Der Klimawandel ist aber ein globales Problem, der Bedarf an Energie ist enorm, die Sorgen um Naturschutz und CO2 sind vergleichbar gering. Captain Fitzroy, der mit dem Naturforscher Charles Darwin auf dem Schiff «Beagle» war, soll einmal gesagt haben: «Es ist die natürliche Neigung des Menschen, das zu unterschätzen, was er nicht versteht.» Einfache Lösungsvorschläge machen mich immer etwas skeptisch.

Welches Wetterereignis von diesem Jahr ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die heisse und trockene Periode im Juni und Juli. Diese weist einmal mehr darauf hin, dass sich das Temperaturregime ändert. Es gibt statistisch gesehen immer häufiger solche Perioden. Der Rückgang unserer Alpengletscher ist Indiz genug.

Wie wird sich der Klimawandel in den nächsten Jahren im Kanton Luzern auswirken?

Wir müssen mit noch mehr heissen Sommern und Trockenperioden rechnen. Das mediterrane Klima wird einigen Menschen gefallen, für unsere Umwelt, Pflanzen und Tiere ist es gefährlich. Hinter meiner Wohnung liegt ein Wäldchen. Das hat unter der Trockenheit und der Hitze extrem gelitten. Zudem hat auch dieser Sommer gezeigt, dass die Trinkwasserversorgung unter der Trockenheit leidet.

Was ist mit Regenfällen?

Diese werden in der Deutschschweiz in der Tendenz heftiger, wie im Tessin oder in den Tropen. Das ist simple Physik und setzt voraus, dass wir vorsorgen – mit Renaturierungen unserer Flüsse und Bäche zum Beispiel und mit besseren Abflüssen. Andererseits werden die Sommer trockener. Bewässerung wird nötig, und Kulturen sind gefragt, die resistenter gegen Hitze und Trockenheit sind.

Also wird die Schweiz in 30 Jahren anders aussehen?

Definitiv. Es wird dennoch kein Untergang für unser Land sein. Das klingt angesichts der Lage anderer Weltregionen fast zynisch, was ich aber nicht so meine.

Die Politik reagiert auf die klimatischen Veränderungen eher träge, die Klima-Sondersession des Luzerner Kantonsrats zum Beispiel förderte kaum griffige Massnahmen zutage. Wie zuversichtlich sind Sie, dass rechtzeitig reagiert wird?

Ehrlich gesagt, bin ich etwas skeptisch. Der Klimawandel ist ein globales Problem, bald leben zehn Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Können wir das managen? Früher waren die Gewässer in der Schweiz in einem traurigen Zustand, ehe man den Gewässerschutz aufgebaut hat. Heute kann man aus den Seen trinken. Da konnten wir selber einwirken. Dann erkannte man, dass FCKW schädlich ist für die Ozonschicht. Das weltweite Verbot gelang aber nur, weil gleichwertiger Ersatz da war. Ob wir den weltweiten Energiehunger ohne fossile Brennstoffe stillen können? Meine Hoffnung ist, dass Forschung und Technologie Lösungen bringen werden. Ich baue auf die cleveren «Harrisons» dieser Welt.

Zur Person: Thomas Bucheli ist in Hitzkirch aufgewachsen

Seit 1995 ist Thomas Bucheli (58)  Leiter von SRF Meteo. Er ist in Rothenburg geboren und in Hitzkirch aufgewachsen. Nach der Matura, die er an der Kanti Reussbühl erlangte, studierte Bucheli Geografie an der ETH Zürich. 1988 schloss er unter anderem in Meteorologie, Klimatologie und Atmosphärenphysik ab. Danach war er als Meteorologe für die damalige Schweizerische Meteorologische Anstalt SMA bis 1994 tätig. Beim Schweizer Fernsehen ist er seit 1992. Thomas Bucheli ist seit einem Jahr mit Kathrin verheiratet. Er hat einen Sohn aus erster Ehe, seine Frau brachte eine Tochter mit ein. Die Familie lebt in Küsnacht am Zürichsee.

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