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DATENBANK: Kneipe statt Kapelle: Immer mehr Luzerner Kirchen werden umgenutzt

In den letzten 25 Jahren wurden schweizweit rund 200 kirchliche Bauten umgenutzt. Der Trend verstärkt sich – auch im Kanton Luzern. Ein Experte erklärt, wo die Grenzen liegen und warum es manchmal auch Widerstand von kirchendistanzierten Leuten gibt.
Susanne Balli

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Die Dorfkapelle von Dierikon soll eine Gaststätte werden ( Artikel vom 31. Januar ). Die römisch-katholische Kirchgemeinde Buchrain-Perlen möchte ihr Pfarreizentrum an die serbisch-orthodoxe Kirche verkaufen. Der Verkauf ist bisher noch nicht erfolgt, weil er durch zwei Einsprachen blockiert ist (Artikel vom 24. Januar). Das einstige Ferienhaus der Ingenbohler Schwestern in Heiligkreuz wird eine Kochakademie. Und das ehemalige Seminar der Missionare von der Heiligen Familie in Werthenstein soll zur Seniorenresidenz werden. Das sind nur einige Beispiele aktueller und geplanter Umnutzungen von kirchlichen Bauten im Kanton Luzern.

Kirchen, Kapellen und Klöster sind allgegenwärtig. Gerade in der katholisch geprägten Innerschweiz sind sie sehr zahlreich. Doch immer häufiger stehen sakrale Bauten leer, Kirchgänger bleiben zunehmend aus, Ordensgemeinschaften finden kaum noch Neumitglieder. Die Kirchen kommen in die Jahre, früher oder später stehen umfassende Sanierungen der häufig denkmalgeschützten Objekte an. Das wird sehr schnell sehr teuer. Aufgrund des Mitgliederschwunds der Landeskirchen gehen aber die Steuereinnahmen stetig zurück, flüssige Mittel fehlen. Das zwingt die Kirchgemeinden, sich Gedanken zu machen. Was soll mit den leer stehenden Räumen, die nicht mehr gebraucht werden, passieren? Und wie können sie künftig umgenutzt werden?

21 Umnutzungen im Kanton Luzern

Die Theologische Fakultät der Universität Bern hat sich des Themas Kirchenumnutzungen angenommen. Eine neu erstellte Datenbank bietet einen schweizweiten Überblick über Kirchen, Kapellen und Klöster, die in den letzten 25 Jahren eine Umnutzung erfahren haben oder deren Umnutzung vorgesehen ist (www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch). Erfasst wurden zirka 200 Objekte. 21 Umnutzungen von kirchlichen Bauten betreffen den Kanton Luzern (Beispiele siehe Grafik und Kasten).

Leiter des Projekts ist Johannes Stückelberger (59), Kunsthistoriker und Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. «Bei der Umnutzung kirchlicher Gebäude ist eine starke Zunahme zu verzeichnen», sagt er. Waren es gemäss der Datenbank in den 1990er Jahren 12 Umnutzungen, betrug die Zahl 2010 bereits 48, bis 2014 kamen nochmals 54 dazu und von 2015 bis heute weitere 41. Offen sind 20 Umnutzungen. «Das bedeutet eine markante Zunahme in den vergangenen zehn Jahren, Tendenz steigend», sagt Stückelberger.

In der Datenbank werden sechs verschiedene Umnutzungsarten aufgeführt.

  • 1. Kirchliche Nutzung (neue oder erweiterte kirchliche Nutzung)
  • 2. Mischnutzung (sowohl kirchliche wie auch nichtkirchliche Nutzung)
  • 3. Profane Nutzung (dauerhaft nichtkirchlicher Nutzer)
  • 4. Verkauf (kirchlich oder profan, auch Abriss kann eine Option sein)
  • 5. Abriss
  • 6. Umnutzung offen

Laut Stückelberger sind von den 200 Gebäuden in der Datenbank ein Drittel Kirchen der drei grossen Landeskirchen (Katholiken, Reformierte, Christkatholiken), ein Drittel fällt auf Gemeinschaften (zum Beispiel Methodisten und Neuapostolen) und ein Drittel sind Klöster und Kapellen. «Diese Unterscheidungen sind wichtig, denn die Ausgangslage ist jeweils eine ganz andere. Landeskirchliche Kirchen sind öffentliche Gebäude, die im öffentlichen Raum einen grossen Stellenwert haben. Eine Umnutzung ist hier anspruchsvoll», sagt Stückelberger. Anspruchsvoll darum, weil vor Umnutzungen zahlreiche Schwierigkeiten überwunden werden müssten. Bauliche Hürden wie zum Beispiel Zonenänderungen oder die Einhaltung von denkmalschützerischen Auflagen stellen eher sekundäre Schwierigkeiten dar. Primäre Schwierigkeiten seien hingegen Fragen des Dialogs mit den ursprünglichen und künftigen Nutzern und der Bevölkerung sowie Fragen der Identität, die Kirchen stiften. «Kirchen haben das Leben und die Landschaft über Jahrhunderte geprägt. Es spielen viele Emotionen mit, die nicht nur Kirchenmitglieder, sondern die ganze Bevölkerung betreffen», erläutert Stückelberger. Das zeigt sich gerade in Fällen, wo Kirchen zu Gunsten neuer Projekte abgerissen werden sollen. Stückelberger führt als Beispiele die reformierte Kirche Turgi (AG), die reformierte Kirche Villmergen (AG) sowie die Matthäuskirche in Bern an. «Widerstand gegen den Verkauf oder Abriss dieser drei Kirchen kam zu einem grossen Teil von kirchendistanzierten Leuten, die Unterschriften sammelten, um die von den Kirchen genehmigten Umnutzungspläne zu verhindern.» Der Kunsthistoriker vermutet, dass Kirchen für viele Leute alleine dadurch, dass sie präsent sind, eine wichtige Funktion erfüllen, auch wenn sie in ihrem ursprünglichen Sinn nicht mehr in Anspruch genommen werden.

Auch das ist mitunter ein Grund, warum nur wenige Kirchen rückgebaut werden. 19 Abrisse finden sich in der Datenbank. Mehrheitlich handelt es sich um Kapellen christlicher Gemeinschaften, die äusserlich kaum als kirchliche Gebäude erkennbar sind. Abrisse seien vor allem bei Kirchen der Nachkriegszeit, die billig gebaut wurden und einer grösseren Renovation bedürfen, ein Thema. «Bei Landeskirchen stossen sie hingegen auf Widerstand», sagt Stückelberger.

Klare Richtlinien verhindern Verletzung von Grundwerten

Ein gelungenes und schweizweit viel beachtetes Beispiel einer Kirchenumnutzung ist die Maihofkirche Luzern. Entstanden ist nach einem Umbau im Jahr 2013 ein multifunktionaler Raum ohne Kirchenbänke, der 300 bis 400 Personen Platz bietet. Es handelt sich um eine Mischnutzung, wo kirchliche und weltliche Anlässe Platz haben. «Das ist immer auch ein Spagat. In jenem Moment, in dem sich eine Kirche öffnet, verlässt sie ihre herkömmlichen Strukturen und muss damit rechnen, dass Elemente Einzug halten, die bisher in diesen Räumen so nicht ihren Ort hatten», sagt Stückelberger. Die Maihofkirche bietet ganz unterschiedlichen Nutzern Platz. Ein Beispiel ist die 5-Rhythmen-Tanzveranstaltung ( www.dancingthewaves.ch ), die hier regelmässig stattfindet. Bei diesem Tanz schamanischen Ursprungs bewegen sich die Teilnehmer in Wellenbewegungen zur Musik. Aber auch Zen-Meditationen oder Kinderkleiderbörsen werden in der Maihofkirche durchgeführt. Daneben wird die Kirche weiterhin für Gottesdienste genutzt. Klare Nutzungsrichtlinien sollen die Verletzung christlicher Grundwerte verhindern.

Hier stellt sich die Frage, wo die Grenzen von Kirchenumnutzungen liegen. «In dem Moment, wo eine Kirche verkauft ist, gibt es rechtlich gesehen keine Grenzen. Es sei denn, es wurde vertraglich etwas festgehalten», sagt Stückelberger. Allerdings gebe es moralische Grenzen: «Es gibt angemessene und unangemessene Nutzungen.» Angemessene Nutzung heisse, dass sich irgendeine Verbindung zur alten Nutzung erkennen lasse. Kirche stehe generell für Spiritualität, Soziales und Kultur. «Kirchenumnutzungen finden dort allgemeine Akzeptanz, wo eine dieser drei Punkte erfüllt wird», sagt Stückelberger. Weitere wichtige Faktoren seien Langfristigkeit und Nachhaltigkeit.

Trotz zunehmender Kirchenumnutzungen sagt Stückelberger: «Es ist nicht zu befürchten, dass es künftig keine herkömmlichen kirchlichen Nutzungen mehr gibt.» Die Zahl der Objekte in der Datenbank bewegt sich, verglichen mit der Gesamtzahl an Kirchen, Klöstern und Kapellen in der Schweiz, im Promillebereich. Stückelberger sieht die Tendenz zu Kirchenumnutzungen denn auch nicht als Zeichen einer zunehmenden Säkularisierung. Die Religiosität in der Gesellschaft sei weiterhin hoch. Nur werde sie heute viel ausdifferenzierter und freier gelebt. Allerdings: «Besonders in der Innerschweiz besteht noch ein starker Bezug und eine starke lokale Bindung der Bevölkerung zu Kirchen und Klöstern.»

Chöre treffen auf Breakdancer: Die Maihofkirche bietet genügend Platz für solch ungewohnte Aufführungen. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 9. Mai 2015))

Chöre treffen auf Breakdancer: Die Maihofkirche bietet genügend Platz für solch ungewohnte Aufführungen. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 9. Mai 2015))

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