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Den Alltag im Rollstuhl erleben: Neues Besucherzentrum in Nottwil eröffnet

Das neue Paraforum in Nottwil zeigt, wie Querschnittgelähmte ihren Alltag meistern und auf welche Hindernisse sie dabei stossen.
Fabienne Mühlemann
Das Besucherzentrum Paraforum beim Schweizer Paraplegikerzentrum Nottwil gibt einen Einblick in den Alltag von Menschen im Rollstuhl. Die Besucher können sich in der fiktiven WG bewegen und sich auch selbst in einen Rollstuhl setzen. (Bild: Boris Bürgisser, Nottwil, 5. September 2019)

Das Besucherzentrum Paraforum beim Schweizer Paraplegikerzentrum Nottwil gibt einen Einblick in den Alltag von Menschen im Rollstuhl. Die Besucher können sich in der fiktiven WG bewegen und sich auch selbst in einen Rollstuhl setzen. (Bild: Boris Bürgisser, Nottwil, 5. September 2019)

Der Ausstellungsraum ist aufgebaut wie eine gewöhnliche Wohnung, mit Zimmern, Sofa, Fernsehen, Küche, Tischen. Beim genaueren Betrachten fallen allerdings kleine Details auf, die in einer üblichen WG wohl nicht zu finden sind. So hat es in den Zimmern keine Stühle, unter der Küche fehlen die Schränke und die Spiegel sind allesamt tief angebracht.

Diese Wohnung, die mit sieben Räumen ausgestattet ist, bildet das Kernstück des neuen Besucherzentrums Paraforum beim Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil. Es wird aufgezeigt, warum eben diese Details wichtig für die Lebensqualität von Querschnittgelähmten sind. Der Besucher wird durch vier fiktive Charaktere, die zusammen dort im Rollstuhl leben, und mittels Audioguide durch die Wohnung geführt. Sie zeigen dem Besucher, welche Hindernisse sie als Querschnittgelähmte im Alltag bewältigen müssen.

Der Tag wird akribisch geplant

In der Küche gibt es für die Bewohner beispielsweise einen am Tablar im Schrank befestigten Hebel, mit dem sie die Lebensmitteln zu sich hinunter ziehen können. Es gibt auch einen Knopf, mit dem die Höhe der Ablage mitsamt Küchenherd verändert werden kann. Für Tetraplegiker Peter Roos, der einer der vier Protagonisten spielt, ist es wichtig aufzuzeigen, dass «querschnittgelähmte Menschen in ganz normalen Wohnungen mit kleinen baulichen Anpassungen leben».

Für etwa 75 Prozent der Betroffenen ist der chronische Schmerz eine der grössten Einschränkungen in ihrem Leben. Aber auch das tägliche Katheterisieren und die regelmässige Darmentleerung gehören dazu. Der Besucher lernt, wie Querschnittgelähmte ihren Tag daher akribisch planen müssen. Auf einer Tafel mit Post-its werden die Bewohner daran erinnert, wann sie neue Katheter bestellen müssen, wer ihnen heute ins Bett hilft und dass sie sich bei der SBB anmelden, damit ihnen in den Zug geholfen wird.

Jugendliche gezielter ansprechen

Jeden zweiten Tag erleidet in der Schweiz eine Person eine Querschnittlähmung. «Es ist daher wichtig zu wissen, wie querschnittgelähmte Menschen ihren Alltag meistern. Nur so können wir ihre Anliegen verstehen», sagt Joseph Hofstetter, Direktor der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Ein weiteres Ziel sei es, die junge Generation mit der interaktiven und multimedialen Ausstellung noch gezielter ansprechen zu können.

Die Wohnung der vier Hauptcharaktere erreichen die Besucher durch einen Lift, der sich alle sechs Minuten öffnet. Dieser befördert sie ins obere Stockwerk, wo sie zuerst in einen dunklen Raum geführt werden. Beim Betreten wird ein Video an die Wand projiziert, in dem sich Stefan, Sarah, Matteo und Christine vorstellen. Ihre Charaktere sind unterschiedlich, jeder hat eine andere Geschichte. Trotzdem führen sie ein harmonisches Leben auf 400 Quadratmetern.

Protagonisten mit individuellem Charakter

Die Zimmer der vier Protagonisten sind individuell an ihre Geschichte angepasst. Stefan liebt Reisen und hat daher eine grosse Weltkarte an die Wand gepinnt. Bei Sarah dreht sich alles ums Schwanger werden als Paraplegikerin. Christine liebt das Malen und hat daher extra ein Pult mit einer speziellen Abrundung, damit sie sich richtig positionieren kann.

Bei Matteo geht es ums Erwachsenwerden. In seinem Zimmer findet man Videospiele, viele Poster und Themen zu Sexualität.

Die Geschichten entsprechen nicht dem echten Leben der Schauspieler. Einzig die Lähmungshöhe ist wahrheitsgetreu. Die Verantwortlichen haben sich fiktive Geschichten ausgedacht, damit sie dem Besucher die unterschiedlichen Themen aufzeigen können, die Querschnittsgelähmte beschäftigen. Wie die Projektleiterin Agnes Jenowein sagt, war das Herausfiltern von eindrucksvollen Themen auch die grosse Schwierigkeit bei der Planung des Zentrums. «Eine Querschnittlähmung bringt unzählige Facetten aus Alltag, Rehabilitation und Reintegration in Familie, Beruf und Gesellschaft mit sich», so Jenowein.

Besucher sind begeistert

Die Hemmi Fayet Architekten AG aus Zürich hat den Bau des Paraforums realisiert.Der Bau startete im Februar 2018 und kostete rund 8,7 Millionen Franken. Der Besucherrundgang im Paraforum wurde von der Steiner Sarnen Schweiz AG geplant und realisiert. Die Gesamtkosten liegen bei 1,4 Millionen Franken. Es wurde vollumfänglich durch zweckgebundene Spenden finanziert. Das Besucherzentrum eröffnet im Rahmen der Gewerbeausstellung Dynamo Sempachersee und ist für alle Interessierten geöffnet. Die ersten Besucher zeigen sich berührt von der neuen Attraktion. «Mir hat es sehr gefallen und ich bin beeindruckt, wie komplex die ganze Wohnung aufgebaut ist», erzählt Besucher Urs Baumgartner aus Schenkon. Es sei auch interessant, mehr über das Leben von Querschnittgelähmten zu erfahren, auch weil seine Frau eine solche Person betreut.

Der Luzernerin Eva Wyss gefällt vor allem die Individualität der Protagonisten. Sie selber sitzt seit 14 Jahren im Rollstuhl und hat durch die Ausstellung einige Dinge entdeckt, die sie auch für ihre Wohnung umsetzen will. Eva Wyss: «Es gibt mir Motivation, selber wieder aktiv zu werden.»

Hinweis
Ab dem 9. September ist das Paraforum jeweils von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Der Eintritt ist frei. Mehr Infos unter www.paraforum.ch

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