«Den Brand der Kapellbrücke habe ich verschlafen»

Hugo Bischof (58), Redaktor Stadt Luzern

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Hugo Bischof (Bild: Manuela Jans-Koch)

Hugo Bischof (Bild: Manuela Jans-Koch)

Hugo Bischof (58) ist seit 30 Jahren Journalist bei unserer Zeitung. Am 3. März 1986 begann der zweifache Familienvater als Kulturredaktor beim «Tagblatt». Heute ist er Redaktor im Ressort Stadt und Region. Bei welchem Job er weiche Knie bekam und in welchen Situa­tionen er früher aufpassen musste wie ein Häftlimacher, verriet er uns in einer ruhigen Minute auf der Redaktion.

Hugo Bischof, als alter Hase und gestandener Journalist bringt Sie wohl nichts aus der Fassung. Erinnern Sie sich an eine Begegnung, vor der Sie Bammel hatten?

Hugo Bischof: Eines vorneweg: Ich habe immer Respekt vor Geschichten und Personen, die ich in die Zeitung bringe, auch heute noch. Auf Ihre Frage: Als ich einst während des Lucerne Festival ein Interview mit der grossen Geigerin Anne-Sophie Mutter machen durfte, hatte ich ziemlich weiche Knie. Ich spiele selber hobbymässig Geige. Anne-Sophie Mutter ist ein Idol. Und zudem unglaublich attraktiv. Als sie mich im Hotel Palace in ihrem legendären sexy Leopardenkleid empfing, hats mich fast umgehauen. Das Gespräch verlief dann professionell. Sie ist hochintelligent und äusserst sympathisch.

Sie haben in Ihrem Beruf viele Veränderungen erlebt. War es vor 30 Jahren schwieriger, jeden Tag eine Zeitung herauszugeben?

Bischof: Die Aufgabe war die gleiche: Man versuchte täglich von neuem, relevante Storys zu verfassen, mit denen man viele Leser abholen konnte und die im besten Fall politisch oder gesellschaftlich zu reden gaben.

Jedoch viel aufwendiger?

Bischof: Anstatt am Computer sass man an der Schreibmaschine. Man hat damals seine Gedanken vielleicht etwas länger geordnet, bevor man zu schreiben begann. Und es brauchte Tipp-Ex, oder man schob ein neues Blatt ein, um etwas zu korrigieren. Den fertigen Text gab man einer Datatypistin, die ihn korrekt erfasste. Danach wurden Texte und Bilder auf eine Maquette geklebt, bis sich eine Zeitungsseite ergab. War ein Text zu lang, schnitt ihn ein Mitarbeiter an der Maquette einfach von hinten mit einem scharfen Messer ab.

Eine Schlusspointe zu setzen, war damals also problematisch.

Bischof: Klar. Weil man ja damit rechnen musste, dass sie dem Kürzungsmesser zum Opfer fiel. Um das zu verhindern, musste man neben der Maquette aufpassen wie ein Häftlimacher. Hatte man Glück, wurde anderswo etwas rausgeschnitten. Das läuft heute am Computer natürlich schon viel einfacher. Etwas traurig ist, dass viele Arbeitsplätze seither wegrationalisiert wurden.

Es gab früher drei Zeitungen auf dem Platz Luzern. Warum entschieden Sie sich für das liberale Parteiblatt «Tagblatt»?

Bischof: Als das «Tagblatt» 1986 die Stelle als Kulturredaktor ausgeschrieben hatte, bewarb ich mich spontan.

Das Einstellungsgespräch war offenbar sehr speziell?

Bischof: Ich stamme aus katholischem Elternhaus. Wir hatten zu Hause das CVP-Parteiblatt «Vaterland» abonniert. Dass ich in einem politischen Ressort beim liberalen «Tagblatt» eingestellt worden wäre, war undenkbar. Das Kulturressort war unbedenklicher. Ich musste aber eine Standortbestimmung unterschreiben, wonach ich mich zur «liberalen Welt- und Staatsanschauung» bekenne und «die freie, sozial verantwortliche Marktwirtschaft gegen den staatsgläubigen Dirigismus verteidige».

Was Sie offenbar taten?

Bischof: Und interessanterweise wurde ich auch als stellvertretender Auslandredaktor eingestellt. Da kam es vor, dass ich mich in einem Kommentar auf der Frontseite zu Gorbatschow und Glasnost äussern durfte.

Mit Ihrem Namen hätte sich ein Engagement beim «Vaterland» hier am Maihof eher aufgedrängt!

Bischof: Ich fühlte mich beim «Tagblatt» bestens aufgehoben. Wir hatten ein tolles Team und neben der harten Arbeit auch Spass. Einer meiner besten Kollegen durfte nebenbei neue Autos testen. Mit ihm düste ich mit einem Test-Jaguar drei Tage nach München. Wir machten danach die Redaktionskollegen mit stark ausgeschmückten Reiseerlebnissen neidisch. Sie rächten sich, indem sie in einem Artikel über einen Gerichtsfall von einem Mann, der einen Jaguar gestohlen hatte, dem Angeklagten die fiktiven Initialen «H. B.» (Name der Redaktion bekannt) gaben.

Wie finden Sie die Balance zwischen Beruf und Privatleben?

Bischof: Ich habe eine wunderbare Frau und zwei wunderbare Kinder, die neben viel Freude natürlich auch Sorgen und Ängste bereiten, mich so aber stets wach und fit halten. Dann spiele ich seit bald 40 Jahren Geige respektive Bratsche im Orchester Emmen. Ich tschutte auch regelmässig mit Kollegen und spiele Tennis.

Wie war die Kollegialität mit Journalisten anderer Zeitungen?

Bischof: Man kannte und grüsste sich. Und man ärgerte sich, wenn einem ein Kollege von der Konkurrenz mit einer guten Geschichte zuvorkam.

Was waren Ihre Highlights?

Bischof: Die Entstehungsgeschichte und den Bau des KKL Luzern aus nächster Nähe, natürlich mit der nötigen kritischen Distanz, mitverfolgen zu dürfen, war toll. Als klar war, dass Stararchitekt Jean Nouvel das KKL bauen würde, durfte ich ihn in dessen Atelier in Paris besuchen. Ich erlebte hautnah mit, wie er mit seinem Team die Vision KKL entwickelte. Nouvel führte mich und einen Redaktionskollegen auch persönlich durch das von ihm erbaute berühmte Institute du Monde Arabe.

Haben Sie viele Persönlichkeiten getroffen?

Bischof: Roger Federer traf ich nach seinem ersten Wimbledon-Sieg zum Interview beim Hotel Seeburg in Luzern. Und beim einstigen Rose-d’Or-Festival durfte ich mit Weltstars wie Roger Moore oder Christopher Lee reden.

Ihre erste Geschichte?

Bischof: Angefangen habe ich während meines Studiums in Bern mit Berichten über GVs und Jodelkonzerte beim «Bund». Beim Luzerner «Tagblatt» wurde ich dann ins kalte Wasser geworfen. Schon am ersten Arbeitstag wurde ich zur Präsentation des damals neuen Luzerner Theaterdirektors Horst Statkus geschickt.

Gab es auch grobe Schnitzer?

Bischof: Oh ja. Als ich in einem Bericht über den 2.-Liga-Fussballclub FC Kickers dessen Klubfarben als Rot-Weiss statt Rot-Schwarz bezeichnete. Peinlich, zumal ich Kickers-Fan bin.

Es gab grosse und tragische Momente Luzerns. Wie erlebten Sie das neue Fussballstadion oder den Brand der Kapellbrücke?

Bischof: Ich traue es fast nicht zu sagen: Den Brand habe ich verschlafen, obwohl ich in der Nähe wohnte. Beim Bau der Swissporarena war ich als Journalist nahe dran – eine spannende Erfahrung.

Sie haben über grosse Geschichten geschrieben und sind bei der nächsten schon wieder voll dabei: der Salle Modulable. Schaffen Sie es, diese während Ihrer Dienstzeit herbeizuschreiben?

Bischof: Das mit dem Herbeischreiben ist natürlich übertrieben. Auch sind solche «grossen Kisten» auf einer Redaktion immer Gemeinschaftsarbeiten. Da gibt es viele Planungs- und Konzeptsitzungen. Was die Salle Modulable betrifft: Ich werde voraussichtlich 2023 pensioniert. Ich hoffe persönlich sehr, dass bis dann das neue Theatergebäude in Luzern steht.

Interview Roger Rüegger