Der Autobestand auf Luzerner Strassen ist erstmals seit 50 Jahren rückläufig

Im Kanton Luzern ist die Zahl der Personenwagen erstmals seit 1970 gesunken. Ein möglicher Grund heisst Mobility.

Lukas Nussbaumer
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Seit 1970 erhebt das Bundesamt für Statistik den sogenannten Strassenfahrzeugbestand. Unter diesem Begriff fassen die Bundesangestellten Autos, Lastwagen oder Traktoren zusammen. Die Zahlenreihen zeigen seither in allen Kantonen fast ausnahmslos in eine Richtung: nach oben. Gar ausschliesslich gewachsen ist die Zahl der Personenwagen, also der Autos, im Kanton Luzern. Meist um mehrere Tausend, manchmal gar stärker, als die Bevölkerung zugenommen hat.

Das galt bis Ende 2017. Dann folgte im letzten Jahr der Taucher: Die Zahl der Autos sank – erstmals überhaupt im Kanton Luzern. Um exakt 322 auf 216'386 Exemplare.

Und dies, obwohl die Bevölkerung in der gleichen Zeitspanne um mehr als 3000 auf knapp 410'000 Personen gewachsen ist. Zum Vergleich: Von 2016 auf 2017 stieg die Zahl der Autos um 3647, die Bevölkerung wuchs um 3109 Personen.

Mehr Rechnungen versandt, mehr Steuern eingenommen

Diese statistische Auffälligkeit beschäftigt das Strassenverkehrsamt des Kantons Luzern, wie Leiter Peter Kiser auf Anfrage sagt. Und er kommt nach ausgiebigem Studium der Bundesstatistiken und der selber erhobenen Werte zum Schluss:

«Der Rückgang des Motorisierungsgrads ist für uns nicht nachvollziehbar.»

Schliesslich seien im letzten Jahr sowohl die Zahl der ausgestellten Verkehrssteuerrechnungen als auch die Höhe der Einnahmen aus den Verkehrssteuern gestiegen.

Dennoch hat sich Peter Kiser auf die Suche nach möglichen Erklärungen gemacht. Als einer der möglichen Gründe nennt der 60-Jährige die Sitzverlegung des Carsharing-Unternehmens Mobility von Luzern nach Rotkreuz. Dieser Umzug alleine vermöge die Abnahme um 322 Fahrzeuge jedoch nicht zu erklären, so der 2010 vom Regierungsrat zum Chef des Strassenverkehrsamts gewählte Betriebsökonom.

Die Sedelstrasse in Luzern ist eine der meistbefahrenen in der Region. (Bild: Dominik Wunderli, 28. März 2019)

Die Sedelstrasse in Luzern ist eine der meistbefahrenen in der Region. (Bild: Dominik Wunderli, 28. März 2019)

Gab's ein Computerproblem beim Bund?

Eine weitere Ursache für die im Kanton Luzern gesunkene Anzahl Autos könnte laut Kiser ein neues, an Ostern 2018 eingeführtes Computersystem des Bundesamts für Strassen sein. Es sei durchaus möglich, dass Daten nicht oder nicht vollständig in bisherige Datenfelder, die vom Bundesamt für Statistik verwendet werden, geschrieben worden seien.

Ausser in Luzern sank die Zahl der Autos 2018 auch noch in Genf, Neuenburg und im Tessin. Mit Blick auf die Zukunft sagt der gebürtige Obwaldner: «Wir werden nun die Zahlen des laufenden Jahres abwarten, um zu sehen, ob sich das vom Bundesamt für Statistik gezeigte Bild dann wieder mit unseren Werten deckt.»

Im Kanton Luzern fallen 1500 Autos aus der Statistik

Verkehrsexperte Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern nennt wie Peter Kiser den Umzug von Mobility nach Rotkreuz als einen der möglichen Gründe für den erstmaligen Rückgang der Autos im Kanton Luzern. Rund die Hälfte der schweizweit 3100 Fahrzeuge der Carsharing-Firma seien neu im Kanton Zug gemeldet. Somit würden in der Statistik für Luzern etwa 1500 Fahrzeuge wegfallen. Weil die Zahl der Autos in Luzern pro Jahr meist um zirka 4000 gestiegen sei, könne man «durchaus einen Rückgang der Autoimmatrikulationen bei der Privatbevölkerung vermuten», so der Hochschulprofessor. Also eine Trendwende?

Nein, folgert der 40-Jährige. Es gelte, zwischen Stadt und Land sowie zwischen Fahrzeugbestand und gemessener Verkehrsleistung zu unterscheiden. Zwar stagniere der Autoverkehr im Stadtzentrum von Luzern, und der Anteil der Privathaushalte ohne Auto nehme zu. Trotzdem sei die Zahl der in der Stadt immatrikulierten Personenwagen zwischen 2010 und 2015 stärker gewachsen als die ständige Wohnbevölkerung über 18 Jahre. Das gelte auch für den Motorisierungsgrad, der von 436 auf 456 Autos pro 1000 Einwohner gestiegen sei. Ebenfalls fortlaufend erhöht habe sich die Zahl der Parkplätze – auf mehr als 65'000 im Jahr 2016.

Der Verkehr staut am Schwanenplatz in Luzern. (Bild: Boris Bürgisser, 27. März 2019)

Der Verkehr staut am Schwanenplatz in Luzern. (Bild: Boris Bürgisser, 27. März 2019)

Jüngst hat sich diese Entwicklung aber entspannt. In der Stadt Luzern ist der Motorisierungsgrad im letzten Jahr auf 424 Autos pro 1000 Einwohner gesunken. Das ist der tiefste Wert seit 2005. Ohnmachts Fazit lautet aber dennoch:

«Ein Trend weg vom individualisierten und motorisierten Individualverkehr kann nicht beobachtet werden.»

Unzuverlässige Daten für den öffentlichen Verkehr

So fein die Statistiker die Mobilität des Privatverkehrs aufschlüsseln, so grob und zwischen den Kantonen fast nicht vergleichbar sind die Werte für den öffentlichen Verkehr. Sicher ist: Die zurückgelegte Tagesdistanz mit öffentlichen Verkehrsmitteln hat im Kanton Luzern zwischen 2010 und 2015 von 8,8 auf 8,2 Kilometer abgenommen. Neuere Zahlen gibt es nicht, dieser Wert wird nur alle fünf Jahre erhoben und steht erst 2022 wieder zur Verfügung.

Ferenc Biedermann vom Bundesamt für Statistik zieht aus der diesen Zahlen zugrunde liegenden Erhebung den Schluss: «Es gibt keine Anhaltspunkte, dass die Luzerner Bevölkerung zwischen 2010 und 2015 verstärkt auf den öffentlichen Verkehr umgestiegen ist – im Gegenteil.»

Timo Ohnmacht dagegen beurteilt die Entwicklung anders. Die Abnahme der Tagesdistanz im öffentlichen Verkehr sei lediglich «leicht», und zwischen 2015 und 2018 sei die Zahl der Fahrgäste des Verkehrsverbunds Luzern von 104 auf 110 Millionen gestiegen. Ohnmacht vermutet, dass sich dieser Aufwärtstrend auch in den Daten von 2020 widerspiegeln wird.