Der erste Kontakt mit Schweizer Tugenden

In den Werkstätten der Caritas kommen junge Migranten erstmals in Berührung mit einem typischen «Schweizer» Arbeitsalltag. Das ist nicht nur für die Jugendlichen eine Herausforderung, sondern auch für die Ausbildner.

Niels Jost
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Ausbildner Renato Sitz hilft Isias (19) aus Eritrea beim Bau eines Bienenhotels in der Caritas-Schreinerei. (Bild: Dominik Wunderli (Littau, 30. Mai 2017))

Ausbildner Renato Sitz hilft Isias (19) aus Eritrea beim Bau eines Bienenhotels in der Caritas-Schreinerei. (Bild: Dominik Wunderli (Littau, 30. Mai 2017))

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Reges Arbeiten herrscht in der hauseigenen Schreinerei der Caritas im Littauer Industriegebiet. Es riecht nach frisch gesägtem Holz, Hammerschläge sind zu hören. Wenn man nicht sähe, dass hier mehrere jugendliche Migranten aus Eritrea oder Afghanistan am Werk sind, dann würde man wohl keinen Unterschied zu einem «normalen» Betrieb erkennen.

Das wird bewusst so gehalten: Ein Teil der aktuell rund 250 Jugendlichen, die hier im Caritas-Haus zur Schule gehen, machen in der Schreinerei ihre ersten Erfahrungen in einem Betrieb nach Schweizer Tugenden: Pünktlichkeit, Genauigkeit, Verbindlichkeit. «Diese grundlegenden Elemente einzuhalten, ist die grösste Herausforderung für die Jugendlichen», sagt Ausbildner Renato Sitz vom Integrationsprogramm, das nun von «Sprachförderung und Jobtraining» in «Schule und Jobtraining» umbenannt wurde und seit rund sechs Jahren besteht. «Am ersten Tag ‹schlarpen› viele noch fünf Minuten zu spät hier rein, mit den Händen im Hosensack. Nach nur wenigen Einsätzen aber haben sie bereits ihre Arbeitsmoral angepasst», erklärt Renato Sitz. Und auch die Kommunikation sei nicht immer einfach. «Aber mit Händen und Füssen versteht man sich schon irgendwie», so Sitz.

Die Besten bleiben bloss wenige Monate

Bis die jugendlichen Migranten in einem solchen Jobtraining – in der Schreinerei, Küche, Velowerkstatt oder im Verkauf – arbeiten dürfen, müssen sie zunächst über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Dies erlernen die 16- bis 21-Jährigen je nach persönlichem Niveau in zehn Wochen à zwölf Lektionen. Derzeit werden bei der Caritas, die einen Leistungsauftrag des Kantons Luzern hat, 23 Deutschklassen von ausgebildeten Lehrern unterrichtet, welche bereits Berufserfahrung mitbringen. Gleichzeitig lernen die Migranten in einer zusätzlichen Lektion pro Woche die kulturellen Gepflogenheiten ihres Gastlandes.

Wer bereits fortgeschrittene Fähigkeiten hat, der besucht danach in einem weiteren Schritt sechs Lektionen Mathematik und deren drei Informatik und Tastatur-Schreiben – und darf wie erwähnt während zweier halben Tage in der Woche ins Berufstraining. «Unsere Schüler bleiben maximal eineinhalb Jahre», sagt Fachstellenleiter Thomas von Deschwanden. Sie seien aber alle sehr leistungsbereit, freundlich und motiviert. «Die Besten können uns schon nach wenigen Monaten verlassen», freut sich von Deschwanden.

Dann folgt für viele der Übertritt in ein Brückenangebot. Manche erhalten auch einen Ausbildungsplatz, ein Praktikum oder eine Stelle als Hilfskraft in einem Unternehmen. Dies wünschte sich auch der 19-jährige Isias aus Eritrea. Seit einem Jahr lebt er nun in Luzern, seit kurzem arbeitet er in der Schreinerei. «Es gefällt mir sehr», erzählt er in überraschend gutem Hochdeutsch. Sein Traum sei es, baldmöglichst in einer «richtigen» Schreinerei zu arbeiten.

Dass die Jugendlichen später denselben Beruf ausüben wie während ihres Jobtrainings, sei allerdings nicht primär anzustreben, sagt von Deschwanden: «Ziel des Jobtrainings ist es, dass die Migranten einen Einblick in einen Betriebsalltag erhaschen, und nicht, dass sie das genaue Handwerk erlernen.» Dabei fügt er an: «Wir simulieren quasi die Privatwirtschaft.»

Budgetloser Zustand schürt Unsicherheit

Das Integrationsprogramm der Caritas richtet sich an jugendliche Migranten, welche seit maximal zwei Jahren in der Schweiz leben und keine oder nur geringe Deutschkenntnisse haben. 40 Prozent der Schüler sind Minderjährige, die unbegleitet in die Schweiz gekommen sind. Steigt die Flüchtlingswelle allerdings wieder an, müssen innert weniger Wochen neue Lehrer angestellt werden – was durchaus eine Herausforderung ist. Aktuell sind 20 Lehrer angestellt.

Kosten: Bis 3675 Franken pro Quartal

Finanziert wird das Programm vom Kanton Luzern. Jeder Schüler kostet im Quartal (zehn Wochen) zwischen 2275 und 3675 Franken. Kürzlich hat die Caritas den Zuschlag für weitere vier Jahre erhalten (Ausgabe vom 5. April). Doch die aktuelle Finanzlage des Kantons bringt auch hier Unsicherheiten ins Spiel. «Wir haben zwar den gültigen Vertrag abgeschlossen, wegen des budgetlosen Zustandes kann er aber nicht in Kraft treten», führt Thomas von Deschwanden aus. Sprich: Die Caritas erbringt ihre Leistungen weiterhin, vergütet wird das Hilfswerk aber erst dann, wenn der Kanton ein rechtskräftiges Budget hat – also frühestens im kommenden September.