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Der erste Velokurier der Schweiz: Als Luzern eine Pionierstadt war

Seit 30 Jahren verteilt der Velokurier in Luzern Waren in Windeseile. Er war der erste seiner Art im Land – entsprechend gross war die Skepsis.
Larissa Haas
Die berühmte Werbeaktion für den Luzerner Velokurier auf der Reussbrücke am 1. September 1988. (Bild: PD)

Die berühmte Werbeaktion für den Luzerner Velokurier auf der Reussbrücke am 1. September 1988. (Bild: PD)

Das Foto ging um die Welt: 1. September 1988, ein komisches Velo mit Dach wird über die Luzerner Reussbrücke kutschiert, ein Trio lächelt dem Fotografen spitzbübisch in die Linse. Die Gründung des ersten Velokuriers der Schweiz hätte nicht besser laufen können: Dank des kuriosen Gefährts hat der das junge Luzerner Unternehmen von Asien über Australien für Aufsehen gesorgt.

Allerdings hielt die Aufmerksamkeit nur für einen kurzen Moment. Wenige Tage später waren die drei Gründer wieder auf dem Boden der Realität angelangt: «Die Luzerner Geschäftswelt hat uns einfach nicht ernst genommen», erinnert sich Fernando Stecher, erster Geschäftsführer des Velokuriers Luzern.

Chaotische Anfangszeit

Stecher würde gern behaupten, dass der erste Velokurier der Nation aus purem Kalkül nach Luzern gekommen war. In Wahrheit war es aber schlicht «ein wunderbarer Zufall»: Sie, eine Handvoll Velobegeisterte, hatten Wind davon bekommen, dass in den USA, ja, sogar in gewissen Städten Deutschlands und Österreichs, Ware unmotorisiert ausgeliefert wird. Und nun wollten die Luzerner Velobegeisterten diejenigen sein, die diese Innovation in die Schweiz bringen.

Doch anders als ihre ausländischen Vorbilder bissen die Jungunternehmer in ihrer Heimatstadt auf Granit: Man hielt sie für grün-alternative Gurus. Wider Erwarten blieben die Aufträge aus. Und die Löhne sowieso. Deswegen das Handtuch zu schmeissen, war überhaupt kein Thema – im Gegenteil: «Wir hatten unerschütterlich an diese Idee geglaubt», sagt Stecher. Und überhaupt: Der Gedanke, mit dem Velofahren Geld zu verdienen, klang immer noch sympathisch in ihren Ohren.

Die ersten Wochen des Luzerner Velokuriers waren chaotisch, spontan und unorganisiert: Weil keiner etwas vom Geschäften verstand, geschäftete man halt so, wie es grad passte. Trotzdem überstand die Firma die problematische Anfangszeit: Plötzlich kurvte man nicht mehr nur mit Blumen und Pralinés durch den Luzerner Verkehr, sondern auch mit wichtigen Bauplänen, Medikamenten und Blutproben. Mit Pagern – den kleinen, schwarzen Funkgeräten, die man ab den Fünfzigern zu Alarmierungszwecken brauchte – blieb man mit dem Disponenten in der Zentrale in Kontakt. Fing der Pager an zu piepsen, suchte der Kurier die nächstbeste Telefonkabine auf, um den Auftrag vom Disponenten telefonisch entgegenzunehmen.

40 bis 80 Kilometer pro Schicht

Gregor Koller, Mitglied der Geschäftsleitung. (Bild: Jakob Ineichen)

Gregor Koller, Mitglied der Geschäftsleitung. (Bild: Jakob Ineichen)

Inzwischen arbeitet das Unternehmen mit Funk und Smartphone, eine neue Software, die den Betrieb erleichtern soll, wird in diesen Tagen eingeführt. Gregor Koller bildet heute mit Severin Haupt und Armin Bühler in die Geschäftsleitung des Unternehmens. Sie alle lieferten früher selbst Ware aus, inzwischen nutzen sie das «gratis Fitness-Abo» nur noch ab und zu, sagt Koller. 40 bis 80 Kilometer lege ein Kurier nämlich während seiner rund fünfstündigen Schicht zurück. Dabei kann er Glück haben und wird etwa nach Hergiswil delegiert: «Eine wunderbare Strecke, direkt am See. Sieben Kilometer ohne eine einzige Ampel.» Oder aber er muss, wenn er Pech hat, zwei-, dreimal die «richtig steile Dreilindenstrasse» hochstrampeln. «Dumm gelaufen», denke man sich dann und versuche wenigstens, bei der dritten Runde schneller zu sein als vorher.

Koller lässt es sich nicht nehmen, ein kleines, ungeschriebenes Firmengeheimnis zu verraten: «In Luzern arbeiten zwar mehrheitlich Männer, aber die Frauen sind auf dem Velo schneller als wir.» Stichwort Tempo: Neben dem nachhaltigen Grundgedanken ist es vor allem die Geschwindigkeit, über die sich der «schnellste Kurierdienst der Zentralschweiz» identifiziert. Da könne ihnen keiner das Wasser reichen, sagt Koller. Spätestens seit um die Jahrtausendwende die Firma Swissconnect gegründet wurde, ein Netzwerkverbund aus Schweizer Velokurierfirmen und der Schweizer Bahnen, arbeite das Unternehmen effizienter denn je. Die Gleichung dahinter ist simpel: Kurier A bringt Ware X auf den Zug. Kurier B nimmt die Ware an der Zieldestination entgegen und fährt diese zum Kunden. In maximal vier, fünf Stunden könne man so jeden X-beliebigen Ort in der Schweiz beliefern, «schneller geht’s nicht», sagt Koller.

Doch. Warum steigt das Unternehmen nicht auf die noch schnelleren E-Bikes um? «Naja, E-Bikes, das ist so eine Sache», lacht Koller. «Velofahren mit Motor geht eingefleischten Radfahrern irgendwie gegen den Strich.» Dies bedeute allerdings nicht, dass man die Augen vor neuen Technologien verschliesse, schiebt Koller nach, vor allem, wenn es darum gehe, den Kundenservice zu optimieren.

So sind die Velokuriere heute unterwegs. (Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 17. Juli 2018))

So sind die Velokuriere heute unterwegs. (Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 17. Juli 2018))

Herausforderung Onlinehandel

Vor einigen Jahren hat ein neues Phänomen die Velokurierbranche aufgerüttelt: der Onlinehandel. Koller verfolgt die Entwicklung bereits seit einiger Zeit: «Die Zahl der Lieferwagen nimmt jährlich um etwa drei Prozent zu. Ohne Gegenmassnahme wird sich dadurch der CO2-Ausstoss in der urbanen Logistik bis 2050 geschätzt um 21 Prozent steigern.» Hier sieht Koller das grosse Potenzial des Velokurierdienstes. Sein Vorbild: Basel. Seit dem Verkehrsverbot in der Basler Innenstadt wird dort eine Güterumschlagsfläche betrieben, in der Sendungen gesammelt und danach per Velo, Cargofahrzeug und Elektro-Lieferfahrzeug ausgeliefert werden. Ein ähnliches Szenario sei durchaus für Luzern denkbar, meint Koller. Doch bleibt er am Boden der Realität: «Momentan ist die Politik eher mit den Cars als mit der steigenden Verkehrsbelastung beschäftigt.»

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