Kolumne

«Mein Bild»: Der Lack ist ab, warum auch immer

Was ist bei diesem Auto-Kennzeichen wohl schief gelaufen? Drei Hypothesen.

Hans Graber
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Gesehen auf der Autobahn vor Mailand: Man beachte das Tessiner Wappen. (Bild: Piet (September 2018))

Gesehen auf der Autobahn vor Mailand: Man beachte das Tessiner Wappen. (Bild: Piet (September 2018))

Dem Fotografen sei an dieser Stelle erst einmal gute Genesung gewünscht, verbunden mit der Hoffnung, dass er die Reha-Klinik bald und einigermassen wiederhergestellt verlassen kann.

Nein, das Bild ist nicht die Ursache für sein Siechtum, vielmehr war es so, dass Freund Piet schon länger ein chirurgischer Eingriff am oberen Skelett bevorstand. So genau will ich es gar nicht wissen, aber es mussten da scheint’s Wirbel versteift und neue Scheiben eingepflanzt werden. Weil einem vor solch einem Eingriff sicher recht bange ist und man nie weiss, was dabei alles passieren kann, unternahm Piet ein paar Tage vor dem Gang auf den Schragen zur Ablenkung noch ein kleines Reisli. Als ausgewiesener Feinschmecker und Weinliebhaber wählte er natürlich Italien als Ziel, ich glaube Piemont.

Wohl schon den edlen Fünfgänger eines reichbesternten Maestros im Hinterkopf oder wenigstens die dampfende Pasta einer fetten Nonna in einer Azienda Agricola, hatte er unterwegs aber auch noch Augen für den Verkehr. Und geistesgegenwärtig erspähte er kurz vor Mailand ein sonderbares Nummernschild, das er alsogleich abfotografierte und subito via Whatsapp mir zustellte. Kommentarlos.

Weil ich häufig eine lange Leitung habe, musste ich mehrere Male hinsehen, bis mir die Merkwürdigkeit auffiel. Das Kantonswappen! Ticino. Links rot, rechts blau, so müsste es sein. Ist es hier aber nicht. Rechts blau, das schon, aber links weiss. Dass bei Nummernschildern die Farben durch den Zahn der Zeit ausbleichen können, kennt man. Weisses Kreuz auf blassrosa Grund und so. Aber dass gleich alles weg ist und aus Rot Reinweiss wird, ist schon höchst ungewöhnlich. Was ist da wohl passiert?

Vielleicht ein widerwillig im Tessin ansässiger Heimweh­luzerner, dem die Kombination Weiss-Blau einfach weit näher ist als Rot-Blau, weswegen er das Rot kurzerhand weggeschliffen hat? Original Luzern wäre zwar links blau und rechts weiss, aber ist doch scheissegal, Hauptsache, blau und weiss.

Zweite Möglichkeit: Das Schild ist eine Fälschung, gebastelt von einem Tunichtgut, einem flatterhaften Filou, der nicht nur dauerhaft mit dem Gesetz, sondern natürlich auch mit der Schweizer Heraldik auf Kriegsfuss steht. Er geht aber davon aus, dass es in Italien eh niemandem auffällt, wenn er mit einem solchen Schild herumkurvt. Für eine Fälschung spricht obendrein das etwas ungelenk wirkende Schweizer Kreuz. Aber das kann auch Zufall sein. Wenn einmal etwas schiefläuft, läuft alles schief.

Womit wir bei der dritten Möglichkeit wären: Das Schild ist weder manipuliert noch gefälscht – es ist einfach so. Ein Produktionsfehler von allem Anfang an, eine Rarität, vielleicht sogar sauteuer gehandelt. Man kennt das vorab von Briefmarkensammlern. Weil es langweilig geworden ist, normale Marken in ein Album zu stecken, kaprizieren sich abgebrühte Philatelisten schon länger auf Abseitiges wie Kehrdrucke, Gummierung auf der falschen Seite, Doppel- oder Teilzähnungen, glatt statt geriffelt, fehlende Farben oder Zahlen, Bogen- oder Maschinenabklatsch und dergleichen Quatsch mehr. Die Märkeler waren mit ihrem Hang zu Abartigem und Verquerem die Vorreiter einer Welle, welche heute breite Bevölkerungskreise erfasst hat. Zweifellos auch Autokennzeichenbesitzer. Und die Polizei schaut weg.

Welche der drei Versionen ist die richtige? Die erste und die zweite würden mir gefallen. In dem Fall wird es wohl die dritte sein. Die denkbar schlechteste und dümmste Variante ist ja oft die wahrscheinlichste.

Aber immerhin, ich habe grad nachgefragt: Freund Piet geht es den Umständen entsprechend gut. Klarer Aufwärtstrend. Er will bald wieder ins Piemont.