Interview

Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf zum Sparprogramm des Kantonsspitals: «Der Kostendruck war noch nie so gross»

Das Luzerner Kantonsspital muss nächstes Jahr mindestens 20 Millionen Franken sparen. Im Interview nimmt Gesundheitsdirektor Guido Graf Stellung zum Sparpaket. Und prophezeit, dass die Gesundheitskosten trotzdem ansteigen werden.

Kilian Küttel
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Aussenansicht des Kantonsspitals Luzern. Das Gebäude spiegelt sich in der Fassade der Frauenklinik. Das Bild entstand am Montag, 22. Februar 2016.(Pius Amrein / Neue LZ)

Aussenansicht des Kantonsspitals Luzern. Das Gebäude spiegelt sich in der Fassade der Frauenklinik. Das Bild entstand am Montag, 22. Februar 2016.
(Pius Amrein / Neue LZ)

Wenn jetzt nichts passiert, droht für das kommende Jahr ein Verlust von 20 Millionen Franken. Deshalb zieht die Führung des Luzerner Kantonsspitals (Luks) die Sparschraube an, wie unsere Zeitung Publik gemacht hat: Bis Ende Juni werden keine neuen Stellen geschaffen, das Spital verzichtet vorübergehend auf gewisse Beschaffungen und Investitionen und besetzt freiwerdende Stellen nur, wenn die Departementsleitung ihr Einverständnis gibt.

Einer der Gründe für die angespannte finanzielle Situation: Die stationären Behandlungen stagnieren. Ein Zeichen, dass der Grundsatz «ambulant vor stationär» Früchte trägt? Für den Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf (CVP) ist aber klar: Der Kanton ist nicht schuld am Spardruck.

Guido Graf. (Bild: PD)

Guido Graf. (Bild: PD)

Guido Graf, das Kantonsspital spart massiv. Für Sie muss das eine gute Nachricht sein.

Sparen ist in der Regel nicht schön, aber manchmal nicht abwendbar, wenn die äusseren Rahmenbedingungen es verlangen.

Landesweit stagniert die Zahl der stationären Behandlungen. So auch in Luzern. Hier scheint Ihr Grundsatz «ambulant vor stationär» zu fruchten.

Die Verlagerung von stationären zu ambulanten Eingriffen hat sicher einen Einfluss. Insbesondere, weil die Kantone angefangen haben, genauer zu prüfen, ob gewisse Eingriff nicht ambulant - und damit wirtschaftlicher hätten erbracht werden können. Aber das ist nur einer von verschiedenen Einflüssen.

Nicht nur am Luks, auch in anderen Spitälern wird gespart. Was denken Sie: Werden die Gesundheitskosten von nun an nicht mehr ansteigen?

Nein, das denke ich nicht. Für die steigenden Gesundheitskosten sind hauptsächlich drei Faktoren verantwortlich: Der medizinische Fortschritt, die demografische Entwicklung und nicht zuletzt auch die wachsende Anspruchshaltung der Bevölkerung. Ich möchte auch festhalten, dass die Spitäler schon früher sparen mussten. Allerdings war der Kostendruck noch nie so gross wie jetzt.

Und wie bekommt man diese drei Faktoren in den Griff?

Dass die Menschen bei guter Gesundheit älter werden, ist erfreulich. Und den technologischen Fortschritt können und wollen wir nicht ignorieren. Hingegen können wir die Bevölkerung weiter sensibilisieren, medizinische Leistungen mit Augenmass zu konsumieren. Und wir können auf die Eliminierung von Fehlanreizen hinarbeiten.

Sie schauen in die Zukunft. Haken wir hier ein: Glauben Sie, die stationären Behandlungen werden auch weiterhin weniger?

Davon gehe ich aus.

Der technologische Fortschritt ist der Haupttreiber dieser Entwicklung.

Dass der Rückgang langfristig anhält, bezweifle ich aber. Die Bevölkerung wächst und die Babyboomer kommen ins Rentenalter.

Was bedeutet das für das Luks?

Es ist wichtig für das Luks, seine Infrastruktur den neuen Bedürfnissen anzupassen. Deshalb braucht es auch Vorinvestitionen. Das kostet kurzfristig sehr viel Geld, führt aber langfristig zu einer höheren Qualität und Wirtschaftlichkeit.

Investieren wird schwierig, wenn man sparen muss. Und das Luks spart auch, weil es die Vorgaben des Kantons umgesetzt hat. Sie haben das Spital in diese Lage gebracht.

Nein, das ist nicht so. Es ist mir wichtig zu betonen, dass zurzeit wohl alle Spitäler in der Schweiz vor grösseren Herausforderungen stehen. Es handelt sich also nicht um ein Problem des Luks. Aber wir haben in der Vergangenheit sehr hohe Gewinne vom Luks abgeschöpft und profitiert, während andere Kantone ihre Spitäler quersubventioniert haben. Das muss sich ändern. Mitunter deshalb schlagen wir vor, das Luks in eine gemeinnützige Aktiengesellschaft umzuwandeln.

Sie sagen es selber: Der Kanton Luzern hat in den letzten Jahren jeweils Millionenbeträge als Dividenden ausbezahlt bekommen. Jetzt dürften Nullrunden warten. Was bedeutet das für Sie?

Die Regierung ist sich bewusst, dass die Dividenden in Zukunft nachhaltig und spürbar tiefer sein werden. Sie hat die Dividenden sogar selber limitiert, indem sie vorschlägt, das Luks in eine gemeinnützige Aktiengesellschaft umzuwandeln.

Das Luks will nicht nur weniger Geld ausgeben, es sucht auch nach Möglichkeiten, mehr einzunehmen. Beisst sich das nicht mit Ihren Absichten, die Gesundheitskosten zu senken?

Ein gutes Unternehmen sucht immer auch nach Möglichkeiten, die Einnahmen zu optimieren. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, und

dass ein Spital um gute Tarife kämpft, ist legitim. Aber es darf natürlich nicht darauf hinauslaufen, dass unnötige Behandlungen angeboten werden.

Wo sehen Sie noch mehr Sparpotenzial für die Zukunft?

Die Spitallandschaft wird sich in den nächsten Jahren verändern, so viel steht fest. Nicht jedes Spital wird mehr alles anbieten können. Die Zukunft gehört Spitalverbünden mit einem gemeinsamen und vor allem auch konsolidierten Angebot. Die Umwandlung des Luks in eine Holdinggesellschaft und der Zusammenschluss mit dem Nidwaldner Kantonsspital sind deshalb enorm wichtige Projekte.

Sparen könnte man auch beim Personal. So passiert bei der Insel Gruppe in Bern. Wann ist Luzern dran?

Zurzeit sieht es Gott sei Dank so aus, dass es nicht dazu kommt. Die Spitalleitung prüft mit dem Spitalrat alle Varianten, wie den verschiedenen Interessen Rechnung getragen werden kann. Zuoberst steht dabei selbstverständlich immer das Patientenwohl .

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