Der Luzerner Mediziner Ruedi Lüthy hat 6500 Menschen das Leben gerettet

Er war einer der ersten Aids-Spezialisten der Schweiz: Der Luzerner Infektionsspezialist Ruedi Lüthy. Jetzt kämpft der 78-Jährige in Afrika unermüdlich gegen die Krankheit.

Natalie Ehrenzweig
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Infektionsspezialist Ruedi Lüthy bei einer Untersuchung.

Infektionsspezialist Ruedi Lüthy bei einer Untersuchung. 

(Bild: PD/Simon Huber)

Im Jahr 2000 war Ruedi Lüthy 59 Jahre alt. Ein Alter, in dem die meisten Menschen ihre Pension planen. Doch Ruedi Lüthy nahm in seiner Funktion als HIV-/Aids-Spezialist an einem Kongress im südafrikanischen Durban teil. «Die vielen Berichte aus den umliegenden Ländern haben mir das Ausmass der HIV-Epidemie in Afrika klar gemacht. Zu einer Zeit, in der in der Schweiz HIV praktisch aus der Öffentlichkeit verschwunden war, fehlte es im südlichen Afrika an Medikamenten und Wissen über die Krankheit», sagt Ruedi Lüthy.

Der heute 78-Jährige erinnert sich vor allem an einen Redner: «Er war Richter am Obersten Gerichtshof von Südafrika. Er stand vor dem Publikum und sagte: Ich bin schwul. Ich habe Aids.» Das habe ihn sehr beeindruckt, da beides in Afrika sehr tabuisiert sei. «Der Richter sprach darüber, wie Menschen schon oft in der Geschichte geschwiegen haben – im 2. Weltkrieg, während der Apartheid. Und am Schluss fragte er uns alle, ob wir jetzt nach Hause gingen und schweigen würden, obwohl wir wüssten, dass 30 Millionen Afrikaner HIV-positiv sind und über keine Medikamente verfügen.»

Ruedi Lüthy ist in Luzern aufgewachsen. Nach dem Medizinstudium in Zürich arbeitete er in Bonn, absolvierte 1975 in Seattle eine Ausbildung in Infektionskrankheiten und baute dann am Universitätsspital Zürich die erste Infektiologie-Abteilung auf. In den frühen Achtzigerjahren häuften sich Fälle von schwulen, oft jungen Männern, die nach einer schnell verlaufenden Krankheit starben. «Zu Beginn haben wir nicht verstanden, was passiert. Es gab noch keine Tests, sondern wir mussten die Krankheit anhand der Symptome und dem Verlauf diagnostizieren», erzählt der Mediziner. Als Leiter der Abteilung konnte er bereits 1983 die erste Aids-Sprechstunde der Schweiz eröffnen. Er sagt:

«Wir hatten dann reichlich Gelegenheit, die Krankheit zu studieren. Diese Geschichten sind mir nahegegangen.»

Der Infektionsspezialist war sich gewohnt, Krankheiten heilen zu können. «Aber ohne Medikamente konnten wir die Patienten nur begleiten. Das Versagen, dass so viele auch junge Menschen starben, das hat an mir genagt und mich traurig gemacht», erinnert er sich. Die gleiche Betroffenheit veranlasste Ruedi Lüthy am Ende des Kongresses in Durban mit seiner Frau und seinen drei Kindern den Entscheid zu fällen, aktiv zu werden: «Ich gehe nach Afrika, statt mich pensionieren zu lassen». Die meisten in seinem Umfeld fanden das mutig und toll. Wenige waren der Meinung, er spinne, erzählt er lachend.

Als er 2002 von einer Ärztin in Simbabwe angefragt wurde, ob er ihr bei einer Studie helfen wolle, kam die Stunde der Wahrheit. «Sie wollte Aspirin, Polyvitamine und Placebo testen. Ich fand, das sei beim damaligen Stand der Medizin unethisch, da es doch schon gute Medikamente gab. Da wies sie mich darauf hin, dass das alles sei, was sie hätten. Zwei Monate später flog ich nach Harare und nahm die Situation vor Ort in Augenschein. Es war viel schlimmer, als ich es befürchtet hatte», sagt er. Damals war etwa ein Viertel der Bevölkerung HIV-positiv und hatte keinen Zugang zu Medikamenten.

Sukzessive baute Ruedi Lüthy seither seine Stiftung und seine Klinik in Harare auf. Über 6500 Patienten haben er und das Team seiner Newlands Clinic seither behandelt. «Inzwischen bilden wir auch Krankenschwestern und Ärzte aus», freut er sich. Doch die Arbeit in Simbabwe hält zahlreiche Herausforderungen bereit, wie zum Beispiel bürokratische Hürden. «Heute werden wir wertgeschätzt. Denn so schnell gebe ich nicht auf», sagt er schmunzelnd. Die Verpflichtung gegenüber den Menschen treibe ihn an. Er betont:

«Wenn ich aufgebe, sterben diese Leute. Das will ich nicht auf mich nehmen.»

Für die Zukunft hat Ruedi Lüthy aber vorgesorgt. «Wir haben einen administrativen und einen medizinischen Leiter eingestellt. So ist mir viel Last genommen, ich muss mich etwa nicht mehr um das Budget kümmern.» Lüthys Tochter Sabine Lüthy leitet zudem die Stiftung in Bern.

Drei, vier Monate am Stück ist er jeweils in Simbabwe, dann fährt er heim, um sich auszuruhen und Kraft zu schöpfen: «Ich habe einen guten Schlaf, das ist sehr wichtig. Manchmal gehe ich traurig schlafen. Am Morgen ist es dann wieder gut». Auch im Glauben findet er Energie. Die brauchte er zum Beispiel 2005, als Mugabe «beschloss aufzuräumen und mit Bulldozern Armensiedlungen dem Erdboden gleichmachte. 700 000 Menschen wurden obdachlos. Damals bin ich recht kurzfristig abgereist. Dann kam ich zurück mit der Haltung: Jetzt erst recht!»

Für sein Wirken in Afrika erhält Ruedi Lüthy nun den Menschenrechtspreis 2019 der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Sektion Schweiz. Die Auszeichnung der 1972 gegründeten Gesellschaft ist nicht an eine Preissumme geknüpft, sondern eine Anerkennung des «grossen Engagements», dank dem «unzähligen jungen Menschen samt ihren Familien wieder Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben» gegeben werde, schreibt die Gesellschaft. Am 7. Dezember nahm Ruedi Lüthy den Preis in Bern entgegen, schon Mitte Januar fliegt er wieder nach Simbabwe.

Hinweis: Mehr Informationen gibts auf www.ruedi-luethy-foundation.ch

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