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Der Luzerner Sänger Tobi Gmür über sein Leben als Hausmann

Tobi Gmür (45) ist für die Betreuung seines Sohns und den Haushalt der Familie zuständig, während seine Partnerin als Kaderfrau arbeitet. Immer wieder kämpft der Musiker gegen Vorurteile. Bei der Gleichstellung sieht er gar Rückschritte.
Roseline Troxler
Tobi Gmür ist daheim auch für die Wäsche verantwortlich. (Bild: Boris Bürgisser, Luzern, 12. Juni 2019)

Tobi Gmür ist daheim auch für die Wäsche verantwortlich. (Bild: Boris Bürgisser, Luzern, 12. Juni 2019)

«So, die Wäsche ist erledigt», sagt Tobi Gmür und nimmt am Tisch im Garten der Wohnung in der Büttenenhalde in der Stadt Luzern Platz. Gmürs Sohn ist an diesem Nachmittag unterwegs, da bleibt mehr Zeit für Hausarbeit.

Der 45-jährige Gmür ist Hausmann. Nach der Geburts seines Sohnes vor vier Jahren hat der langjährige Musikproduzent, der ein eigenes Studio führte, den Job an den Nagel gehängt. Nach 14-wöchigem Mutterschaftsurlaub seiner Frau Silvana übernahm er die Kinderbetreuung. «Für meine Frau war klar, dass sie ihre Karriere nicht aufgeben will. Ich habe mich darüber gefreut, dass ich dieses Modell leben kann», sagt Gmür zur Entscheidung. Auch, weil sein Einkommen weniger geregelt war, sei dies vernünftiger. Seine Frau ist im Kader von Emmi tätig. Gmür verheimlicht nicht, dass es zudem wirtschaftlich Sinn macht, dass ihr Pensum grösser ist. Heute arbeitet Tobi Gmür wieder in einem 40 Prozent-Pensum.

Schon die Eltern lebten aussergewöhnliches Modell

In der Schweiz sind nur 2,9 Prozent der Männer Hausmänner und bloss 6,6 Prozent arbeiten weniger als 50 Prozent. Bei den Frauen arbeiten hingegen 32,5 Prozent als Hausfrauen. Ein seltenes Modell zu leben, liegt Gmür in den Genen. «Meine Eltern haben in den 80er-Jahren entschieden, je in einem 50 Prozent-Pensum zu arbeiten. Das war damals aussergewöhnlich.» Immer wieder gab es Reaktionen von seinen Gspändli. «Sie fragten mich, ob wir arm sind, weil meine Mutter gearbeitet hat.» Auch die Tatsache, dass der Vater öfters Zuhause war und zu den Kindern schaute, überstieg die Vorstellungskraft seiner Mitschüler. Seine Familie sei oft in die linke Ecke gestellt worden, sagt Gmür und schmunzelt: «Es hat ja sogar gestimmt.»

Noch heute erntet Gmür Erstaunen, wenn er sagt, dass er Hausmann ist. «Männer meinen, ich hätte ein Schoggileben, Frauen sind teils neidisch, da ihr Mann mehr arbeitet und sie selber nicht in einem grösseren Pensum arbeiten können.» Heftiger seien aber Reaktionen gegenüber seiner Frau gewesen – vor allem von Männern: «Sie erntete viel Skepsis und ihr wurde vorgeworfen, sie sei eine Rabenmutter.» Seine Frau habe sich daran gewöhnen müssen, hier schlagfertig zu antworten.

«Interessant finde ich, dass die Leute stets denken, unser Kind sei die ganze Woche in der Kita, da die Mutter Vollzeit arbeitet. Wenige kommen auf die Idee, dass ich Zuhause sein könnte.»

Tobi Gmür hat bereits einen zwanzigjährigen Sohn aus einer früheren Beziehung, den er aufgezogen hat. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig sich in den letzten Jahren änderte. Teils habe ich gar den Eindruck, dass es wieder Rückschritte gibt.» Noch immer treffe er fast ausschliesslich auf Mütter, die ihre Kleinen in die Spielgruppe bringen, ins Babyschwimmen gehen oder wochentags auf dem Spielplatz sind. «Da fühle ich mich manchmal schon als Exot und besonders beobachtet», erzählt der Musiker und wünscht sich mehr Väter, mit welchen er sich austauschen könnte. Verbessert hätten sich im Laufe der Zeit dafür die Infrastrukturen. «Wickeltische sind heute nicht nur im Frauen-WC anzutreffen.» Tobi Gmür hofft, dass er auch den einen oder anderen Mann ermutigen kann, ein anderes Modell auszuprobieren. «Mit Kindern kann man in der ersten Zeit so viel erleben, ihnen Diverses beibringen und sie fördern.»

«Zuhause kann einem die Decke auf den Kopf fallen»

Mittlerweilen arbeitet Gmür wieder – in einem 40-Prozent-Pensum als Klassenassistent mit Teenagern. «Die Abwechslung ist schön. Zuhause kann einem schon die Decke auf den Kopf fallen», sagt er. Männer, welche nur einen Papitag pro Woche hätten, würden dies teils gar nicht merken. «Sie nutzen die Zeit oft lieber für Ausflüge, als im Haushalt mitzuarbeiten und merken nicht, wie anstrengend das ist.» Während seiner Arbeitszeit ist Sohn John in der Kita. Am Wochenende nutzt Tobi Gmür die Zeit für seine Musik, die er als geradliniger Rock und melodiöser Pop beschreibt. «Die Musik ist noch immer mein roter Faden.» Am Wochenende schaut meist seine Frau zum gemeinsamen Sohn.

Durch seine Arbeit mit Sekschülern erhält Gmür Einblick ins Denken der Jungen und ist überrascht, wie traditionell diese sich Familienmodelle vorstellen. «Viele alte Muster halten sich hartnäckig.» Er sieht die Gründe in der Erziehung. «Für meinen Sohn zum Beispiel ist es ganz natürlich, dass ich den Haushalt schmeisse.» Gmür sieht bei der Gleichstellung noch viel Luft nach oben. Er begrüsst daher den Frauenstreik. Nebst Lohngleichheit, die zwingend sei, um als Familie ein passendes Modell zu wählen, brauche es Veränderungen im Denken bei Mann und Frau. «Viele Männer sind der Meinung, dass sie der Haupternährer sein müssen. Dabei fällt keinem einen Zacken aus der Krone, wenn es umgekehrt ist.» Andererseits gebe es Frauen, welche ihrem Mann zu wenig zutrauen.

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