Der Luzerner Ständerat Damian Müller fordert mehr Geld für Assistenzhunde von Kindern

IV-Stellen sollen kranke Kinder finanziell stärker unterstützen können. Das fordert der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller. Darum hat er jetzt eine Motion eingereicht. 

Yasmin Kunz
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Die Welpen Cookie (links) und Cajou mit Besitzerin und Trainerin Prisca Kaufmann bei sich zu Hause in Rothenburg . Einer der Labradore soll zum Epilepsie-Assistenzhund ausgebildet werden und im Seetal zum Einsatz kommen.

Die Welpen Cookie (links) und Cajou mit Besitzerin und Trainerin Prisca Kaufmann bei sich zu Hause in Rothenburg . Einer der Labradore soll zum Epilepsie-Assistenzhund ausgebildet werden und im Seetal zum Einsatz kommen.

Bild: Dominik Wunderli
(4. Dezember 2019)

Krämpfe, Zuckungen, Bewusstseinsstörungen: Epilepsieanfälle haben viele Gesichter und sind im Vorfeld nur schwer zu erkennen. Bei Epilepsie handelt es sich um eine vorübergehende plötzliche Funktionsstörung des Gehirns, wobei sich Nervenzellen krankhaft entladen.

Es gibt zwar Medikamente, aber diese sind nicht in jedem Fall wirksam. Wie etwa bei Carmen, einem Mädchen im Primarschulalter aus dem Seetal. Bei ihr haben die Medikamente markante Wesensveränderungen, starke Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten hervorgerufen (Ausgabe vom 4. November 2019). Darum hat sie diese nach Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt und stattdessen einen Epilepsie-Begleithund angeschafft. Die Anschaffung eines solchen «EpiDogs» ist jedoch teuer. Mittels Crowdfunding konnten innerhalb von drei Wochen 20'000 Franken gesammelt werden und die Finanzierung von Carmens Hund ist daher gesichert. Die Gesamtkosten eines Begleithundes belaufen sich auf ungefähr 25'000 Franken. Ein Grossteil der Kosten muss für die Ausbildung des Tiers aufgewendet werden. Ein Assistenzhund hat die Fähigkeit unter anderem mit seinem Geruchsinn, Anfälle zu erkennen, bevor sie eintreffen.

Frühe Erkennung reduziert Folgebehandlungen

Bis dato zahlt die Invalidenversicherung (IV) mit einem Pauschalbetrag von 15'500 Franken rund 50 Prozent der Kosten alle acht Jahre an einen Assistenzhund für schwer körperbehinderte Erwachsene.

Damian Müller

Damian Müller

PD

Genau da will der Luzerner FPD-Ständerat Damian Müller ansetzen. Der Politiker aus Hitzkirch hat dieser Tage im Ständerat eine Motion eingereicht, in der er den Bundesrat zum Handeln auffordert. Er beauftragt die Landesregierung, dem Parlament einen Entwurf zu unterbreiten, der die Grundlage schafft, dass die IV die Kosten für Assistenzhunde für Kinder und Jugendliche im gleichen Mass übernimmt wie bei erwachsenen Personen. Im Gespräch erläutert Damian Müller: «Wenn mit einem solchen Hund epileptische Anfälle früh erkannt werden können und dadurch sogar ein Anfall vermieden werden kann, ist das eine sinnvolle präventive Massnahme.»

Motion stösst auf offene Ohren 

Es sei für ihn «stossend», dass Kinder und Jugendliche bei der Beschaffung eines «EpiDogs» nicht finanziell unterstützt werden. Müller sagt: 

«Es handelt sich um eine kleine Massnahmen, die grosse Wirkung erzielen kann.»

Damit würde man letztlich Kosten einsparen. Damian Müller macht ein Beispiel: «Wird ein Kind aufgrund eines epileptischen Anfalls schwer krank oder gar behindert, dann ist primär das Leid für die Familie gross und sekundär kostet die Behandlung dann deutlich mehr als der Beitrag der IV für einen ‹EpiDog›.» Seit Montag hat der Luzerner Ständerat – der im vergangenen Oktober im ersten Wahlgang für eine zweite Legislatur gewählt wurde – im Parlament dafür Unterschriften gesammelt. Das Fazit: Bis gestern wurde Müllers Motion von mehreren Bundespolitikern aus allen Parteien mitunterzeichnet.

IV Luzern: «Zweifelsohne ein erstrebenswertes Ziel»

Der Antrag zur Gesetzesänderung kommt auch bei der IV-Stelle des Kantons Luzern, die unter dem Dach von «Wirtschaft Arbeit Soziales» (WAS) läuft, gut an. Hanspeter Spini, Geschäftsfeld-Leitungsmitglied und Bereichsleiter Leistungen Jugendliche und Erwachsene, findet es «zweifelsohne ein erstrebenswertes Ziel», EpiDogs bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen mitzufinanzieren. Er erklärt: «Auch Minderjährige, bei denen die Anfälle medikamentös nicht erfolgreich verhindert werden können, müssen jederzeit mit Anfällen rechnen. EpiDogs erkennen, wenn sich ein solches Ereignis anbahnt.» Die Begleithunde würden nicht nur zu mehr Sicherheit im Alltag führen, sondern zugleich auch medizinische Behandlungen wie etwa die Folgen eines Sturzes reduzieren. Darum, so Spini, «braucht es eine Anpassung der Hilfsmittelverordnung».

Wie viele Gesuche bisher bei WAS IV in Luzern für EpiDogs eingegangen sind, lässt sich nicht beziffern. Spini schätzt, dass es sich um eine Handvoll handelt. Da Eltern von Kindern um die Hilfsmittelverordnung wissen, stellen sie erst gar kein Gesuch. Im Moment werden keine EpiDogs von WAS IV Luzern mitfinanziert. Spini vermutet, dass mit einer allfälligen Änderung der Hilfsmittelverordnung «sich die Zahl der Gesuche im Rahmen halten würde». Zudem weist er darauf hin, dass nicht jede versicherte Person Anspruch auf einen Begleithund hat. Etwa dann, wenn der Hund medizinisch nicht erforderlich ist oder die Person schwer mehrfach behindert ist. Ferner betont Spini, dass viele Patienten, die an Epilepsie leiden, gut auf Medikamente ansprechen würden.

20'000 Kinder leiden in der Schweiz an Epilepsie

Ebenfalls begrüsst wird der Vorstoss vom Verein «EpiDogs for Kids» mit Sitz in Lufingen (ZH). Deren Präsidentin Madlaina Blapp sagt: «Dieses Anliegen ist aus unserer Sicht zu befürworten. Über eine entsprechende Anpassung bei der Verordnung würden wir uns sehr freuen.» Sie findet, dass Epileptiker wie Besitzer von Blindenführhunden den Anspruch haben sollten, von der IV finanziell unterstützt zu werden. In der Schweiz sind zirka 80'000 Menschen von Epilepsie betroffen, davon rund 20'000 Minderjährige. Bei einem Drittel ist die Epilepsie unheilbar oder nur schwer einstellbar. Heisst: Die Medikamente schlagen nicht wie gewünscht an. Doch nicht für alle Betroffenen würde sich ein EpiDog eignen. «Ein Begleithund benötigt viel Zeit. Und die Ausbildung ist anspruchsvoll.»

Carmen aus dem Seetal erhält Anfang 2020 einen Hund

Aktuell würde auf Initiative des Vereins die Arbeit der EpiDogs dokumentiert, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Doch schon heute ist laut Blapp klar, dass das Tier Anfälle frühzeitig wahrnehmen, anzeigen und folglich auch verhindern kann. Zudem würden im Beisein des Hundes epileptische Anfälle seltener und deren Dauer eher verkürzt. Für das Mädchen aus dem Luzerner Seetal beginnt Anfang 2020 ein neuer Lebensabschnitt mit einem «EpiDog»: Die drei Welpen aus der Labradorzucht in Rothenburg sind auf der Welt. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, welches Jungtier sich zu Carmen hingezogen fühlt. In der Regel wird der Hund im Alter von drei Monaten in die Familien gegeben.

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