Der Musterschweizer aus Afrika

Daniel Schriber
Drucken
Teilen
Er hat sich hier innert kurzer Zeit eine Existenz aufgebaut: Numan Sheik Said am Donnerstagabend bei der Luzerner Steinenstrasse.

Er hat sich hier innert kurzer Zeit eine Existenz aufgebaut: Numan Sheik Said am Donnerstagabend bei der Luzerner Steinenstrasse.

Es bräuchte weit mehr als eine Zeitungsseite, um die ganze Geschichte von Numan Sheik Said zu erzählen. Die Geschichte von einem Jungen aus Somalia, der sich nach seiner Schulzeit auf den Weg in den Sudan machte, um dort Wirtschaft und Politwissenschaften zu studieren und als Mann in seine Heimat zurückzukehren. Von einem, der sich dafür einsetzte, dass auch Mädchen die Schule besuchen dürfen – und dafür von einer radikalislamistischen Bewegung mit dem Tod bedroht worden war und damit zum Flüchtling wurde. Numan Sheik Said hat in seinen 28 Jahren Dinge erlebt, welche die meisten Schweizer – wenn überhaupt – nur aus den Nachrichten kennen. Nein, eine Seite würde ganz sicher nicht reichen.

Deshalb wollen wir hier auch nicht zu sehr in die Vergangenheit blicken, sondern vor allem nach vorne. So, wie es Numan Sheik Said auf dem Bild unserer Fotografin tut. So, wie es der junge Afrikaner eigentlich immer tut.

Dankbar und glücklich

Sheik Said erscheint pünktlich zum Gespräch in einem Lokal an der Zürichstrasse. Er trägt ein schickes Jackett, einen Knopf zugeknöpft, darunter ein hellblaues Hemd, perfekt gebügelt. Etwas gestresst sei er. Gerade erst ist er von der Arbeit nach Hause gekommen, von seinem Job in der Fleischverarbeitung bei der Firma Bell. Jeden Morgen nimmt er kurz vor sieben den Zug und fährt nach Zell zur Arbeit. Bis er abends zurück ist, kann es auch mal 20 Uhr werden. Aber er beklagt sich nicht – im Gegenteil. Sheik Said beteuert mehrfach, wie glücklich er sei. Wie nett alle seien, die Kollegen, der Chef. Man merkt schnell: Das ist ein dankbarer Mann. Bescheiden, ruhig, sehr nett, aber auch äusserst zielstrebig. Ein Mensch voller positiver Eigenschaften – trotz oder vielleicht auch wegen seiner Geschichte.

Dann legt er ein Couvert auf den Tisch. «Hier, für Sie.» Es sind Zeugnisse von seinen Arbeitgebern und Kopien seiner Hochschuldiplome. «Wir können Herrn Sheik Said als einsatzfreudigen und motivierten Mitarbeiter jederzeit empfehlen», heisst es in einem der Dokumente. Und: «Wir freuen uns, Herrn Sheik Said das Zeugnis eines sehr sorgfältig arbeitenden, gewissenhaften und selbstständigen Mitarbeiters auszustellen.» Er lächelt. Er ist stolz auf das, was er hier in der Schweiz schon alles erreicht hat. Der Somalier hat es geschafft, sich in seinen vier Jahren in der Schweiz eine eigene Existenz aufzubauen. Feste Anstellung, anständiger Lohn, eigene Wohnung. Ausserdem wird sein Deutsch besser und besser. «Ich verstehe fast alles, aber das Reden bereitet mir Mühe.» Trotzdem spricht er während des ganzen Interviews Deutsch. Er weiss: Nur wenn er übt, wird er besser. Das ist auch der Rat, den er allen anderen Flüchtlingen und Asylbewerbern geben will. «Es bringt nichts, zu Hause zu sitzen und vom Staat zu leben. Junge Leute sollten rausgehen und hart für ihre Ziele arbeiten!» Wenn er spricht, klingt er manchmal schweizerischer als manch ein «Bünzli».

Jetzt gerade hat er sich zum Ziel gesetzt, die Autoprüfung zu machen. Am Freitagabend besuchte er deshalb den ersten Nothelferkurs. In Somalia hat er für 200 Dollar den Führerschein gemacht. «Hier ist alles viel teurer, aber das muss sein.» Wenn seine Frau, die derzeit in Uganda lebt, irgendwann in die Schweiz kommt, will er mobil sein.

Schon früh versuchte Sheik Said zudem, mit Schweizern in Kontakt zu treten. Sein bester Freund bei der Arbeit ist ein Schweizer, Daniel. «Er ist wie ein Bruder für mich», sagt der Somalier. «Er war von Beginn an für mich da und unterstützt mich bei all meinen Plänen.» Dabei sind sie doch so unterschiedlich. Daniel, der Schweizer, und Numan, der Somalier. Der Muslim betet jeden Tag fünf Mal, trinkt keinen Alkohol und besucht regelmässig eine Moschee in Ebikon. Dennoch betont er, dass es ihm keine Rolle spiele, ob jemand muslimisch, katholisch, jüdisch oder sonst etwas sei. «Jeder soll das glauben, was er für richtig hält. Ich möchte mit allen Menschen friedlich zusammenleben.»

Kleine Wohnung ohne WC

Nach dem Interview – er besteht darauf, die Rechnung zu übernehmen – regnet es in Strömen. Ein Sturm fegt über Luzern. «Macht nichts!», sagt Sheik Said. Schliesslich wohnt er gleich auf der anderen Strassenseite. Nach einem kurzen Sprint befinden wir uns in einem Treppenhaus eines Mietshauses. «Ich mag die farbigen Häuser hier», sagt Sheik Said.

Er führt uns die Holztreppe hoch in den Dachstock des Gebäudes. Hier wohnt er. Die Wohnung ist keine Wohnung, sondern ein grösseres Zimmer. Sofa, Tisch, Laptop, Teppich. An der Wand einige Fotografien und Dokumente aus der Heimat. Draussen vor dem Zimmer – zwischen massiven Holzbalken und Wäscheleinen – ein Herd mit zwei Platten, daneben ein kleiner Tisch. «Hier koche und esse ich», sagt Sheik Said. Als der Vermieter erstmals seine «Kochnische» entdeckt habe, sei dieser erschrocken, lacht der Somalier. Numan Sheik Said braucht nicht viel Platz für sich. Aber eines fehlt ihm hier: eine eigene Toilette. Diese muss er mit anderen teilen – ausserdem befindet sie sich ganz unten im Haus. Mittlerweile hätte er genügend Geld, sich eine grössere Bleibe zu leisten. Ganz so einfach ist das für einen Flüchtling aus Somalia in einem ausgetrockneten Immobilienmarkt wie Luzern aber nicht. Es ist spät geworden. Sheik Said wird noch was essen, mit seiner Frau Zainabu skypen – und dann schlafen. Bevor er sich jedoch verabschiedet, erzählt er noch von seinem Traum.

Numan Sheik Said, 28-jährig, träumt davon, irgendwann in seine Heimat zurückzukehren. In ein Land, in dem seit 1988 der Bürgerkrieg tobt. Er glaubt fest, dass in Somalia bald Frieden einkehrt. «Vielleicht in fünf, vielleicht auch erst in zehn Jahren.» Wenn es so weit ist, will er mithelfen, sein Land wieder nach oben zu bringen. Er will eine Partei gründen und sein Zuhause nach dem Vorbild der Schweiz aufbauen. Demokratie, Sozialwerke, Krankenkassen – und ganz sicher frei von Korruption. «Und wenn ich dafür Präsident werden muss.»