Den Naturjuuz aus dem Muotatal gibt es jetzt auch auf einer Lern-CD

Seit seiner Kindheit ist Bernhard Betschart eng mit dem Juuzen verbunden. Jetzt will er seine Techniken weitergeben.

Christof Hirtler
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Die Mitglieder der Muotathaler Naturjuuz-Gruppe «Natur Pur» (von links): Kurt Gwerder, Daniel Schmidig, Bernhard Betschard, Christian Gwerder und Heinz Gwerder.

Die Mitglieder der Muotathaler Naturjuuz-Gruppe «Natur Pur» (von links): Kurt Gwerder, Daniel Schmidig, Bernhard Betschard, Christian Gwerder und Heinz Gwerder.

PD

Das Singen ohne Worte ist weltweit verbreitet, bei indigenen Völkern in den USA, bei den Ureinwohnern im Polarkreis oder bei den Pygmäen in Zentral­afrika. Wie weit die Ursprünge des wortlosen Gesangs zurückreichen, ist unklar. Man weiss, dass sich Hirten zwischen entfernten Alphütten zuriefen, Älpler das Vieh mit «Kuhreihen» zum Melken lockten oder Holzfäller sich mit Rufen und Jauchzen verständigten.

Im rauen, abgeschiedenen Muotatal entwickelte sich eine einzigartige Form des Gesangs: der Juuz. Dies interessierte den deutschen Musikforscher Wolfgang Sichardt. Er war der erste Musikethnologe, der 1936 explizit den archaischen Muotataler Juuz erforschte und Tonbeispiele aufnahm. 1983 und 1984 besuchte der schweizerisch-französische Musikethnologe und Filmer Hugo Zemp das Muotatal und drehte vier Dokumentarfilme über das Juuzen. Diese Filme wurden vom französischen «Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung» (CNRS) weltweit vertrieben. Als Geschenk erhielten die Muotataler Juuzer die Filme auf Videokassetten. Auch die Familie von Bernhard Betschart.

Mit Juuzen aufgewachsen

Bernhard Betschart ist mit sechs Geschwistern auf dem stotzigen Bergbauern-Heimet Zinglen aufgewachsen. Die Kinder mussten überall mithelfen, etwa im Stall oder beim Heuen. Oft wurde in einer Arbeitspause oder wenn Besuch kam gejuuzt. Die Familie trat auch gemeinsam öffentlich auf. Nach der Schule half Bernhard Betschart weiterhin den Eltern auf dem Betrieb, im Winter arbeitete er auf dem Bau. «Damals wollte ich von der Volksmusik nichts mehr wissen. Ich war ein Rebell, wollte ausbrechen, hörte Rock ’n’ Roll», sagt Betschart. «Das Juuzen hatte ich zur Seite gelegt. Ich war 18 Jahre alt, als ich mir die Filme von Hugo Zemp wieder ansah. Die Juuzer von drei Männern, die ‹Fluähöflers›, zogen mich in den Bann.» Stundenlang hat Betschart alte Tonbandaufnahmen angehört und suchte nach historischen Tondokumenten. Das Feuer war wieder da: Mit seinem Freund Daniel Schmidig juuzte er spontan im Ausgang oder im Militär. 2007 gründeten sie gemeinsam «Natur pur», eine Gruppe von fünf Männern, die sich der archaischen Form des Juuzens verschrieben hat. Gejuuzt wird nach überlieferten, traditionellen Melodien. Bertschart sagt:

«Das ist unsere Art, Gefühle auszudrücken, ohne Worte, das kommt von ganz tief innen.»

Un weiter: «Die Jüüzli klingen darum nicht nur freudig, sondern oft melancholisch. Einige wirken gar wild und verdreht. Auffallend für das Ohr von Laien sind die ‹schräg› klingenden Töne der Naturtonreihe. Dies ergibt beim mehrstimmigen Singen ungewohnte, für viele Ohren dissonant klingende Intervalle.»

Das Juuzen droht zu verschwinden

Früher wurden Jüüzli beim Eintreiben der Kühe oder beim Melken gesungen. «Heute wird das Juuzen nicht mehr spontan im bäuerlichen Alltag eingebaut», sagt Betschart. «Die Hektik und die Mechanisierung lassen dies kaum mehr zu. Ich will dem Juuzen wieder mehr Raum geben. Es liegt mir am Herzen, dass uns der Naturjuuz in seiner überlieferten Form noch lange erhalten bleibt.»

Betschart lebt von der Musik. Er ist mit dem «Pirmin Huber Ländlerorchester» und dem Männerchor «Heimweh» unterwegs, spielt Rockmusik mit der Band «Black Creek» oder geht mit «Natur pur» international auf Tour.

Neben den vielen Engagements gibt er Naturjuuz-Workshops, vor allem in München, Berlin oder Zürich. «Die Menschen in den Städten sehnen sich nach Ruhe und Ursprünglichkeit», sagt Betschart. «Der Naturjuuz berührt die Seele. Es braucht keine Worte, keine Noten. Gesungen wird nach Gehör.»

Bei seinen Workshops wurde Betschart oft gefragt, ob man diese Jüüzli hören und üben könnte. So entstand die Idee, zwei Lern-CDs aufzunehmen. Die beiden Lern-CDs «juuzä wiä im Muotatal», für EinsteigerInnen und Fortgeschrittene, enthalten 20 traditionell überlieferte Jüüzli, zwei archaische «Chuäreihäli» und die typischen Juuz-Techniken. Betschart hat die Naturjüüzli im Studio aufgenommen, alle Stimmen wurden von ihm einzeln abspielbar ­eingesungen. Die jeweiligen Einzelstimmen ermöglichen das einfache Erlernen der Jüüzli.

Die Lern-CDs können unter www.bernhardbetschart.com bestellt werden.