Kommentar

Der neue Corona-Liberalismus in Luzern und Zug zeigt Erstaunliches

Die Coronakrise bringt eine neue Unkompliziertheit. Ein paar Beispiele.

Robert Knobel
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Wussten Sie, dass Luzern wohl die einzige Stadt der Welt ist, in der selbst die Zahl der Marroniverkäufer strengstens reglementiert ist? Wenn ja, dann erstaunt es Sie vermutlich auch nicht, dass vor kurzem noch städtische Kontrolleure in der Altstadt unterwegs waren, um mit blauer Farbe die exakten Standorte von Bistrostühlen auf den Asphalt zu pinseln. Tempi passati. Inzwischen sind die blauen Kreuzchen Makulatur – in einem beispiellos unbürokratischen Akt hat die Stadt Luzern den Beizen erlaubt, ihre Tische und Stühle über die blauen Grenzen hinaus zu platzieren.

Ein weiteres Beispiel: Um den Publikumsverkehr im Luzerner Stadthaus zu reduzieren, werden neuerdings die aktuellen Baugesuche mit sämtlichen Unterlagen im Internet aufgeschaltet. Der Stadtrat hatte das «elektronische Baugesuch» in diesem Frühling kurzfristig eingeführt, nachdem er das Vorhaben während Jahren vor sich hergeschoben hatte. Es brauchte offenbar Corona, um zu zeigen, dass das alles keine Hexerei ist.

Apropos Elektronik: Noch vor wenigen Monaten musste man sich als schlechter Mensch fühlen, wenn man es wagte, ohne Geld im Portemonnaie einen Laden zu betreten. Und heute? «Kartenzahlung trägt zur Hygiene bei», heisst es neuerdings an der Kasse. Keine bösen Blicke der Verkäuferin mehr, wenn man das Plastikgeld zückt. Keine verzweifelte Suche mehr nach der Bäckerei, in der man auch dann Brot kaufen kann, wenn man gerade kein Kleingeld zur Hand hat. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Selbst im deutlich liberaleren Zug schafft die aktuelle Krise Erstaunliches. Da die traditionelle Bundesfeier am 1. August nicht stattfinden kann, hat die Stadt Zug kurzerhand ein Strassenmusikfestival aus der Taufe gehoben – ein Anlass, für den zu normalen Zeiten wohl eine mehrjährige Vorlaufzeit inklusive Konzeptevaluation, OK und zig involvierten Stellen als nötig befunden worden wären.

Die Krise bringt also nicht nur Einschränkungen und Verbote, sondern auf der anderen Seite auch eine neue Unkompliziertheit. Mit Erstaunen stellen wir dabei fest: Das städtische Leben funktioniert weiterhin bestens – auch wenn die Luzerner Wirte ein paar Zentimeter Trottoir mehr für sich beanspruchen und die Zuger anstelle von staatlich geprüften 1.-August-Rednern nun ein Spontan-Musikprogramm vorgesetzt bekommen.

Der neue Pragmatismus, gewürzt mit einer Prise Gelassenheit, steht uns gut an. Und es gilt, ihn in die Nach-Corona-Zeit hinüberzuretten. Es ist ermutigend, dass ausgerechnet Politik und Verwaltung hier mit gutem Beispiel vorangehen.

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