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Der Niedergang der Kinobranche im Kanton Luzern ist gestoppt – fürs Erste

Im digitalen Zeitalter haben die Kinos einen schweren Stand. Immerhin sind die Besucherzahlen im letzten Jahr wieder etwas gestiegen.

Fabienne Mühlemann
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Gute Nachrichten für die Kinobetreiber: Nach dem schwachen Jahr 2018 – es gab gemessen an Eintritten einen Negativrekord – sind im vergangenen Jahr wieder mehr Filmbegeisterte in die Kinosäle gepilgert. Die Besucherzahlen sind im Kanton Luzern gegenüber dem Vorjahr um 2,2 Prozent gestiegen, wie provisorische Zahlen von Procinema zeigen.

Schweizweit gab es gar einen Anstieg um 5 bis 6 Prozent. «2019 war ein gutes Jahr für die Kinos», sagt Nina Lauener, Medienverantwortliche von Pathé. Frank Braun von Neugass Kino AG ergänzt:

«Der Zuschauerrückgang von 2018 war gesamtschweizerisch so stark wie noch nie, seit dieser statistisch erhoben wird. Dass dieser Rückgang gebremst werden konnte, war eigentlich zu erwarten.»

Es gehen also nach wie vor zahlreiche Leute ins Kino. Wobei der Kanton Luzern eigentlich nicht mit einer breiten, vielfältigen Kinolandschaft aufwarten kann. Zumal in der vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Kinos verschwunden sind:

Zur Geschichte der Kinos in Luzern geht es hier.

Wer heute einen Film auf Grossleinwand sehen will, kann das vor allem in der Stadt Luzern und in der unmittelbaren Nähe. Hinter den noch vorhandenen Kinos stecken fünf verschiedene Betreiber, die zusammen sieben Kinos im Kanton betreiben, die Procinema zur Statistik zählt: Das Maxx in Emmenbrücke sowie das Capitol und das Moderne in Luzern werden von der Kitag AG geführt, das Kino in der Mall of Switzerland in Ebikon von Pathé, das Bourbaki von der Neugass Kino AG und das Stattkino von Peter Leimgruber.

Auf der Landschaft findet man nur gerade ein Kino: nämlich das Cinebar in Willisau, welches Beat Bossert gehört. Zusammengerechnet werden in 33 Kinosälen im Kanton Vorführungen gezeigt. Ebenfalls zur Statistik von Procinema wird der Kinoclub in Sursee gezählt, der mittlerweile jedoch nur noch einmal pro Monat im Stadttheater einen Film abspielt. Das Kino Sursee hat seinen kommerziellen Betrieb 1997 aufgegeben.

So geht es den Kinos in Luzern

Die Kinobetreiber geben sich mit offiziellen Zahlen bedeckt. So äussert sich die Kitag AG, der grösste Kinobetreiber im Kanton, nicht zum Jahr 2019. Im Pathé in der Mall in Ebikon wachse die Besucheranzahl seit der Eröffnung im November 2017 stetig. «Das Pathé Ebikon konnte im Jahr 2019 ein Besucherwachstum im zweistelligen Prozentbereich vorweisen», so Nina Lauener erfreut. Gründe dafür sieht sie unter anderem in der Technik: «Mit einem IMAX und einem 4DX-Saal sowie Laserprojektion in allen übrigen Sälen verfügt das Pathé Ebikon über herausragende Technik, was für unsere Besucher sehr attraktiv ist und ein besonderes Kinoerlebnis bietet», so Lauener.

Auch das Stattkino, welches ausschliesslich Arthouse-Filme anbietet, konnte «in der Tendenz leicht mehr Kinoeintritte verzeichnen als im Vorjahr», sagt Geschäftsleiter Peter Leimgruber. Ein Renner sei vor allem der Film «Systemsprenger» gewesen. Leimgruber zieht jedoch ein negatives Fazit zum Kinojahr 2019:

«Es war für uns ein unterdurchschnittliches Jahr. Das Filmangebot im Arthouse-Bereich ist nach wie vor gut, jedoch für das Publikum überfordernd.»

Arthouse-Filme sind solche ausserhalb des Mainstreams und anspruchsvoller. Es werden also keine Blockbuster oder Hollywood-Produktionen gezeigt. Ob das Jahr 2020 für das Stattkino ein besseres werde, ist laut Leimgruber schwer vorherzusagen.

Peter Leimgruber führt das Stattkino in Luzern seit Jahren.

Peter Leimgruber führt das Stattkino in Luzern seit Jahren.

Pius Amrein, Luzern, 9. Januar 2017 

Weniger regionale Filme

Das Kino Bourbaki, welches sich im gleichen Gebäude wie das Stattkino befindet, konnte das Niveau vom Vorjahr ebenfalls halten. Filme wie «Green Book», dem Oscar-Spitzenreiter des vergangenen Jahres, die beiden Schweizer Filme «Zwingli» und «Bruno Manser» sowie der Kletterdokumentarfilm «Free Solo» und «Parasite» aus Südkorea lockten laut Frank Braun besonders viele Zuschauer ins Bourbaki. Dieses setze in erster Linie auf neue, unabhängig produzierte Spiel-, Animations- und Dokumentarfilme, die aktuelle Themen aus allen Kulturkreisen auch provokativ und kontrovers aufgreifen. «Zusätzlich wird das Programm durch kommerziellere Produktionen ökonomisch abgesichert», so Frank Braun, Mitglied der Geschäftsleitung der Neugass Kino AG.

Blick ins Kino Bourbaki 1 in Luzern

Blick ins Kino Bourbaki 1 in Luzern

Pius Amrein, Luzern, 17. März 2017

Das Cinebar in Willisau verzeichnete ein durchschnittliches Jahr. «In den letzten beiden Jahren waren eher weniger Besucher da als zuvor», sagt Beat Bossert. Das habe zwei Gründe. «Einerseits fehlten schlicht die regionalen Filme», so Bossert. Filme wie «Köhlernächte» (2017), «Das Mädchen vom Änziloch» (2017) oder «Die Kinder vom Napf» (2011) lockten wegen der regionalen Nähe viele Leute ins Willisauer Kino. Manchmal kamen die Schauspieler auch persönlich vorbei, um den Film vorzustellen. «Ich schaue immer wieder nach, ob etwa Robert Müller, der Regisseur von ‹Köhlernächte›, an einem Film arbeitet», sagt Bossert. Zurzeit sähe es aber nicht danach aus. Als zweiten Grund nennt Bossert das schöne Wetter von Mai bis Oktober, welches ihm weniger Besucher beschert habe.

Beat Bossert in seinem Kino in Willisau

Beat Bossert in seinem Kino in Willisau

Roger Grütter, Willisau, 15. Mai 2017

Fehlende Sportanlässe, gute Filme

Der schweizweite Anstieg der Besucherzahlen dürfte für die Kinobranche fürs Erste beruhigend sein, insbesondere weil das Angebot an Streamingdiensten immer grösser wird. Netflix und Co. sind im Aufwind. Trotzdem konnten sich die Kinos halten. Was konkret den Ausschlag für den Anstieg gegeben hat, ist schwer zu sagen. «Grundsätzlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle für ein gutes Kinojahr», heisst es bei der Kitag. So locken starke Filmproduktionen die Leute ins Kino. «Aber auch Umwelteinflüsse wie das Wetter oder fehlende Sportanlässe spielen eine Rolle», so die Kitag.

In der Tat fehlten grössere Sportanlässe im letzten Jahr. Mit Produktionen wie dem nostalgischen «The Lion King» oder «Joker», der einen neuen Aspekt in die Comic-Filme einbringen konnte, überraschten die Filmemacher die Zuschauer. Und auch die «Avengers» brachten wieder viele Leute in die Kinosäle. Nina Lauener von Pathé:

«Natürlich locken grosse Blockbuster mehr Kundschaft ins Kino. Aber nur, wenn unsere Gäste mit dem Erlebnis und dem Service im Kino zufrieden sind, kommen sie auch gerne wieder.»
«The Lion King» ist der meistgesehene Film in der Schweiz im Jahr 2019.

«The Lion King» ist der meistgesehene Film in der Schweiz im Jahr 2019.

AP

Solche Blockbuster zeigt Beat Bossert in Willisau kaum. Er fokussiert sich eher auf Nischenfilme sowie Schweizer und Familienfilme und zeigt auch mal Dokumentationen. «Ich stimme mein Programm auf die Stammkundschaft ab, die 80 Prozent meiner Besucher ausmachen», so der Willisauer, der das Kino bereits seit über 20 Jahren führt. Diese sei vorwiegend älter und weiblich. Doch wie kann man als kleines Kino heute noch bestehen? Der Punkt ist folgender: Beat Bossert hat mit seinem Kino, welches über 61 Sitze auf vier Reihen verfügt, im Hinterland keine Konkurrenz. «Meine Besucher wollen nicht in die Stadt fahren, um einen Film zu sehen. Somit spürte ich zum Beispiel keine Veränderung, als das Pathé in Ebikon eröffnete», so Bossert.

Noch keine Trendwende in Sicht

Geht es nun also wieder aufwärts mit dem Kino? Es sei noch etwas früh, um von einer Trendwende zu sprechen, so Lauener von Pathé. «Aber die Tendenz geht in eine erfreuliche Richtung.» Weniger optimistisch ist Frank Braun. «Anzeichen einer Trendwende wären vorhanden, hätte der starke Rückgang vom Vorjahr wieder mehr als wett gemacht werden können.» Dies sei aber nicht der Fall:

«Die grösste Herausforderung für die Kinobranche besteht im Überangebot an Filmen und deren immer einfacher werdenden Konsumierbarkeit über digitale Kanäle.»

Trotzdem dürfte 2020 ein erfreuliches Kinojahr werden. Denn im April erscheint der neue James-Bond-Film «Keine Zeit zu sterben». Ein Blick auf die Statistik zeigt: Jedes Jahr, in welchem ein «Bond» erschienen ist, schlägt die Besucherkurve nach oben aus. So erschien im Jahr 2012 «Skyfall» und 2015 «Spectre». «Generell weckt der neue Bond-Film berechtigterweise hohe Erwartungen», so Braun. Ein solcher Film könne einer Jahresstatistik den entscheidenden «Boost» geben.

Aber ebenso wichtig sei ein breites Mittelfeld. «Es zeichnet sich aktuell mit «Platzspitzbaby» bereits zum Jahresbeginn ab, dass auch 2020 wieder starke und publikumswirksame Schweizer Filme dazu gehören werden.»

Doch Braun appelliert auch an die Kinobranche:

«Allein mit grossen Aktionen, wie dem Gesamtschweizerischen Kinotag Anfang September, ist es nicht getan.»

Entscheidender seien gute und interessante Filme. «Ausserdem müssen Kinos auch bei ihrer Gastgeberrolle weiter auf Qualität setzen.»