So verrückt: Zeller Verein hat Pendelzug vor der Verschrottung gerettet

Er steht zwar in Zell auf dem Abstellgleis, ist aber keineswegs ausgemustert: Der Pendelzug Mirage, Jahrgang 1966, legt gut 4000 Kilometer jährlich zurück – dank einem Verein, der von einem Lottogewinn träumt.

Evelyne Fischer
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Vereinsmitglied Hanspeter Bigler aus Thun montiert Steckdosen für die zusätzliche Energieversorgung. (Bild: Pius Amrein, Zell, 11. August 2018)

Vereinsmitglied Hanspeter Bigler aus Thun montiert Steckdosen für die zusätzliche Energieversorgung. (Bild: Pius Amrein, Zell, 11. August 2018)

«Ehrensache, kann man bei uns im Führerstand mitfahren.» Was bei den Bundesbahnen mehrere hundert Franken kostet, gibt’s bei Ausflügen mit dem ausrangierten, aber fahrtüchtigen Pendelzug Mirage umsonst. Die Schienenperspektive, den Blick auf jene Schneise, die Felder und Wälder durchquert – Daniel «Dänu» Führer und sein Verein machen es möglich (siehe Box unten). «Man muss nur nett fragen», sagt der 40-Jährige und lacht.

Der Krienser, der ursprünglich unüberhörbar aus dem Bernbiet stammt, präsidiert die Truppe seit 2016. In dieser haben sich nicht nur Bähnler zusammengefunden, sondern auch Lehrer und Hausfrauen aus der Region. Wir treffen den Lokführer und gelernten Mechaniker nach Feierabend beim Industriegleis in Briseck bei Zell. Obwohl sich beim «Pendel» die Fenster noch öffnen lassen, staut sich darin die Wärme.

Aktuell hat sich der Verein dem Ausbau der Minibar verschrieben. Wo einst ein WC war, wird künftig zusätzlich Ware verstaut. Aus dem Gepäckwagen wurde eine rudimentäre Bordküche mit Frischwassertank und grossem Kühlschrank. «Menüs aufzutischen, wäre zu aufwendig. Aber zumindest kühle Getränke, Snacks, Kaffee und Kuchen wollen wir anbieten können», sagt Führer beim Rundgang. Wir treten in den 2.-Klass-Wagen ein. Rot-violette Polster, da und dort etwas abgewetzt. Mittendrin eine Glastür, die ans frühere Raucherabteil erinnert. Dann folgt die 1.-Klass-Komposition: grosszügige Fensterplätze, breite smaragdgrüne Samtpolster. Eine Teppichetage, voll schicker Nostalgie.

Für 4000 Franken geht’s einmal um den Napf

Der Pendelzug Mirage in Domodossola. (Bild: Daniel Führer, 9. Juni 2018)

Der Pendelzug Mirage in Domodossola. (Bild: Daniel Führer, 9. Juni 2018)

Der Pendelzug bietet je nach Formation bis zu 287 Sitzplätzen. Sechs öffentliche Fahrten organisiert der Verein jährlich, etwa nach Domodossola oder nach Einsiedeln. Als Nächstes geht’s am 15. September nach Sargans und zu den Gonzenbergwerken. «Ebenso oft wird der Pendelzug gemietet», so Dänu Führer. Eine gut dreistündige Fahrt rund um den Napf beläuft sich bei 100 Passagieren auf 4000 Franken. Rund die Hälfte muss der Verein für die Benutzung des Trassees abdrücken, das einige Wochen vor dem Ausflug bestellt wird.

Bei den Fahrten steht der Vereinspräsident oft im Führerstand. «Moderne Züge steuert man heute via Joystick, beim ‹Pendel› spürt man die Trägheit der alten Steuerung der 72 Tonnen, die alleine der Triebwagen auf die Waage bringt. Das macht Freude.» Besonders mag Führer die Strecke Wolhusen–Langenthal, wo sich der «Pendel» den Kurven entlangschlängelt. Ebenso gern mischt er sich unter die Passagiere. Er sei ein geselliger Typ. «Wenn die Vereinsmitglieder samstags mitanpacken, gehört für mich ein Bier danach dazu.»

«Bei der Arbeit am Zug muss ich keinen Chef um Erlaubnis bitten, hier kann ich mich ausleben.»

Das Erhalten des historischen Gefährts ist aufwendig und erfolgt – so weit möglich – in ehrenamtlichem Engagement. «Wie viele Stunden wir hier schon verbracht haben? Ich habe nie gezählt», sagt Führer. Denn das Schöne an der Arbeit am Zug sei: «Hier muss ich keinen Chef um Erlaubnis bitten, hier kann ich mich ausleben.» Neben der «Büez» der Instandhaltung statten Führer und Co. die Fahrzeuge mit Raffinessen aus: So lässt sich die Beleuchtung der Passagierabteile ausschalten, um auch Fahrten bei Kerzenschein anzubieten.

Solche Arbeiten verschlingen Zeit – und Geld. «Rein theoretisch könnte der ‹Pendel›, der nach 40 Jahren von der Südostbahn ausgemustert wurde, noch eine Ewigkeit weiterfahren. Es ist bloss eine Frage der Finanzen.»

Neulackierung kostet eine Stange Geld

Mit dem Erlös der Fahrten, mit Gönner- und Spendenbeiträgen sowie dem Jahresbeitrag der Mitglieder werden die laufenden Kosten gedeckt. «100 000 Franken kommen jährlich zusammen, davon können wir, wenn es gut läuft, 20 000 bis 30 000 Franken als Reserve beiseitelegen.» Dieses Polster ist nötig. Der eine Wagen bräuchte eine Neulackierung. Kostenpunkt: 40 000 Franken. Steht bei einem Fahrzeug die Revision an, sind auf einen Schlag 150 000 Franken weg. Gar 200 000 Franken wären nötig, um einen Wagen der einstigen Emmental-Burgdorf-Thun-Bahn von Asbest zu befreien und wieder auf die Schiene zu bringen. «Wir hoffen noch immer, dass einer von uns im Lotto gewinnt», sagt Führer und lacht. «Gern zwei Millionen. Mit der einen würden wir uns eine Wagenhalle samt Werkstatt und Pool leisten, mit der anderen die Führerstandsignalisation.» Denn bis heute fehlt im Triebwagen ein Monitor, der alle Signale elektronisch abbildet. «Mit verdeckten Fenstern zu fahren, kommt daher nicht in Frage», witzelt Führer. Das wäre bei diesem einmaligen Ausblick allerdings auch jammerschade.

Kennzahlen zum Verein

  • 40 Aktiv-, 30 Passiv- und 3 Ehrenmitglieder
  • Anzahl Frauen (aktiv): 10
  • Gegründet: 2008
  • Jahresbeitrag: 60 Franken
  • Maximallänge Pendelzug bei fünfteiliger Komposition: rund 125 Meter
  • Sitzplätze (fünfteilig): 287
  • Anzahl PS Triebwagen: 2856
  • Gewicht Triebwagen: 72 Tonnen
  • Maximalgeschwindigkeit: 110 Stundenkilometer

Hinweis: Weitere Infos zum Verein finden Sie unter www.pendelzug-mirage.ch.

Kantischülerin kaufte Zug

Der Pendelzug Mirage, Jahrgang 1966, verdankt seinen Namen der Schweizer Militärgeschichte der 1960er-Jahre: Wie der Triebwagen hatten auch die damals zu beschaffenden «Mirage»-Kampfflugzeuge der Armee mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen.

Die Vereinsgründung von 2008 geht auf eine Ufhuserin zurück: Martina Egli entdeckt 2005 als 16-jährige Kantischülerin den «Pendel» auf dem Abstellgleis. Einst auf der Strecke Huttwil-Wolhusen im Einsatz, steht er damals kurz vor der Verschrottung. Zum symbolischen Preis von einem Franken kauft Egli den Zug der Oesingen-Balsthal-Bahn ab. Ihr Plan: Zusammen mit Vater Siegfried will sie den «Pendel» wieder in Schuss bringen. Unter dem Titel «Sie träumt vom eigenen Zug» berichtet unsere Zeitung Anfang 2006 darüber. Der Kostenvoranschlag macht Egli 2007 aber einen Strich durch die Rechnung: 230 000 Franken wären für die Renovation nötig. Weil die Schweizerische Südostbahn damals die weit besser erhaltene Schwester der «Mirage»-Komposition ausmustern will, entscheidet sich Egli für das Ostschweizer Pendant. 95 000 Franken treiben sie und ihr Vater auf. Martina Egli heisst heute Scholl, ist Ehrenmitglied im Verein, lebt in Solothurn und arbeitet, nebst ihrem Job als Mutter – wen wunderts – als Zugführerin. (fi)