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Interview

Der riskante Marsch der Gänsesäger durch die Luzerner Altstadt

In diesen Tagen versuchen mehrere Jungvögel, von den Brutplätzen bei der Museggmauer zur Reuss zu gelangen. Experte Urs Petermann gibt Auskunft über die Überlebenschancen – und sagt, warum sich Gänsesäger in der Stadt Luzern besonders wohl fühlen.
Raphael Zemp
Eine Gänsesäger-Mutter mit ihrem Nachwuchs beim St.-Karli-Quai. Bild: PD

Eine Gänsesäger-Mutter mit ihrem Nachwuchs beim St.-Karli-Quai. Bild: PD

Einmal im Jahr hat der Gänsesäger seinen grossen Auftritt in Luzern: Wenn von Mitte April bis anfangs Juli Dutzende flatternde Gefiederbällchen aus Pulver-, Zytturm und Museggmauer purzeln, dabei bis 25 Meter in die Tiefe fallen, nur um danach, angeführt von der Mutter, runter zur Reuss oder zum See zu watscheln, wo sie schliesslich ins Wasser gelangen. Was für die frisch geschlüpften «Pulli» (korrekte Bezeichnung für die «Küken» von Enten) die wohl gefährlichsten Minuten ihres Lebens darstellt, ruft bei Passanten ein spontanes «Jöh »hervor.

Urs Petermann, pensionierter Biologie-Kantonsschullehrer und Mitglied der Ornithologischen Gesellschaft der Stadt Luzern, erklärt, warum tendenziell immer mehr frisch geschlüpfte Gänsesäger-Pulli in die Reuss purzeln – und warum man mutterlose Jungtiere nicht einfach im Wasser aussetzen sollte.

Urs Petermann von der Ornithologischen Gesellschaft der Stadt Luzern. Bild: Boris Bürgisser (15. Januar 2016).

Urs Petermann von der Ornithologischen Gesellschaft der Stadt Luzern. Bild: Boris Bürgisser (15. Januar 2016).

Urs Petermann, wie viele Gänsesäger-Märsche werden von ihren Vereinsmitgliedern sowie Helfern jedes Jahr begleitet und überwacht?

Etwa 20, deren genau Zahl ist schwierig abzuschätzen. Was hingegen bekannt ist: Rund drei Viertel aller Watschelmärsche an die Reuss gehen glücklich und ohne Zwischenfälle aus.

Wo lauern die grössten Gefahren für die jungen Gänsesäger?

Wenn das Muttertier gestresst ist, flüchtet es und lässt ihre Jungtiere alleine. Dieses Verhalten können zu neugierige Touristen provozieren, unvorsichtige Sportler, aber auch Hunde, Krähen und Dohlen. Um dies möglichst zu vermeiden, haben wir grossflächig Info-Blätter an Anwohner und nahe gelegene Läden verteilt. Zwar kehrt die Mutter meist zurück, fliegt über die Jungen hinweg, und es kann oftmals gelingen, dass sie sich wieder den Jungtieren annimmt. Aber längst nicht immer. Bleiben sämtliche Versuche erfolglos, liefern wir mutterlose Jungtiere an die Schweizerische Vogelwarte in Sempach. Dort werden sie aufgezogen und danach im Vierwaldstättersee ausgewildert.

Reicht es nicht, wenn man mutterlose Jungtiere in einem nahrungsreichen Gewässer aussetzt?

So hat es die Polizei anfangs gehandhabt. Inzwischen wissen wir aber, dass dies ihren sicheren Tod bedeutet. Zwar nehmen junge Gänsesäger vom ersten Tag an selber Nahrung zu sich, etwa Insekten auf der Wasseroberfläche. Aber um überleben zu können, brauchen sie zwingend ihre Mutter. Deren Rücken können sie einerseits als Taxi brauchen, wenn sie etwa erschöpft sind. Vor allem aber bewegt sie die Kleinen dazu, in regelmässigen Abständen mit ihr das kalte Wasser zu verlassen und wärmt sie anschliessend unter ihrem Gefieder wieder auf. Ohne Mutter verlassen sie das Wasser nicht, unterkühlen im unzureichend isolierenden Daunenkleid – und sterben.

Eine erste Gänsesäger-Brut wurde in Luzern im Jahr 2000 beobachtet – am Männliturm. Seither hat die Anzahl der frisch geschlüpften Gänsesäger-Pulli stetig zugenommen – auf mindestens 225 aus 27 Bruten im letzten Jahr. Wie erklären Sie sich diesen markanten Anstieg?

Den Gänsesägern scheint es hier in Luzern gut zu gefallen. Das liegt einerseits an den guten Brutmöglichkeiten: zumeist grosse und tiefe Löcher in der Museggmauer, noch viel mehr aber bei deren Türmen, wie Pulver- und Zytturm. Andererseits liegt das auch am guten Nahrungsangebot. Hier in der Zentralschweiz finden die vornehmlich Fisch fressenden Gänsesäger saubere und fischreiche Gewässer. Das hat sie wohl dazu bewogen, die Zentralschweiz nicht nur als Winterquartier-, sondern als Brutstätte zu nutzen.

Geschafft: Diese Gänsesäger sind in der Reuss angekommen. Bild: PD

Geschafft: Diese Gänsesäger sind in der Reuss angekommen. Bild: PD

Welchen Anteil haben Ihr Verein, respektive die koordinierten Rettungsaktionen am stetigen Anstieg der Luzerner Gänsesäger-Population?

Unsere Arbeit hat sich sicherlich positiv auf den Gänsesäger-Bestand ausgewirkt. Die Natur schalten wir aber nicht aus, die natürliche Auslese findet nach wie vor statt. Wenn etwa ein Weibchen acht oder neun Junge sicher in die Reuss geleiten kann, halbiert sich deren Zahl oftmals innert weniger Tage. Sie geraten in die Fänge von Raubvögeln oder werden ganz von Hechten oder Forellen gefressen. Aber auch wenn wir nichts unternehmen würden, gäbe es wohl eine Steigerung – aber nicht in diesem Mass.

Hat der starke Anstieg auch negative Folgen?

Gewisse Sportfischer stören sich daran, dass die Population immer grösser wird. Denn Gänsesäger ernähren sich hauptsächlich von Fisch. Das fängt schon bei wenigen Tage alten Pulli an. Sie bevorzugen dabei aber Weissfischarten, wie etwa die Rotfeder. Die sind für den menschlichen Verzehr weniger geeignet. Entsprechend wenig konkurrieren sie daher letztlich Fischer, wie Berufsfischer zugeben.

Gänsesäger sind auf der Roten Liste Schweiz dennoch als verletzlich eingestuft. Warum?

Schweizweit gibt es nach wie vor nur zwischen 500 und 700 Brutpaare, am meisten wahrscheinlich im Genferseegebiet. Zeitweise ist deren Gesamtanzahl aber deutlich grösser. Dann nämlich, wenn Gänsesäger im Herbst aus Skandinavien zu uns fliegen, wo Seen und Flüsse selten zufrieren.In der Schweiz überwintern bis zu 5000 Gänsesäger. Weltweit gesehen ist der Gänsesäger denn auch nicht gefährdet. Im Gegenteil. Er kommt auf der ganzen Nordhalbkugel vor, und breitet sich immer weiter aus – etwa auch bei uns.

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