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Kolumne

Der schwarze «Edelweissgurt» hält mich seit 15 Jahren zusammen

Fragile Bande sind es, die Kolumnist Hans Graber mit dem Schwingsport verknüpfen. Doch auf seinen traditionellen Appenzeller Gurt und das Essen einer Schwingerbeiz schwört er.
Hans Graber
Hans Graber

Hans Graber

Um ein Thema kommt man in diesen Tagen nicht herum. Aber Schwingen und ich, das ist eine fragile Beziehung. Annäherungsversuche hat es gegeben, man will ja nicht dauernd abseits stehen. Der Funke wollte jedoch nicht recht rüber springen, obwohl ich auf tutti ging und nicht mal vor optischen Anpassungen zurückschreckte: Im Übereifer kaufte ich so ein hellblaues Schwingerhemd mit Edelweiss-Motiven. Aber ich sah darin echt kacke aus. Nicht mal eine passable Fasnachtsnummer hätte ich so abgegeben.

Eingeschaltet habe ich den Kopf und ein Probeabo von «Schwingen, Hornussen, Jodeln» bestellt. Das Organ des Schwingerverbandes habe ich mehrere Wochen zaglos durchgelesen, aber ausser der früheren Verbandszeitung der Schweizer Journalisten ist mir noch nie ein müderes Blatt in die Hände gekommen. Die ganze Verschnarchtheit hatte schon wieder etwas Ergreifendes an sich, aber selbst das angestammte Zielpublikum wusste das nicht mehr ausreichend zu schätzen. Im März 2019 war Schluss mit «Schwingen, Hornussen, Jodeln». Nach 112 Jahren. Der Verband informiert jetzt online. Letztlich schade, irgendwie.

Was mich mit Schwingen eng verbindet, ist dagegen ein Gurt, gekauft am «Eidgenössischen» 2004 auf der Luzerner Allmend. Ein Appenzeller Gurt, schwarz, 4 Zentimeter breit, bestückt mit Edelweissen. Handarbeit, massiv, die Beschläge voll vernietet. Das Stück hat mir auf Anhieb gefallen. Ich habe es in den letzten 15 Jahren mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen tagtäglich am Leib getragen. Ohne diesen Gurt fühle ich mich unwohl, er hält mich zusammen und ist, wer weiss, auch verantwortlich dafür, dass mein Gewicht erstaunlich konstant ist.

Dabei esse ich gerne, auch währschaft, etwa in der als Schwingerbeiz bekannten «Moosschür» in Hellbühl, wo es sich auch mal richtige Schwingerkönige gut gehen lassen. Es gibt dort «Schwinger-Spezialitäten» wie das «Kurz/Lätz» (Cordon-bleu, Pommes frites, Gemüse), den «Hüfter» (Pfeffersteak, Pommes frites, gedämpfte Tomate), den «Schlungg» (Moosschürplättli) oder den «Wyberhaken» (Spezialbratwurst mit Zwiebelsauce). Die Köchin heisst übrigens Fatima. So macht mir Schwingen Freude. Und der Gurt hält.

Abnutzungsspuren sind jedoch unverkennbar. Mitte Woche habe ich deshalb den Laden von Wyder Hans in Rickenbach LU aufgesucht. Am seinem Stand habe ich seinerzeit den Gurt gekauft. Jetzt wollte ich wissen, ob doch ein neuer fällig werde. Herr Wyder stellte zu seinem Bedauern fest, dass der noch in einem untadelige Zustand sei und gefahrlos noch viele weitere Jahre getragen werden könne. Es sei eben Qualität, fast unzerstörbar.

Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass so ein Gurt seine Tücken hat, speziell der Edelweisse wegen. Diverse unserer Küchenstühle mussten neu lackiert werden, weil die Rücklehnen zerkratzt waren. Vereinzelt wurde in ein Hemd oder einen Pullover ein Loch gerissen, und aus dem Sofa schaute schon mal ein Faden hervor. Aber solchen Flurschäden begegne ich mit viel Gleichmut.

Ende Gurt, alles Gurt: Weil Wyder Hans ehrlich war und mir nichts aufschwatzen wollte, habe ich ihm trotzdem einen neuen Gurt abgekauft. Nicht den «zur Abwechslung» vorgeschlagenen hellbraunen oder dunkelblauen, Gott bewahre, sondern wiederum einen in schwarz. Tragen werde ich ihn vorderhand kaum. Neue Gurte sind recht sperrig, ganz anders als einer, der sich über 15 Jahre an einen anschmiegen konnte. Spätestens aber, wenn wir in Betracht ziehen, neue Küchenstühle oder ein neues Sofa anzuschaffen, werde ich den Wechsel vollziehen und forciert auf unserem Mobiliar herumranggen. Mit kühnen Kurz/Lätz’, gewagten Schlunggs und schwungvollen Hüftern.

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