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Kommentar

Zwischennutzung am Freigleis: Der Luzerner Stadtrat hat sich erpressbar gemacht

Der antikapitalistische Verein Räzel darf ab 2019 ein altes Stellwerk am Freigleis zwischennutzen. Der Stadtrat hat dadurch einen Verhandlungserfolg erzielt – sendet aber ein fatales Signal aus.
Robert Knobel
Robert Knobel

Robert Knobel

Der Verein Räzel darf ab 2019 ein altes Stellwerk am Freigleis für mindestens ein Jahr zwischennutzen. Dieses Angebot der Stadt Luzern ist letztlich das Resultat einer Hausbesetzung im vergangenen Frühling. Damals nahmen Linksautonome eine städtische Liegenschaft unterhalb der Museggmauer in Beschlag. Die Besetzer zogen ab mit dem Versprechen der Stadt, dass man deren Bedürfnis nach Freiraum respektiere, dafür aber einen legalen Weg suchen wolle (wir berichteten).

Der Abzug der Hausbesetzer von der Liegenschaft Auf Musegg 1 war also ein Verhandlungserfolg für die Stadt. Der Preis dafür ist aber ein hoher. Um nicht weitere Besetzungen zu riskieren, war die Stadt unter Druck, das Versprechen rasch einzulösen. So kam das leer stehende Stellwerk der Zentralbahn an der Horwerstrasse gerade zur rechten Zeit. Die Stadt rang den Besetzern zwar diverse Zugeständnisse ab – so mussten sie sich als Verein organisieren und sich verpflichten, in den Räumlichkeiten keine kommerziellen Tätigkeiten auszuführen und die Nachtruhe einzuhalten.

Aus Sicht der Aktivisten, die radikal basisdemokratisch und frei von jeder Hierarchie leben wollen, war dies eine Kröte, die sie mehr oder weniger widerwillig schluckten. Gleichzeitig nahm die Stadt in Kauf, die Gruppe bei der Vergabe der heiss begehrten Räumlichkeiten zu privilegieren. Im Wissen, dass etliche andere Gruppierungen und Vereine schon seit Langem auf Räume zum Zwischennutzen warten.

Die Stadt hat deshalb ein fatales Signal ausgesendet: Wer möglichst schnell einen Raum erhalten will, braucht bloss ein Haus zu besetzen, um die Behörden zum Handeln zu zwingen. Selbst wenn der Verein Räzel längst nicht nur aus Hausbesetzern besteht, liegt dieses ungute Gefühl jetzt in der Luft.

Der Verein Räzel will im alten Stellwerk an der Horwerstrasse einen Begegnungsort schaffen, an dem grundsätzlich jeder willkommen sei. Der ideologische Hintergrund der Mitglieder ist antikapitalistisch, basisdemokratisch und antihierarchisch. Diese Strömungen sind Teil unserer Gesellschaft. Grundsätzlich ist es deshalb richtig, dass die Stadt Luzern deren Vertretern Gestaltungs- und Freiräume zugesteht – so wie dies andere Gruppierungen genauso zurecht einfordern. Im besten Fall wird die Zwischennutzung an der Horwerstrasse das Quartier- und Stadtleben im positiven Sinne beleben.

Bedenklich ist hingegen die Art und Weise, wie diese Zwischennutzung zustande kam. Nicht nur, dass sich die Stadt erpressbar gezeigt hat, sondern auch, dass sich die Aktivisten nach wie vor hinter der Anonymität verstecken. Unsere Zeitung musste viele Hebel in Bewegung setzen, um wenigstens mit «Caroline» als Sprachrohr des Vereins sprechen zu können. Die Antworten auf die journalistischen Fragen wurden jeweils im Kollektiv behandelt und bleiben über weite Strecken vage. Der Nachname der Sprecherin bleibt dabei ebenso geheim wie die Identität der übrigen Vereinsmitglieder.

Sie scheinen ihrer subversiven Einstellung nicht ganz abschwören zu können – deshalb verweigern sie die vollständige Transparenz ausgerechnet gegenüber dem System, das ihnen den Freiraum ermöglicht. Auch die Stadt, die die Identität der Vereinsmitglieder als Einzige kennt, ist nicht bereit, diese öffentlich zu machen. Auch dies ist Teil des Deals zwischen den Aktivisten und der Stadt.

Die Behörden begeben sich dabei auf dünnes Eis. Hätte der Verein Räzel den Dialog mit unserer Zeitung vollständig verweigert, wäre die Stadt definitiv in Erklärungsnot geraten. Das Interview mit «Caroline» war denn auch das Resultat intensiver Verhandlungen hinter den Kulissen: Die Stadt hatte alles Interesse daran, die Aktivisten wenigstens zu einem kleinen Schritt an die Öffentlichkeit zu drängen. Zumindest dies ist nun gelungen. Ob sich die insgesamt nachsichtige Haltung der Stadt am Ende auszahlt, wird sich nächstes Jahr weisen.

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