Interview
Der Tipp vom Familientherapeut: «Eltern sollen auch mal wütend oder genervt sein»

Der Luzerner Familientherapeut Daniel Niederberger plädiert für weniger Perfektionismus in der Erziehung.

Jana Avanzini
Merken
Drucken
Teilen
Daniel Niederberger, fotografiert im Neubad in Luzern.

Daniel Niederberger, fotografiert im Neubad in Luzern.

Bild: Corinne Glanzmann (6. Februar 2020)

Sozialarbeiter und Autor Daniel Niederberger ist seit 30 Jahren als Familientherapeut tätig. Mit «Weniger erziehen – mehr leben!» ist nun sein zweites Buch erschienen. Darin geht es um verunsicherte Eltern, die nur das Beste wollen, und Kinder, die das Zepter in der Familie übernehmen. Wir haben den 62-jährigen Luzerner, der neben seiner Arbeit als Therapeut auch als Maler tätig ist, getroffen.

Wenn Sie die Probleme der Eltern heute analysieren, dann vergleichen Sie in Ihrem Buch stets mit früher. Meinen Sie, da war alles besser?

Daniel Niederberger: Auf keinen Fall. (lacht) Mit «Gott und Lehrer» war es bestimmt nicht ideal. Mein Vergleich mit vor 1960 entstand aus dem Bedürfnis heraus, zu verstehen, wie die Familie systemisch funktioniert hat und wie sie es heute tut. Dabei spielen gesellschaftliche Entwicklungen eine tragende Rolle. Dass wir mehr wissen, uns mehr leisten können, dass Familien weniger Kinder haben ebenfalls. Heute macht ein Kind eine Familie aus, anstatt fünf oder zehn. Seine Existenz, aber auch seine Gefühlslage bestimmen damit über die Familie und deren Zufriedenheit.

Kommen die sogenannten kleinen Tyrannen daher?

Aus meiner Sicht hat eine Hierarchie-Umkehrung stattgefunden. Eltern wollen sich ständig bei ihren Kindern versichern, dass sie alles richtig machen, es nicht übergehen und basisdemokratisch mitentscheiden lassen. «Ist das okay für dich? Gäll? Hast du verstanden?» Wir vergessen dabei, dass es mit Kindern oft einfach denkt. Sie hören ein Wort und bleiben in Gedanken hängen, antworten am Schluss des elterlichen Dialogs mit «Ja», auch wenn sie womöglich gar nicht mehr zugehört haben. Kinder sind Flöhe – und das ist auch gut so. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Bewusstsein kleinen Kindern zugesprochen wird. Reden funktioniert bei Kindern nicht immer. Ich spreche nicht von Gewalt, aber davon, dass man sich das Kind auch mal unter den Arm klemmt, wenn es im Laden aus lauter Frust über nicht Gekauftes randaliert. Zwischen Kindern und Eltern existiert eine natürliche Hierarchie. Die sollten wir anerkennen.

Können Sie das konkreter fassen?

Stellen wir uns das vor wie bei einer Wanderführerin. Sie hat die Route gecheckt, das Wetter, für Proviant gesorgt, sie weiss, wo man übernachtet. Solche Entscheide überlässt man keinem Kind. Es darf aussuchen, ob zusätzlich Chips oder Flips im Rucksack landen. Dieses Bild kann man gut in den Alltag übertragen. Oft sind Kinder auch ganz froh, an der Hand genommen zu werden.

Man kann sie aber auch zu oft an der Hand nehmen – ein oft genanntes Phänomen sind «Helikopter- und Curling-Eltern».

Es sind verschiedene Lebensfaktoren, die man ins Elternsein mitnimmt. Heute spielt, im Gegensatz zu früher, all das Wissen über die Psychologie mit rein. Was Kinder alles werden und bekommen können – man wird zur Vorsicht gemahnt. Wir vergessen, dass sie eigentlich recht stabile und widerstandsfähige Wesen sind, die ausprobieren und lernen. Es braucht schon langfristig schwierige Familiensituationen, um ein Kind wirklich zu «verderben». Sind wir als Familie, als Eltern zu 70 Prozent okay, ist das gut genug. Eltern sollen auch mal wütend sein, genervt oder sich vor Lachen kugeln. Nehmen wir das Familienleben mit mehr Lockerheit und Humor. Anstatt alles stets im Blick zu haben – so steht das Kind immer auf dem Prüfstand.

Trotzdem sind Schuldgefühle bei Eltern heute ein grosses Thema. Waren die nicht schon immer normal?

Nicht in dieser Form. Früher standen über der Familie Schicksal und Obrigkeit: «So ist das Kind halt! Schicksal. Und so macht man es!» In dieser Welt galt es gemeinsam durchzukommen. Heute müssen Eltern Tausende Entscheidungen treffen. Wie viel Geld gibt man wofür aus, welche pädagogisch wertvollen Spiele, Bücher kauft man, welche Schule wählt, welche Ausflüge unternimmt man? Man plant und plant und das muss dann auch aufgehen. Sonst kommen Schuldgefühle, denn man hätte besser entscheiden können. Durch die vielen Angebote und Erziehungsmethoden entsteht auch eine Eigendynamik unter Eltern. Im guten Willen gibt man sich Tipps und baut damit Druck auf. Dabei ist dieses Erziehen nach Methoden äusserst bedenklich. Das Leben in einer Familie ist so viel komplexer und vielfältiger, als eine Methode erfassen kann. Eine ganze Generation verrennt sich.

Das ist einfach zu sagen, wenn man ihr nicht angehört.

Natürlich. Wahrscheinlich ist das nur mit Distanz möglich. Nur mit der Distanz sehe ich aber auch, wie meine Generation diese Erziehungsoptimierung in den 90er-Jahren begonnen hat. Kinderrechte, Prävention, Erziehungskurse. Ein Auslöser war damals sicher auch die offene Drogenszene in Zürich. So etwas macht Angst. Und dann ist da der Markt. Wen etwas funktioniert und verkauft wird, dann springen immer mehr auf den Zug auf. Und Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind, sie sind die ideale Zielgruppe für «immer besser», «immer mehr».

Haufenweise Kurse, die besten Ausflüge – wir können Kindern so viel bieten. Warum sollten wir es nicht?

Das Leben hat grossartige Momente, aber auch Zeiten, in welchen lange nichts Aussergewöhnliches passiert. Das ist normal. Wir müssen deshalb die Kinder nicht dauernd bespassen. Langeweile lässt ihre Fantasie ja oft auch erst aufleben. Bieten wir ständig Programm, sieht das Kind den eigenen Wald nicht. Man kann nicht aktiv Selbstständigkeit fördern. (lacht) Oder wie sollen Kinder lernen, Konflikte zu lösen, wenn man bei jedem Streit um einen Bauklotz sofort vermittelt?

Wie das Kind herauskommt, das liegt bei den Eltern, oder?

Bei dieser Aussage erinnere ich gern an alte Familienfotos mit zehn und mehr Kindern. Darauf finden wir die fleissige Erfolgreiche, den kreativen Einsiedler, die gute Seele oder das schwarze Schaf der Familie. Alle mit derselben Erziehung, demselben Genpool. Ich frage Eltern oft: «Und, was für einen Geissbock habt ihr bekommen?» Was sich zuerst despektierlich anhört, heisst bloss: Ihr habt, was ihr habt, daran gibt es wenig zu rütteln. Das Kind muss keinem Ideal und auch nicht dem Durchschnitt entsprechen, sondern irgendwo in der riesigen Bandbreite auftauchen. Man kann nur schauen, was das Kind, mit seinem Charakter – manchmal toll, manchmal schwierig – braucht, um gut durch die Kindheit zu kommen und sich darauf verlassen, dass es schon gut kommt. Was es auch meistens tut.

Doch viele sorgen sich ja um die «Tyrannen-Kinder». Besonders, wenn sie dann erwachsen sind.

Diese Generation wird ihre Probleme selbst lösen. Das hat noch jede Generation getan und keine hat vorausgesehen, wie die nächste «so schwierige» Jugend sich entwickelt. Vertrauen wir darauf. So wie wir auch bei Kindern das Grundvertrauen haben sollte. Wir haben sowieso keine Kontrolle darüber, was kommt.