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Interview

«Der Verein ist kein Auslaufmodell»

Vereine sind zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Warum die Organisationsform gerade auch im Kanton Luzern trotz «Vereinssterben» noch lange nicht ausgedient hat, erklärt die Wissenschaftlerin Beatrice Schumacher.
Raphael Zemp
Grafik: Janina Noser
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Sechs Dinge, die Sie über die Luzerner Vereinslandschaft noch nicht wissen

Ob Musikgesellschaft, Jodelchörli, BMW-Liebhaber oder Auerhahn-Freunde: Vereine sind omnipräsent und bilden für viele einen wichtigen Pfeiler der Freizeitgestaltung. Sie lassen aber auch Rückschlüsse zu auf die Gesellschaft. Das sagt die freischaffende Historikerin Beatrice Schumacher. Die 54-jährige Baslerin hat einen Überblick zur Schweizer Vereinslandschaft publiziert («Vereine in der Schweiz – Die Schweiz und ihre Vereine»). Schon zuvor hat sie die Luzerner Vereinslandschaft im Rahmen der 2013 erschienenen Kantonsgeschichte untersucht.

Es ist dies der Auftakt zu einer Sommerserie, in der wir Ihnen in den nächsten Wochen die kuriosesten, speziellsten Vereine des Kantons vorstellen.

Beatrice Schumacher, viele Vereine beklagen Mitgliederschwund, können Vereinsfunktionen nicht besetzen. Gleichzeitig aber zeigt eine Erhebung des Bundes: Es sind tendenziell mehr Personen in Vereinen tätig. Wie geht das zusammen?

Das ist kein Widerspruch. Einerseits ist das Vereinssterben tatsächlich eine Realität, wie auch das Lädelisterben. Der Turn- oder Sängerverein in der klassischen Ausprägung hat ausgedient. Darin spiegelt sich ein gesellschaftlicher Wandel: Es überleben nur jene Vereine, die sich wandeln und den heutigen Bedürfnissen anpassen. Andererseits werden seit den 1970er-Jahren mehr Vereine gegründet denn je. Das erklärt womöglich, warum sich trotz Vereinssterben immer mehr Leute in Vereinen engagieren. Auch wenn nicht unbedingt als Kassier oder Buchhalter. Diese Ämter sind tatsächlich oft vakant, wie Untersuchungen gezeigt haben. Auch weil sie mit Verantwortung verbunden sind.

«Die augenfälligste Eigenheit der Luzerner Vereinslandschaft ist die starke katholische Prägung.»

Beatrice Schumacher Historikerin, (PD)

Beatrice Schumacher Historikerin, (PD)

Die Organisationsform Verein ist also kein Auslaufmodell?

Ganz im Gegenteil. Es ist nach wie vor eine unschätzbar wichtige Organisations- und Rechtsform. Der Verein ermöglicht es Privatpersonen, auf einfache Art eine juristische Persönlichkeit zu schaffen – und so öffentlich handlungsfähig zu werden sowie finanzielle Verantwortung von der einzelnen Person zu lösen.

Die Art des Vereinslebens hat sich allerdings entscheidend verändert.

Das stimmt. Das Vereinsleben von heute ist nicht mit jenem von früher zu vergleichen. Es findet weniger in der Öffentlichkeit statt und geniesst meistens auch nicht denselben Stellenwert. Man stelle sich etwa all jene Dorfvereine vor, die bis vor wenigen Jahrzehnten praktisch exklusiv für das Unterhaltungsleben auf dem Land verantwortlich waren. Diese Rolle üben Vereine nur noch ganz selten aus.

Als Historikerin haben sie sich auch mit den Wurzeln des Vereinswesens befasst. Wann und wie hat sich dieses gebildet?

Das reicht zurück ins 18. Jahrhundert. Damals wird die ständische Gesellschaftsordnung allmählich abgelöst von einer zunehmend demokratischen. In dieser Übergangsphase entstehen erste Zusammenschlüsse von Männern der Oberschicht, die über gesellschaftliche und politische Fragen diskutieren und debattieren. Folgerichtig werden diese Formen der Selbstorganisation denn auch Gesellschaften genannt. Nach und nach breitet sich dieser Prototyp des «modernen» Vereins aus, von der Oberschicht auf das Bürgertum, bis hin zu den Arbeitern, denen die Bundesverfassung von 1848 ebenfalls das freie Vereinsrecht zugesteht.

Dann spielt der junge Bundesstaat also eine wichtige Rolle für die hiesige Vereinslandschaft?

Ja. Wobei der Bundesstaat vielmehr das Resultat der Vereine ist als umgekehrt. Es waren die Vereine, in denen sich das liberale, demokratische, patriotische Gedankengut entwickelt hat, was den Weg zur Gründung des Bundesstaates bedeutend ebnete. Ähnlich stark begünstigten nur das Militär (Turnvereine als Körper- und Disziplinschule, Schützenvereine) und die katholische Kirche die Gründung von Vereinen. Und zwar vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte 20. Jahrhunderts.

Was ändert sich dann?

Spätestens in den 1970er Jahren kommt es zu einem radikalen Bruch. Kirche und Militär verlieren an Einfluss. An ihre Stelle tritt eine Vielzahl von Bewegungen, die sich in entsprechenden Vereinen organisieren. Die Linke etwa, aber auch die Frauen- und Umweltbewegung. Vereine entstehen überall dort, wo es Handlungsbedarf, Anliegen gibt. In diesem Zusammenhang ist auch der Boom von Selbsthilfegruppen zu sehen, der in den 90er-Jahren einsetzt.

Sie haben speziell die Luzerner Vereinslandschaft erforscht. Welche Besonderheiten sind Ihnen dabei aufgefallen?

Ein Vergleich mit anderen Kantonen oder Regionen ist schwierig – und auch ein wenig spekulativ, da erst wenig Grundlagenforschung betrieben worden ist. Trotzdem zeichnet sich die Vereinslandschaft im Kanton Luzern aus meiner Sicht durch gewisse Eigenheiten aus. Das augenfälligste ist sicherlich die starke katholische Prägung des Kantons und die über viele Jahrzehnte bestehend unsichtbare Wand zwischen Katholisch-Konservativen (den Roten) und Liberalen (den Schwarzen), was zu einer Doppelführung der Vereine führte.

Das Dorf mit einer liberal-radikalen Musikgesellschaft und einer katholischen…

Genau. Es gab zwei Turnvereine, zwei Gesangsvereine – je nach politischer Zugehörigkeit. Dabei handelte es sich selten um eine individuell getroffene Wahl. Man wurde in die eine oder andere (Vereins-)Welt hineingeboren, hatte eine Familientradition weiterzuführen. Diese gesellschaftliche Starre blieb teils bis in die 60er Jahre bestehen.

Welche weiteren Einflüsse hat die Katholische Kirche auf die hiesige Vereinstopografie ausgeübt?

Nebst dem sie die Bildung von sehr potenten und mitgliederstarken Vereinen in der Stadt und noch mehr auf dem Land geführt hat, ist sie massgeblich für die lückenlose Laientheatertradition im Kanton verantwortlich. Das Luzern des 17. und 18. Jahrhunderts war von den Jesuiten geprägt, die Theater und grosse Publikumsevents als Mittel der Volksbildung schätzten und förderten. So kam es, dass Aufführungen im Kanton Luzern nie verboten wurden – im Gegensatz zu den reformierten Kantonen – und es noch heute eine vitale Laientheaterszene gibt. Ähnlich begünstigt hat die Kirche auch auf Musik- und Gesangsvereine ausgeübt, die in der Kirchenarbeit stets eine wichtige Rolle gespielt haben. Das erklärt auch, warum Luzern heute eine Hochburg der Blasmusik ist.

IG, Club oder Verein?

Im juristischen Sinne ist ein Verein dann ordnungsgemäss, wenn sich eine ihre Gründer mit ideellem Zweck, schriftlichen Statuten einem Gründungsprotokoll und entsprechenden Vereinsorganen zusammengeschlossen hat (ZGB Art. 60). Ein Verein ist dabei nicht verpflichtet, in seinem Namen den Begriff «Verein» zu tragen und kann sich daher auch als Gemeinschaft, Gesellschaft, Partei oder Verband bezeichnen – Wobei letztere Bezeichnung üblicherweise für einen Verein mit mehreren Sektionen, Untervereinen verwendet wird.

Interessensgemeinschaft, Club oder Verband hingegen sind keine rechtlichen Begriffe. Meist sind sie ebenfalls als Vereine organisiert, möglich sind aber auch andere Organisationsformen, wie zum Beispiel die einfache Gesellschaft. Im Gegensatz zum Verein haften in dieser Gesellschaftsform die Mitglieder persönlich. Zudem kann sie kein eigenes Post- oder Bankkonto eröffnen. (zar)

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